2015 war ein Me­ga-Streik­jahr

Der Kon­flikt­in­ten­si­täts­in­dex des In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft zeigt: Die Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zun­gen in die­sem Jahr wur­den mit ex­tre­mer Här­te ge­führt. Grund sind vor al­lem Ri­va­li­tä­ten der Ge­werk­schaf­ten.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT - VON MAXIMILIAN PLÜCK

DÜSSELDORF Ar­beits­kämp­fe bei Ama­zon, bei der Deut­schen Bahn, der Post oder Luft­han­sa – 2015 hat sich in punc­to Streiks sei­nen Platz als Aus­nah­me­jahr wahr­lich ver­dient. „Das Kli­ma war deut­lich ag­gres­si­ver als in frü­he­ren Jah­ren“, sagt Ha­gen Lesch, Ta­rif­ex­per­te am In­sti­tut der deut­schen Wirt­schaft (IW) in Köln. „In den von uns un­ter­such­ten zwölf Bran­chen sind die Ta­rif­ver­hand­lun­gen viel stär­ker als in vor­an­ge­gan­ge­nen Jah­ren es­ka­liert.“

Das be­legt auch der Kon­flikt­in­ten­si­täts-In­dex, den Lesch und sei­ne Kol­le­gin Pau­la Hell­mich re­gel­mä­ßig er­stel­len und des­sen Er­geb­nis­se un­se­rer Re­dak­ti­on vor­ab vor­lie­gen. Die Wis­sen­schaft­ler ha­ben für den In­dex die Kon­flik­te seit 2006 nicht wie sonst in den gän­gi­gen Sta­tis­ti­ken üb­lich ein­zig nach ih­rer Län­ge be­trach­tet, son­dern ver­ga­ben an­hand ei­ner Ska­la Punk­te, je nach­dem, zu wel­chen Mit­teln die Ge­werk­schaf­ten im Lau­fe der Aus­ein­an­der­set­zung grif­fen: Für rei­ne Ver­hand­lun­gen oh­ne Dro­hun­gen oder Ar­beits­kampf gab es null Punk­te, bei Ar­beits­kämp­fen nach ei­ner Ur­ab­stim­mung sie­ben Punk­te. Da ein ein­zel­ner Kon­flikt mehr­fach es­ka­lie­ren kann, ad­dier­ten die For­scher die Kon­flikt­punk­te zu­sam­men. Bei den 14 be­ob­ach­te­ten Ta­rif­ver­hand­lun­gen 2015 lag die Kon­flikt­in­ten­si­tät im Durch­schnitt bei 20,6 Punk­ten – so hoch wie noch nie.

Ein Grund da­für ist die Ri­va­li­tät der Ge­werk­schaf­ten un­ter­ein­an­der. „Das macht sich gleich in mehr­fa­cher Hin­sicht be­merk­bar“, er­läu­tert Lesch. „Zum ei­nen ha­ben wir bei der Deut­schen Bahn bei­spiels­wei­se Ran­ge­lei­en um Zu­stän­dig­kei­ten zwi­schen der Ge­werk­schaft Deut­scher Lo­ko­mo­tiv­füh­rer und der Ei­sen­bahn- und Ver­kehrs­ge­werk­schaft ge­habt.“Ei­ne an­de­re Form der Ri­va­li­tät gab es bei der Luft­han-

Kon­flikt­pkt.

Dau­er

max.Es­ka­la­ti­on sa. „Al­len Be­schäf­tig­ten­grup­pen war klar, dass es auf­grund des Kon­zern­um­baus zu Ein­schnit­ten et­wa bei der Über­gangs­ver­sor­gung kom­men wür­de. Al­ler­dings hat­te kei­ne Ge­werk­schaft Lust, dem Ma­nage­ment als ers­tes mit Kon­zes­sio­nen ent­ge­gen­zu­kom­men.“Der Kon­flikt wur­de da­mit zur Dau­er­bau­stel­le – und ist im­mer noch nicht ge­löst. Zu­dem führte die Ri­va­li­tät zwi­schen Bran­chen­ge­werk­schaf­ten wie Ver­di und klei­ne­ren Spar­ten­ge­werk­schaf­ten da­zu, dass auch die gro­ße Di­enst­leis­tungs­ge­werk­schaft zu­neh­mend Ver­bes­se­run­gen für nur ein­zel­ne Bran­chen durch­zu­set­zen ver­sucht – wie et­wa im So­zi­al- und Er­zie­hungs­dienst.

„Der zwei­te wich­ti­ge Grund für die ho­he Kon­flikt­in­ten­si­tät ist der Kampf ge­gen un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dun­gen – wie et­wa bei der Post oder der Luft­han­sa“, so Lesch. Tat­säch­lich ist der Kon­flikt zwi­schen Ver­di und dem Post­ma­nage­ment um Aus­la­ge­run­gen von Pa­ket­zu­stel­lern der­art es­ka­liert, dass der Kon­flikt mit 73 Kon­flikt­punk­ten klar an der Spit­ze liegt.

Da ist es schon auf­fäl­lig, dass es bei den ge­ra­de so oft ge­schol­te­nen Spar­ten­ge­werk­schaf­ten ver­gleichs­wei­se ru­hig zu­ging: „Die Ge­werk­schaft der Flug­si­che­rung, aber auch der Mar­bur­ger Bund ha­ben fast völ­lig ge­räusch­los ver­han­delt“, sagt Lesch. „Die­sen kon­sens­ori­en­tier­ten Weg kön­nen die Spar­ten­ge­werk­schaf­ten im­mer dann ge­hen, wenn sie kon­kur­renz­los agie­ren kön­nen“, sagt der IW-Ex­per­te.

Dass die ag­gres­si­ven Ge­werk­schaf­ten gut mit ih­rer Stra­te­gie ge­fah­ren sind, glaubt Lesch in­des nicht. „Bei der Post, der Luft­han­sa und auch der Bahn ha­ben die Ge­werk­schaf­ten in Kauf ge­nom­men, dass nach­hal­ti­ge Streik­schä­den ent­stan­den sind. Wenn der Ge­winn der­art stark be­las­tet wird, ist am En­de auch we­ni­ger zum Ver­tei­len an die Mit­ar­bei­ter üb­rig.“

Die Zahl der an­ge­fal­le­nen Aus­fall­ta­ge durch die vie­len Streiks ta­xiert das IW auf rund 960.000. Und das, ob­wohl al­lein die Ge­werk­schaft Ver­di sich selbst zu­schreibt, für 1,5 Mil­lio­nen Aus­fall­ta­ge im Jahr 2015 zu ste­hen. „Die Zah­len der Ge­werk­schaf­ten sind mit Vor­sicht zu ge­nie­ßen, weil die­se schon aus stra­te gi­schen Er­wä­gun­gen über­trei­ben“, so Lesch.

Für das kom­men­de Jahr rech­net der Ta­rif­ex­per­te mit ei­nem Rück­gang der Ta­rif­in­ten­si­tät: „Wir ste­hen zwar vor ei­ner Rei­he von schwie­ri­gen Ver­hand­lun­gen, et­wa bei der Deut­schen Bahn, im öf­fent­li­chen Di­enst und auch in der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie. Die Ak­teu­re soll­ten aber be­grif­fen ha­ben, dass Streik kei­ne Lö­sung ist. Des­halb hal­te ich ein zwei­tes Me­gaS­treik­jahr wie 2015 für un­wahr­schein­lich.“

„Das Kli­ma war deut­lich ag­gres­si­ver als in frü­he­ren Jah­ren“

Ha­gen Lesch IW-Ta­rif­ex­per­te

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