Leo­polds ers­tes Weih­nach­ten

Rheinische Post Moenchengladbach - - DIE TIERWELT -

Wir sind ei­ne leb­haf­te zwölf­köp­fi­ge Fa­mi­lie. Al­le Jah­re wie­der fin­den wir uns am 24. De­zem­ber bei mei­ner Mut­ter ein. Dies­mal brach­te ich Leo­pold mit. Zehn Wo­chen war er alt. Ein fröh­li­cher, fre­cher klei­ner Co­cker. Mei­ne Mut­ter ließ ihr Glöck­chen er­tö­nen und wir be­tra­ten das ge­schmück­te Wohn­zim­mer. Rund um den Tan­nen­baum mit sei­nen bren­nen­den Ker­zen la­gen un­se­re Ge­schen­ke. Nach­dem wir ge­sun­gen und un­se­re Jüngs­te ein Ge­dicht vor­ge­tra­gen hat­te, ging’s ans Päck­chen aus­pa­cken.

Leo­pold setz­te sich auf mei­ne Schuh­spit­ze und be­trach­te­te das wüs­te Durch­ein­an­der erst aus si­che­rer Ent­fer­nung. Aber nicht lan­ge, dann misch­te er mit. Er stürz­te sich ins Ge­wühl, sti­bit­ze ein Päck­chen und schlepp­te es un­ter den Weih­nachts­baum. Knur­rend schüt­tel­te er sei­ne Beu­te durch, um dann ge­nüss­lich dar­auf her­um­zu­kau­en. „Das war mein Ge­schenk“, jam­mer­te mei­ne sechs­jäh­ri­ge Nich­te. Sie kroch zu ihm un­ter den Tan­nen­baum, ver­such­te, es ihm wie­der ab­zu­ja­gen. Der Baum be­gann zu schwan­ken, ver­lor durch das Ge­zer­re zu sei­nen Fü­ßen das Gleich­ge­wicht. Mein Bru­der sprang geis­tes­ge­gen­wär­tig auf, konn­te ihn ge­ra­de noch fest­zu­hal­ten, ei­nen Brand ver­hin­dern. Ich über­zeug­te Leo­pold, sei­nen Raub wie­der her­zu­ge­ben. So en­de­te al­les in ei­ner fried­li­chen hei­li­gen Nacht.

Ilo­na Hen­ke, Gre­ven­broich

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