Wie ein Wun­der

Vor mehr als 30 Jah­ren fi­nan­zier­te die Mön­chen­glad­ba­cher Ak­ti­on Frie­dens­dorf die ret­ten­de Ope­ra­ti­on für die da­mals zwei Jah­re al­te Jo­lan­ta Ma­ria. Sie hat­te ei­ne Fehl­bil­dung der Spei­se­röh­re. Jetzt sagt die Fa­mi­lie mit ei­ner Spen­de noch­mals: Dan­ke.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON AN­GE­LA RIET­DORF

Am 31. Mai 1983 wird in der pol­ni­schen Stadt Pi­la ein klei­nes Mäd­chen ge­bo­ren: Jo­lan­ta Ma­ria. Die El­tern An­na und Zbi­gniew Ka­niew­ski, bei­de Ärz­te, freu­en sich über die Ge­burt der an­schei­nend ge­sun­den Toch­ter. Doch schon ei­nen Tag spä­ter kommt der Schock – das Kind hat kei­ne durch­ge­hen­de Spei­se­röh­re. Es kann kei­ne Nah­rung zu sich neh­men. In Po­len kann die­se Fehl­bil­dung da­mals nicht ope­riert wer­den. Nur die Er­näh­rung über ei­ne Ma­gen­son­de ist mög­lich. Die El­tern sind ver­zwei­felt, bis Hil­fe aus Mön­chen­glad­bach kommt.

Heu­te ist Jo­lan­ta Ma­ria ei­ne ge­sun­de jun­ge Frau, hat Ger­ma­nis­tik stu­diert und ar­bei­tet als As­sis­ten­tin der Ge­schäfts­füh­rung ei­nes Mö­bel­hau­ses. Dass sie in der Vor­weih­nachts­zeit mit ih­ren El­tern in den Räu­men der Ak­ti­on Frie­dens­dorf sitzt und ei­ne Spen­de über­gibt, ist ei­ner Rei­he von glück­li­chen Um­stän­den oder auch wun­der­ba­rer Fü­gung zu ver­dan­ken, je nach­dem wie man es se­hen will.

In den 80er Jah­ren trennt noch der Ei­ser­ne Vor­hang Ost- und We­st­eu­ro­pa, aber als Po­len 1982 un­ter ei­ner schwe­ren Wirt­schafts­kri­se zu lei­den be­ginnt, be­schließt die Mön­chen­glad­ba­cher Initia­ti­ve Ak­ti­on Frie­dens­dorf, mit Hilfs­gü­tern Un­ter­stüt­zung zu leis­ten. 1982 und 1983 ge­hen meh­re­re Trans­por­te nach Schei­de­mühl, dem heu­ti­gen Pi­la. Hel­mut Gö­bels, ei­ner der Grün­der der Initia­ti­ve, ist selbst bei der Über­ga­be der Hilfs­gü­ter mit da- bei. „Wir hat­ten Spen­den für ein Kin­der­heim, ei­ne Schu­le und ein In­ter­nat da­bei“, er­in­nert sich Hel­mut Gö­bels. „An der DDR-Gren­ze hat­te es Schwie­rig­kei­ten ge­ge­ben, und wir muss­ten um Mit­ter­nacht bei­de Lkw kom­plett ent­la­den. Aber in Pi­la wur­den die Hilfs­gü­ter be­geis­tert ent­ge­gen­ge­nom­men.“Und so ent­steht über die In­ter­nats­lei­te­rin der Kon­takt zu Jo­lan­tas Fa­mi­lie. „Wir wuss­ten da­mals nicht mehr wei­ter“, er­zählt Zbi­gniew Ka­niew­ski, Jo­lan­tas Va­ter. „Jo­la war nur not­fall­mä­ßig ver­sorgt wor­den und wur­de über die Ma­gen­son­de er­nährt.“Die Ak­ti­on Frie­dens­dorf nimmt sich des Falls an.

Hel­mut Gö­bels kann in Er­fah­rung brin­gen, dass in Köln mit Dr. Gha­rib ein Chir­urg ar­bei­tet, der Er­fah­rung mit und Er­folg in sol­chen Fäl­len hat. Die Initia­ti­ve be­schließt, die ge­sam­ten Kos­ten für die Be­hand­lung zu über­neh­men. Nach­dem der Kampf um die er­for­der­li­chen Ge­neh­mi­gun­gen mit den pol­ni­schen Be­hör­den be­stan­den ist, rei­sen die El­tern mit der klei­nen Toch­ter nach Köln. Die Vor­be­rei­tun­gen für die Ope­ra­ti­on sind lang­wie­rig, denn die vor­han­de­nen Tei­le der Spei­se­röh­re müs­sen ge­dehnt wer­den, ei­ne schwie­ri­ge und zeit­auf­wän­di­ge Auf­ga­be, die Jo­las Va­ter über­nimmt. Schließ­lich wird in zwei Ope­ra­tio­nen die Spei­se­röh­re ge­schlos­sen. „Die­se chir­ur­gi­sche Leis­tung ist ein wah­res Kunst­werk“, sagt Zbi­gniew Ka­niew­ski, selbst Chir­urg. „Und wie durch ein Wun­der ist es nicht zu Kom­pli­ka­tio­nen ge­kom­men.“

Dann muss Jo­lan­ta das Es­sen ler­nen. Sie, die seit ih­rer Ge­burt nicht ge­ges­sen und auch nichts ge­schmeckt hat. „Es war ein Kampf“, sagt ih­re Mut­ter. „Ein­mal ist ihr noch ein Stück Wurst im Hals ste­cken­ge­blie­ben, aber als sie zwei Jah­re alt war, war es ge­schafft.“Jo­lan­ta kann wie ein ge­sun­des Kind auf­wach­sen. Sie muss beim Es­sen ein biss­chen vor­sich­ti­ger sein, aber die Le­bens­qua­li­tät ist nicht ein­ge­schränkt.

Für die Be­hand­lung hat die Ak­ti­on Frie­dens­dorf mehr als 50.000 Eu­ro auf­ge­bracht, al­les aus Spen­den­mit­teln der Glad­ba­cher Un­ter­stüt­zer. Das Gan­ze hat­te da­mals für Auf­se­hen und bun­des­wei­te Be­richt­er­stat­tung ge­sorgt, liegt aber meh­re­re Jahr­zehn­te zu­rück. Um­so über­rasch­ter ist Hel­mut Gö­bels, als die Fa­mi­lie Ka­niew­ski wie­der Kon- takt auf­nimmt. „Ich war sehr ver­blüfft und er­freut“, sagt Gö­bels, der dar­auf­hin in sei­nem Archiv kram­te und die ge­sam­te Be­richt­er­stat­tung, Rech­nun­gen und Be­le­ge vor­fin­det. Und am vier­ten Ad­vents­sonn­tag sit­zen al­le bei­ein­an­der und tau­schen Er­in­ne­run­gen aus. Dies­mal aber über­reicht Fa­mi­lie Ka­niew­ski ei­ne Spen­de – zur Er­in­ne­rung an die ge­glück­te Ret­tung. Die Spen­de wur­de an­läss­lich des 60. Ge­burts­ta­ges von Jo­lan­tas Va­ter ge­sam­melt. 2000 Eu­ro sind so zu­sam­men­ge­kom­men.

„Ich ha­be auch Kol­le­gen auf die Ak­ti­on Frie­dens­dorf auf­merk­sam ge­macht, die nun eben­falls spen­den wol­len“, er­klärt Zbi­gniew Ka­niew­ski. Da­mit die men­schen­freund­li­che Ar­beit der Mön­chen­glad­ba­cher Initia­ti­ve, die von Chris­ten bei­der Kon­fes­sio­nen ge­tra­gen wird, wei­ter­ge­hen kann.

RP-FOTO: ISA­BEL­LA RAUPOLD

Ein Wie­der­se­hen nach 30 Jah­ren: Fran­zis­ka Suf­fen­plan-Goebels, Hel­mut Goebels, Jo­lan­ta Ka­niew­s­ka, sit­zend: Ru­dolf Meu­ser, da­hin­ter Mi­chel Meu­ser, Zbi­gniew Ka­niew­ski und An­na Ka­niew­s­ka

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