Schwe­dens Ab­schied von der Of­fen­heit

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON RU­DOLF HER­MANN

STOCKHOLM Ei­ne Sze­ne, wie sie ei­gent­lich nie­mand für mög­lich ge­hal­ten hät­te: Im Riks­dag, dem schwe­di­schen Par­la­ment, er­he­ben die Ab­ge­ord­ne­ten der rot-grü­nen Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on zu­sam­men mit den Par­la­men­ta­ri­ern der rechts­na­tio­na­len Schwe­den­de­mo­kra­ten die Hand, um ein Ge­setz zu ver­ab­schie­den, das auf drei Jah­re Aus­weis­kon­trol­len bei der Ein­rei­se nach Schwe­den vor­schreibt. Da­ge­gen sind die Links­au­ßen-Par­tei und das li­be­ra­le Zen­trum, Letz­te­res we­gen Be­fürch­tun­gen um die wirt­schaft­li­che Zu­kunft der Me­tro­pol­re­gi­on Ko­pen­ha­gen-Mal­mö. Die bür­ger­li­chen Par­tei­en ent­hal­ten sich der Stim­me. Sie un­ter­stüt­zen die Maß­nah­me zwar prin­zi­pi­ell, aber nur für sechs Mo­na­te. Ei­ne Al­li­anz von Links­grün und Rechts­au­ßen – steht Schwe­dens Po­li­tik Kopf?

Die Sze­ne mag die Rat­lo­sig­keit il­lus­trie­ren, die in Schwe­den an­ge­sichts der eu­ro­päi­schen Flücht­lings­kri­se herrscht. Noch vor ei­ni­gen Mo­na­ten hat­te es von So­zi­al­de­mo­kra­ten und Grü­nen ge­hei­ßen, ei­ne Ober­gren­ze für die Zahl der Asyl­su­chen­den ge­be es nicht. Nun zog man die Not­brem­se in ei­ner Ent­wick­lung, de­ren Kon­trol­le der Re­gie­rung ent­glit­ten ist. Und Hil­fe leis­tet aus­ge­rech­net je­ne po­li­ti­sche Kraft, in der die Re­gie­rungs­par­tei­en rechts­ex­tre­mes Ge­dan­ken­gut or­ten und von der sie ei­gent­lich so weit weg wie mög­lich sein möch­ten.

Ge­gen mo­de­ra­te­re Maß­nah­men zur Min­de­rung der At­trak­ti­vi­tät Schwe­dens als Zi­el­land für Asyl­su­chen­de, wie sie von der bür­ger­li­chen Op­po­si­ti­on schon vor Mo­na­ten vor­ge­schla­gen wor­den wa­ren, hat­te sich das Ka­bi­nett von Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­fan Löf­ven wie­der­holt ge­wehrt. Man ver­tei­dig­te das Ide­al von Schwe­den als „hu­ma­ni­tä­rer Su­per­macht“. Bis un­ter dem Druck der 200.000 Flücht­lin­ge, die al­lein die­ses Jahr nach Schwe­den ge­kom­men sind, der He­bel um­ge­legt wer­den muss­te.

Schwe­dens Ruf als hilfs­be­rei­tes Land geht zu­rück auf die frü­hen 1990er Jah­re, als Kriegs­ver­trie­be­nen vom West­bal­kan groß­zü­gig Un­ter­stüt­zung ge­leis­tet wur- de. Ei­ne zwei­te Wel­le mit Im­mi­gran­ten vor al­lem aus dem nah­öst­li­chen Raum folg­te im Nach­gang des Irak-Krie­ges von 2003. At­trak­tiv ist das Land für Mi­gran­ten nicht nur ma­te­ri­ell durch sein ex­ten­si­ves Sys­tem von So­zi­al­leis­tun- gen, son­dern auch auf­grund des ge­sell­schaft­li­chen Kli­mas. Ei­ne sub­stan­zi­el­le Mehr­heit in Be­völ­ke­rung und Po­li­tik, links wie rechts der Mit­te, sieht nach wie vor ei­ne Ver­ant­wor­tung Schwe­dens als rei­chen Lan­des und be­für­wor­tet ei­ne of­fe­ne Im­mi­gra­ti­ons­po­li­tik. Auf die Zu­wan­de­rung hat­te das acht­jäh­ri­ge Zwi­schen­spiel ei­ner Mit­te-rechts-Re­gie­rung zwi­schen 2006 und 2014 im ge­ne­rell eher so­zi­al­de­mo­kra­tisch ge­präg­ten Schwe­den kei­ner­lei dämp­fen­den Ein­fluss.

Durch die ver­hält­nis­mä­ßig star­ke Zu­wan­de­rung in den ver­gan­ge­nen fünf­zehn Jah­ren aus dem ara­bi­schen und afri­ka­ni­schen Raum ha­ben sich in Schwe­den sub­stan­zi­el­le Ge­mein­den et­wa aus Eri­trea, So­ma­lia, dem Irak oder Sy­ri­en her­aus­ge­bil­det. Der Fa­mi­li­en­nach­zug war in Schwe­den bis zur jüngs­ten Ver­schär­fung des Asyl­ge­set­zes li­be­ral ge­re­gelt; bei Sy­rern galt seit dem Aus­bruch des Bür­ger­kriegs prak­tisch ein Au­to­ma­tis­mus für die Zu­er­ken­nung ei­ner un­be­grenz­ten Auf­ent­halts­be­wil­li­gung. Dies mach­te Schwe­den schließ­lich zu ei­nem ver­hei­ßungs­vol­len Zi­el­land nicht nur für die­je­ni­gen, die be- reits Ver­wandt­schaft im Land hat­ten, son­dern auch für Flücht­lin­ge, die hoff­ten, in ei­ner neu­en Um­ge­bung mit Lands­leu­ten ei­nen ein­fa­che­ren Start zu ha­ben.

Die Zu­nah­me der Zu­wan­de­rung hat al­ler­dings ei­ne Dis­kre­panz of­fen­ge­legt zwi­schen dem de­kla­rier­ten Wil­len von Po­li­ti­kern und Be­völ­ke­rung zur Auf­nah­me von Mi­gran­ten und der Be­reit­schaft, die für ei­ne nach­hal­ti­ge ge­sell­schaft­li­che In­te­gra­ti­on nö­ti­gen Struk­tu­ren zu schaf­fen oder zu ver­än­dern. Lang­zeit­stu­di­en zei­gen, dass es schon zwi­schen 2004 und 2014, al­so in ei­ner Zeit re­la­tiv mo­de­ra­ter Zu­wan­de­rung, nur schlecht ge­lun­gen ist, Asyl­su­chen­de und Mi­gran­ten aus Fa­mi­li­en­nach­zug in das schwe­di­sche Er­werbs­le­ben und die Mehr­heits­ge­sell­schaft all­ge­mein ein­zu­glie­dern.

Pro­blem­be­rei­che sind der er­schwer­te Zu­gang von Im­mi­gran­ten zu Wohn­raum, was ei­ner ge­wis­sen Ghet­to­bil­dung Vor­schub leis­tet, und schwer­fäl­li­ge Ab­läu­fe bei der An­er­ken­nung von Be­rufs­aus­wei­sen und der Aus­stel­lung von Ar­beits­be­wil­li­gun­gen. Zwei Grund­be­din­gun­gen für er­folg­rei­che In­te­gra­ti­on – Woh­nen und Ar­bei­ten – las­sen sich da­mit schon jetzt nur schwer er­fül­len. Mit dem in den letz­ten Mo­na­ten noch sub­stan­zi­ell an­ge­schwol­le­nen Flücht­lings­strom dürf­te sich die Si­tua­ti­on wei­ter ver­schär­fen. Oh­ne In­te­gra­ti­on stellt die Zu­wan­de­rung aber mit­tel­fris­tig ei­ne Ge­fahr für die fi­nan­zi­el­le Sta­bi­li­tät des So­zi­al­sys­tems dar. Schon jetzt ge­hen laut ei­ner neu­en Stu­die vol­le zwei Drit­tel der aus­be­zahl­ten So­zi­al­trans­fers an die Grup­pe der nicht in Schwe­den Ge­bo­re­nen, die ge­ra­de 16,5 Pro­zent der Be­völ­ke­rung dar­stel­len.

Die­se Ent­wick­lung wird von ei­nem wach­sen­den Teil der Be­völ­ke­rung als Pro­blem wahr­ge­nom­men. Das wie­der­um ist ein Grund für die zu­neh­men­de Po­pu­la­ri­tät der im­mi­gra­ti­ons­feind­li­chen Schwe­den­de­mo­kra­ten. In Um­fra­gen ist ih­re Un­ter­stüt­zung in­ner­halb ei­nes Jah­res von 13 Pro­zent auf rund 20 Pro­zent ge­stie­gen, was sie fast auf Au­gen­hö­he mit den Groß­par­tei­en der So­zi­al­de­mo­kra­ten und mo­de­ra­ten Kon­ser­va­ti­ven bringt.

Ei­ne Mehr­heit in Be­völ­ke­rung und Po­li­tik, links wie rechts der Mit­te, be­für­wor­tet ei­ne of­fe­ne

Im­mi­gra­ti­ons­po­li­tik

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