Oh­ne Fa­mi­lie in ei­ner frem­den Welt

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA -

Musta­fa Al­zir hat es ge­schafft. Vor ei­nem Jahr ist der 33-jäh­ri­ge Sy­rer nach ei­ner lan­gen Rei­se über die Tür­kei, Ita­li­en, Frank­reich und Bel­gi­en nach Deutsch­land ge­langt. Al­zir ist glück­lich in Deutsch­land und vor al­lem in Düsseldorf, auch wenn er sei­ne Hei­mat und al­les, was er da­mit ver­bin­det – Freun­de, Ar­beit, be­son­de­re Or­te – ver­misst. Am meis­ten fehlt ihm aber sei­ne Fa­mi­lie, sei­ne fünf Schwes­tern und die El­tern. Nun wünscht sich Al­zir nichts mehr, als auch sei­ne El­tern und sei­ne Schwes­ter Gha­zal (22) ins si­che­re Deutsch­land zu ho­len.

Des­halb hat der Sy­rer zur­zeit viel zu tun und we­nig Zeit zum Nach­den­ken. Das ist auch gut, denn so wird ihm nicht be­wusst, dass er in Düsseldorf na­he­zu al­lein ist. Zwei Freun­de hat er hier, die er aus Sy­ri­en kennt. Die an­de­ren sind „in al­ler Welt ver­streut oder nicht mehr am Le­ben“, sagt er. Ei­ne sei­ner Schwes­tern wohnt mit ih­rem Mann in Du­bai, ei­ne an­de­re in den Nie­der­lan­den, ei­ne in Sy­ri­en. Zwei Schwes­tern sind noch mit den El­tern in der Tür­kei. Doch dort kön­nen sie als Flücht­lin­ge auch nicht für im­mer blei­ben.

Vor Musta­fa Al­zir liegt 2016 ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung. Denn der Fa­mi­li­en­nach­zug ist nach deut­schem Recht streng ge­re­gelt. El­tern und Ge­schwis­ter gel­ten in der Fach­spra­che als „sons­ti­ge Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge“, sagt Ni­na Him­mel­s­pach vom Deut­schen Ro­ten Kreuz. Nur Ehe­leu­te und un­ver­hei­ra­te­te, min­der­jäh­ri­ge Kin­der gel­ten als di­rek­te Fa­mi­lie, die bei an­er­kann­ten Flücht­lin­gen ei­nen An­spruch auf Nach­zug ha­ben. Him­mel­s­pach er­klärt die Pro­ble­ma­tik, die Al­zirs Fa­mi­lie be­trifft: „Recht­lich ist es fast nicht mög­lich. Es gibt zwei Vor­aus­set­zun­gen, die prak­tisch fast nie ge­ge­ben sind.“Ers­tens: Der in Deutsch­land Le­ben­de muss ein Ein­kom­men ha­ben, mit dem er sich selbst und den Auf­ent­halt der Nach­züg­ler fi­nan­zie­ren kann. Him­mel­s­pach: „Meis­tens auch um ei­nen mög­li­chen Stu­di­en­platz für Al­zirs Schwes­ter küm­mert, hat an­ge­ru­fen und ihm mit­ge­teilt, dass es gut aus­sieht. Al­zirs Schwes­ter hat ei­ne vor­läu­fi­ge Er­laub­nis für ein Stu­di­um in Ar­chi­tek­tur an der Uni Erfurt. Nun braucht sie noch ei­ne Person, die für sie bürgt, falls sie das Geld, laut Al­zir ei­ne Si­cher­heit von 8000 Eu­ro, nicht auf­brin­gen kann. Die­se Person hat Al­zir auch schon ge­fun­den. „Das ist ei­ne sehr lie­be Frau aus Düsseldorf, die sich für Flücht­lin­ge en­ga­giert“, sagt er. Al­zirs Schwes­ter wür­de, wenn die deut­sche Bot­schaft in der Tür­kei mit­spielt, ein Vi­sum be­kom­men und le­gal nach Deutsch­land ein­rei­sen. „Das ist der ein­zi­ge Weg, um mei­ne Schwes­ter hier­her­zu­ho­len. Ich kann ihr doch nicht sa­gen, dass sie sich in eins die­ser Boo­te set­zen soll“, sagt Al­zir. Er selbst ist übers Mit­tel­meer ge­flo­hen, die­ser Ge­fahr will er sie nicht aus­set­zen.

Musta­fa Al­zir muss sich noch um vie­les küm­mern – aber er be­kommt Hil­fe. Im­mer wie­der schwärmt er von den Men­schen, die al­les ge­ben wür­den, um Leu­ten wie ihm zu hel­fen. Als an­er­kann­ter Flücht­ling wohnt er mitt­ler­wei­le in sei­ner ei­ge­nen klei­nen Woh­nung im Düs­sel­dor­fer Stadt­teil Benrath. Er dürf­te auch schon ar­bei­ten, aber mit den Deutsch­kennt­nis­sen ha­pert es noch ein we­nig. „Im Ja­nu­ar star­tet mein Kurs“, sagt er. Spä­ter möch­te er am liebs­ten wie­der im kauf­män­ni­schen Be­reich ar­bei­ten, so wie in Sy­ri­en. Dort hat­te er ei­nen Han­del für Re­stau­rant­be­darf. So­lan­ge er aber noch nicht rich­tig Deutsch spricht, hilft er an­de­ren Flücht­lin­gen, die noch nicht so weit sind wie er. „Ich fin­de, wenn ich neh­me, muss ich auch et­was ge­ben“, sagt er. In Deutsch­land be­kom­me er viel, das Wich­tigs­te für ihn sind Frie­den und Frei­heit – bei­des gibt es für ihn in sei­ner Hei­mat nicht mehr. In Sy­ri­en hat er in Ba­ni­as di­rekt am Meer ge­lebt, da­her ist er froh, in Düsseldorf den Rhein in der Nä­he zu ha­ben. „Und hier gibt es viel Grün“, sagt er.

Der Sy­rer blickt op­ti­mis­tisch in die Zu­kunft, aber trotz der gu­ten Aus­sich­ten für sei­ne Schwes­ter wirkt er nicht er­leich­tert. Zu groß ist die Sor­ge um sei­ne El­tern. Denn sei­ne an­de­re Schwes­ter, die ak­tu­ell eben­falls noch in der Tür­kei ist, wird bald mit ih­rem Mann nach En­g­land ge­hen. Wer soll sich dann um die El­tern küm­mern? Und noch steht nicht fest, wann Gha­zal ei­nen Ter­min bei der Bot­schaft in der Tür­kei be­kommt. „Da gibt es zur­zeit gro­ße Pro­ble­me“, sagt Him­mel­s­pach. Sie er­zählt von Fa­mi­li­en, die vor kur­zem ei­nen Ter­min an­ge­fragt ha­ben, um sich bei der Bot­schaft vor­zu­stel­len. Ei­ne Zu­sa­ge, al­so ei­ne Ein­la­dung für die An­trag­stel­lung, ha­ben sie für No­vem­ber 2016 be­kom­men. „Teil­wei­se war­ten die­se Men­schen fast ein Jahr.“Das lie­ge dar­an, dass sehr vie­le Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge von an­er­kann­ten Flücht­lin­gen ei­nen Vi­su­m­an­trag stel­len wol­len und die Ter­min­ver­ga­be nicht im­mer fair läuft.

Wie die Zu­kunft von Al­zirs Fa­mi­lie aus­sieht, ist un­ge­wiss. Die Hoff­nung gibt er aber nicht auf. Viel­leicht sind sie ir­gend­wann ver­eint – in Düsseldorf am Rhein.

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