Be­gin­ne jetzt!

Rheinische Post Moenchengladbach - - VORDERSEITE -

Es ist noch nicht lan­ge her, da dach­ten die Deut­schen, sie wä­ren an­ge­kom­men. Das De­sas­ter des Zwei­ten Welt­kriegs: 70 Jah­re weit weg. Der lan­ge Weg zur Wie­der­ver­ei­ni­gung: ein Vier­tel­jahr­hun­dert Ver­gan­gen­heit. Deutsch­land heu­te: ei­ne Su­per-Me­ga-Er­folgs­ge­schich­te. Ei­ne Wei­le wa­ren die, die das mit ge­schaf­fen hat­ten, stolz, dass ihr Land nach Ame­ri­ka zum zwei­tat­trak­tivs­ten Ort ge­wor­den war, an dem Leu­te aus al­ler Welt gern le­ben wür­den. Al­les schien über­schau­bar, plan­bar, und das fühl­te sich sehr, sehr gut an. Die Deut­schen dach­ten, das gin­ge im­mer so wei­ter. Sie dach­ten, sie könn­ten es sich ge­müt­lich ma­chen in ei­ner Art Schweiz mit 80,5 Mil­lio­nen Ein­woh­nern.

Am En­de die­ses Jah­res le­ben 81,5 Mil­lio­nen in die­sem Land, und das hat ge­reicht, dass vie­le es kaum wie­der­er­ken­nen. Die nie ge­ahn­te Be­reit­schaft ei­nes Hee­res von Frei­wil­li­gen, bis zur Er­schöp­fung Mas­sen von Men­schen zu hel­fen, die nicht viel mehr be­sit­zen als das, was sie auf dem Lei­be tra­gen, je­nes Mus­ter­bei­spiel an staats­bür­ger­li­cher Ver­ant­wor­tung, die noch im­mer ent­schei­dend da­zu bei­trägt, den Kol­laps der öf­fent­li­chen Ver­wal­tung vor dem An­sturm der Flücht­lin­ge zu ver­hin­dern – das macht die ei­ne Sei­te des neu­en Ab­bil­des der Na­ti­on aus. Die an­de­re Sei­te ist kei­nes­wegs oh­ne Bei­spiel, lei­der. Sie weckt Er­in­ne­run­gen an ei­ne Ent­wick­lung, die der­art schreck­lich en­de­te, dass die we­nigs­ten dach­ten, ih­re An­fän­ge wür­den je wie­der mit sol­cher Wucht zu­ta­ge tre­ten: ab­grund­tie­fes Miss­trau­en in den Staat, of­fe­ne Ver­ach­tung von Eli­ten, das Auf­blü­hen kru­der Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, ei­ne ab­sto­ßen­de Ver­ro­hung der Sit­ten und nicht zu­letzt ei­ne ex­plo­si­ons­ar­ti­ge Aus­brei­tung von Ge­walt ge­gen Frem­de.

Die meis­ten Deut­schen mö­gen das Ge­fühl noch ken­nen, was Tei­lung be­deu­tet. Doch wer hät­te ge­glaubt, dass sie ein­mal so ge­spal­ten wä­ren? Vor wem er­schre­cken sie in die­sen Ta­gen mehr? Vor de­nen, die kom­men? Oder vor sich selbst?

Wie auch im­mer: Die Angst ist zu­rück und da­mit Ver­zagt­heit. Sehn­sucht nach Klein­räu­mig­keit und re­gio­na­ler Kon­trol­le über­zieht ein Land, das ein­mal Vor­rei­ter von Of­fen­heit und Gren­zen­lo­sig­keit war. Die Bür­ger Ham­burgs, die ih­re Stadt gern als „Tor zur Welt“rüh­men, ha­ben es vor ein paar Wo­chen fer­tig­ge­bracht zu ver­hin­dern, dass dort viel­leicht 2024 die Olym­pi­schen Spie­le aus­ge­tra­gen wer­den. Wie ge­lähmt er­schien das Aa­che­ner Karls­preis-Di­rek­to­ri­um, das all­jähr­lich Per­so­nen oder In­sti­tu­tio­nen aus­zeich­net, die sich um Eu­ro­pa ver­dient ge­macht ha­ben: Das Gre­mi­um zö­ger­te un­ge­wohnt lan­ge mit sei­ner Ent­schei­dung für den Preis­trä­ger 2016: zu schwie­rig, zu vie­les im Fluss. Am En­de wur­de es der Papst.

Doch wer hat je be­haup­tet, es wür­de ein­fach? Oder es blie­ben uns Rück­schlä­ge er­spart? Oder es war­te­ten kei­ne Zu­mu­tun­gen mehr? Für je­ne, die sich das vor­stell­ten, hält 2015 ein paar har­te Leh­ren be­reit. Ers­tens: Das wä­re zu schön, um wahr zu sein. Zwei­tens: Nur da­ge­gen zu sein, wenn es an­ders kommt, hilft nicht wirk­lich wei­ter. Wer ei­nen Pfeil an die Wand wirft, ei­ne Ziel­schei­be drum­her­um malt und meint, mit­ten ins Schwar­ze ge­trof­fen zu ha­ben, liegt auch künf­tig da­ne­ben. Be­deu­tet drit­tens: Es bleibt an­stren­gend.

In Wahr­heit war es nie­mals an­ders. Es knirscht übe­r­all auf der Welt, und wenn es das in die­sem Land ei­ne gan­ze Wei­le we­ni­ger tat, so liegt dies an den Fä­hig­kei­ten sei­ner Be­woh­ner, Pro­ble­me an­zu­pa­cken und sich, wenn es sein muss, selbst neu zu er­fin­den. Aber war nicht auch ei­ne Rie­sen­por­ti­on For­tu­ne mit im Spiel? An­de­ren war we­ni­ger be­schert, doch ihr Un­glück er­reich­te uns nicht. Jetzt schon.

Mit der Ve­r­un­si­che­rung, die der täg­li­che Zustrom Tau­sen­der her­vor­ruft, ist man­cher erst ein­mal al­lein. Ein­sa­me Rat­lo­sig­keit aber darf nicht die Ober­hand ge­win­nen. Ver­hin­dern lie­ße sich das, wenn al­le be­grif­fen, dass es um ei­ne Her­aus­for­de­rung geht, der sich nie­mand ent­zie­hen darf: die Po­li­tik nicht, die schnellst­mög­lich die Kon­trol­le über die Zu­wan­de­rung zu­rück­ge­win­nen muss; die Wirt­schaft nicht, die Hun­dert­tau­sen­de Frem­de in Lohn und Brot zu brin­gen, die Ver­wal­tung nicht, die für ei­ne men­schen­wür­di­ge Un­ter­brin­gung zu sor­gen hat.

Schließ­lich: Je­der trägt jetzt ei­ne Ver­ant­wor­tung, die ihm vor­her so nicht auf­er­legt war. Sie ver­langt Ent­schie­den­heit und Cou­ra­ge, und sie be­steht nicht nur dar­in, Leu­ten ent­ge­gen­zu­tre­ten, die Lü­gen, Het­ze und Hass ver­brei­ten. Sie be­steht auch dar­in, de­nen, die ge­kom­men sind, klar­zu­ma­chen, dass sie nicht bloß un­ter uns, son­dern mit uns le­ben sol­len; dass sie al­so den Wer­ten die­ses Lan­des ver­pflich­tet sind. Ei­ne Auf­ga­be, die nicht nur das Jahr 2016 be­stim­men wird.

Es gibt ei­nen Ge­dan­ken, der dem gro­ßen Jo­hann Wolf­gang Goe­the zu­ge­schrie­ben wird und der al­len galt, de­nen der Mut mit­un­ter sank. Ein paar Sät­ze, 200 Jah­re alt, die groß­ar­tig in die Ge­gen­wart pas­sen:

„In dem Au­gen­blick, in dem man sich end­gül­tig ei­ner Auf­ga­be ver­schreibt, be­wegt sich die Vor­se­hung auch. Al­le mög­li­chen Din­ge, die sonst nie ge­sche­hen wä­ren, ge­sche­hen, um ei­nem zu hel­fen. Ein gan­zer Strom von Er­eig­nis­sen wird in Gang ge­setzt durch die Ent­schei­dung, und er sorgt zu den ei­ge­nen Guns­ten für zahl­rei­che un­vor­her­ge­se­he­ne Zu­fäl­le, Be­geg­nun­gen und ma­te­ri­el­le Hil­fen, die sich kein Mensch vor­her je so er­träumt ha­ben könn­te. Was im­mer du kannst, oder dir vor­stellst, dass du es kannst, be­gin­ne es. Kühn­heit trägt Ge­ni­us, Macht und Ma­gie. Be­gin­ne jetzt.“

Be­gin­nen wir al­so. Be­gin­nen wir jetzt.

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