Sil­ves­ter – die Nacht der klei­nen Schrit­te

Zum Jah­res­wech­sel gibt es kei­nen kom­plet­ten Neu­an­fang. Aber die Hoff­nung die­ser Nacht kön­nen wir mit­neh­men.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - Der rheinische Prä­ses Man­fred Re­kow­ski schreibt hier an je­dem vier­ten Wo­che­n­en­de im Mo­nat, die­ses Mal we­gen der Weih­nachts­fei­er­ta­ge erst am Mon­tag. Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rem Au­tor: ko­lum­ne@rheinische-post.de

Sil­ves­ter­nacht: für die ei­nen Par­ty­zeit, für an­de­re Ar­beits­zeit, zum Bei­spiel im Kran­ken­haus; von wie­der an­de­ren igno­riert, von man­chen ge­fürch­tet, weil ei­nem die Ein­sam­keit be­son­ders be­wusst wird oder Tren­nun­gen deut­li­cher schmer­zen als sonst. Sil­ves­ter­nacht: Sie ist aber auch die Nacht der gu­ten Vor­sät­ze, der Rück­schau und des Aus­blicks. Sie kommt ei­nem nah. Die Sil­ves­ter­nacht ist ei­ne be­we­gen­de Nacht. Sie ist für vie­le mit Wün­schen, Hoff­nun­gen und Er­war­tun­gen ge­füllt. Es ist die Nacht der Ve­rän­de­rungs­be­reit­schaft und des Auf­bruchs: Im neu­en Jahr soll al­les bes­ser wer­den!

Man­che sind froh, dass sie ei­nen Schluss­strich un­ter das al­te Jahr zie­hen kön­nen, das aus ih­rer Sicht nicht ge­hal­ten hat, was es vor zwölf Mo­na­ten als neu­es Jahr ver­spro­chen hat. An­de­re hof­fen, dass Trau­er oder Streit die­ses Jah­res end­lich en­den. Vie­le mei­nen, dass die Sil­ves­ter­nacht ge­nau das ver­spricht: Mit dem neu­en Jahr ist dann auch al­les neu. Doch so ist es gar nicht. In der Sil­ves­ter­nacht hört nicht ein­fach auf, was uns Men­schen 365 Ta­ge lang be­wegt hat. Mit den ab­ge­brann­ten Ra­ke­ten fällt nicht die Runder­neue­rung un­se­rer Zeit und un­se­res Le­bens vom Him­mel. Auch wenn die Uhr auf 0.00 Uhr wech­selt, kön­nen wir in der Sil­ves­ter­nacht nicht ein­fach die Re­set-Tas­te drü­cken, al­les auf null stel­len.

Es gibt zwar ei­nen neu­en Ka­len­der, aber kei­nen gänz­li­chen Neu­an­fang. Doch wir kön­nen in un­se­rem ei­ge­nen „klei­nen“Le­ben et­was tun: ei­nen der vie­len gu­ten Vor­sät­ze be­her­zi­gen, ei­ne ge­plan­te Ve­rän­de­rung in An­griff neh­men, viel­leicht dem Ob­dach­lo­sen das Stra­ßen­ma­ga­zin „Fif­ty­fif­ty“ab­kau­fen. Das ver- än­dert nicht die wei­te Welt, aber im Klei­nen kann ich et­was be­wir­ken.

Ne­ben den klei­nen Schrit­ten brau­che ich auch die gro­ßen Hoff­nungs­bil­der. Auch wenn ich das, was durch mei­ne Hän­de geht, nicht fest­hal­ten kann, bin ich nicht ohn­mäch­tig. Gott macht mir Mut, Zeit und Welt zu ge­stal­ten. In Bi­bel und Kir­che fin­de ich im­mer wie­der Got­tes Al­ter­na­ti­ven zu un­se­rer Welt des Un­frie­dens und der Un­ge­rech­tig­keit. Da kann ich ent­de­cken, was mir und mei­nen Mit­men­schen zum Le­ben hilft.

Wenn wir „Dein Reich kom­me!“ be­ten, er­war­ten wir auch, dass Gott Grö­ße­res und Bes­se­res mit uns vor­hat, als wir es jetzt le­ben. Ob ich mei­ne Zeit in sei­nem Sin­ne nut­ze, das ha­be ich selbst in der Hand: Wer sich in die­sem Sin­ne be­we­gen lässt, der sorgt da­für, dass wir nicht nur in der Sil­ves­ter­nacht Hoff­nung auf Neu­es ha­ben kön­nen.

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