Bier­hoff träumt vom Ti­tel

Die Aus­wahl des DFB geht als Fa­vo­rit ins EM-Tur­nier. Der Ma­na­ger spe­ku­liert auf die nächs­te Stei­ge­rung des Markt­werts.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON RO­BERT PE­TERS

DÜSSELDORF 1996 ge­lingt Wis­sen­schaft­lern erst­mals das Klo­nen ei­nes Säu­ge­tiers. Das Schaf „Dol­ly“wird welt­be­rühmt. Der Schach­com­pu­ter „Deep Blue“be­zwingt den Welt­meis­ter Gar­ri Kas­pa­row. Und Deutsch­lands Fuß­ball-Na­tio­nal­mann­schaft wird Eu­ro­pa­meis­ter. Im Lon­do­ner Wem­bley­sta­di­on ge­winnt das Team von Trai­ner Ber­ti Vogts das Fi­na­le durch das „Gol­den Go­al“von Oli­ver Bier­hoff ge­gen Tsche­chi­en mit 2:1.

Knapp 20 Jah­re spä­ter ist der da­ma­li­ge Stür­mer Bier­hoff Ma­na­ger der DFB-Aus­wahl. Auch als Funk­tio­när kann er Ti­tel ge­win­nen. Die Welt­meis­ter­schaft 2014 hat Bier­hoff schon mit­ver­ant­wor­tet, jetzt träumt er von der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Frank­reich 2016. „Die­sen Traum ha­ben auch an­de­re Na­tio­nen“, sagt er in ei­nem Ge­spräch mit der „dpa“, „aber wir wol­len als Welt­meis­ter der Fa­vo­ri­ten­rol­le ge­recht wer­den – wir wol­len mit der Art und Wei­se, wie wir uns au­ßer­halb des Plat­zes prä­sen­tie­ren, und mit un­se­rem Fuß­ball be­geis­tern.“

1996 be­geis­tert die Elf von Ber­ti Vogts we­ni­ger mit Zau­ber­kunst­stück­chen auf dem Ra­sen als mit ih­rem in­ne­ren Zu­sam­men­halt. Vogts prägt das Wort: „Der Star ist die Mann­schaft.“Da­ge­gen hat Bier­hoff wahr­schein­lich da­mals nichts. Aber er hät­te si­cher auch nichts ge­gen ei­ne Haupt­rol­le ein­zu­wen­den. Dass er sie an ei­nem schwü­len Nach­mit­tag En­de Ju­ni im Wem­bley­sta­di­on be­kommt, ist al­ler­dings zu­nächst nicht ab­zu­se­hen.

Der 1,91 Me­ter lan­ge Stür­mer hat sich auf dem zwei­ten Bil­dungs­weg in die Na­tio­nal­mann­schaft ge­spielt. Bei deut­schen Klubs fin­det er we­nig Be­ach­tung, in Salz­burg und in der ita­lie­ni­schen Pro­vinz bei Udi­ne und As­co­li aber wird er zum ge­fei­er­ten Tor­jä­ger. Vogts sieht ihn den­noch nicht in der Start­elf.

Als er im Fi­na­le wie­der nur auf der Bank sitzt, ha­be sich schon ei­ne Art „Egal­stim­mung“bei ihm breit­ge­macht, be­kennt Bier­hoff. Erst als die Tsche­chen in Füh­rung ge­hen und es den Deut­schen er­kenn­bar an Mit­teln fehlt, den Geg­ner aus­zu­spie­len, er­in­nert sich der Trai­ner an sei­nen Er­satz­stür­mer. Bier­hoff kommt für Meh­met Scholl ins Spiel. Und er trifft. Mit dem Kopf auf Frei­stoß­flan­ke von Chris­ti­an Zie­ge und in der Ver­län­ge­rung mit dem Fuß aus der Dre­hung. Es ist das ein­zi­ge End­spiel, das die Deut­schen durch das „Gol­den Go­al“ge­win­nen. Das liegt ei­ner­seits dar­an, dass die Ue­fa die Re­gel, nach der der ers­te Tref­fer der Ver­län­ge­rung ent­schei­det, 2002 ab­schafft. Zum an­de­ren liegt es dar­an, dass deut­sche Na­tio­nal­mann­schaf- ten bei EM-Tur­nie­ren län­ge­re Zeit nur noch schä­bi­ge Ne­ben­rol­len spie­len. 2000 und 2004 ist schon nach der Vor­run­de Schluss.

Der Wie­der­auf­schwung be­ginnt, als Bun­des­trai­ner Jür­gen Klins­mann zu ei­ner Re­no­vie­rung des deut­schen Fuß­balls an­setzt. An sei­ner Sei­te: Bier­hoff, dies­mal in ei­ner Haupt­rol­le als Te­am­ma­na­ger. Er sorgt für pro­fes­sio­nel­le Struk­tu­ren und er­freut mit sei­nem smar­ten Ma­na­ger-We­sen nicht ge­ra­de je­den Tra­di­tio­na­lis­ten im Ver­band. Gleich mehr­mals ver­su­chen sie, ihn aus dem Amt zu ver­trei­ben. Aber Bier­hoff bleibt, auch weil die so­ge­nann­te sport­li­che Lei­tung – zu­nächst Klins­mann, dann Joa­chim Löw – fest zu ihm steht. Die DFB-Aus­wahl wird stän­di­ger Gast in den Vor­schluss­run­den-Spie­len der gro­ßen Tur­nie­re. Und das stärkt die Po­si­ti­on des Löw-Teams, dem sich Bier­hoff zu­ge­hö­rig füh­len darf. Er spricht von ei­ner „Freund­schaft, die sich im­mer wei­ter ent­wi­ckelt hat“.

Längst ge­hört Bier­hoff zu den star­ken Män­nern beim DFB. Sein Ver­trag en­det erst 2020, ver­mut­lich ist es ei­ne Le­bens­stel­lung. Denn der Ma­na­ger baut nun auch die DFBA­ka­de­mie auf. „Ei­ne fas­zi­nie­ren­de Auf­ga­be“, sagt er, „da steckt viel Herz­blut drin.“

Herz­blut und in­ne­re An­teil­nah­me trau­en ihm sei­ne Kri­ti­ker im­mer noch nicht zu. Sie hal­ten Bier­hoff für den Pro­to­typ des küh­len mo­der­nen Fuß­ball­ma­na­gers, der sei­ner Fa­mi­lie schon am Früh­stücks­tisch mit ei­ner Po­wer­point-Prä­sen­ta­ti­on die Welt er­klärt.

Das stört ihn nicht. Er kann dar­auf ver­wei­sen, dass sei­ne Bi­lanz stimmt. In­zwi­schen holt die DFBAus­wahl dem Ver­band pro Jahr 100 Mil­lio­nen Eu­ro her­ein. „Das sind 70 Pro­zent des Ge­samt­um­sat­zes, und wir ge­ben nur 25 Pro­zent aus, der Rest geht an die Ba­sis“, er­klärt Bier­hoff stolz. Die Spon­so­ren ste­hen Schlan­ge. Mer­ce­des ist Ge­ne­ral­spon­sor, Bit­bur­ger, Co­ca-Co­la, Com­merz­bank, Deut­sche Post, So­ny, Deut­sche Te­le­kom sind Pre­mi­um­part­ner, Al­li­anz, Luft­han­sa, McDo­nald’s, Ni­vea und Rewe Part­ner. Bier­hoff hat die Mann­schaft zur Mar­ke ge­macht. Das muss nicht je­dem ge­fal­len, aber es bringt tüch­tig Geld in die Kas­se.

Ein EM-Ti­tel wä­re wei­te­rer Treib­stoff für die­se Geld­ma­schi­ne, denn er stei­gert den Markt­wert noch ein­mal be­trächt­lich. Des­halb träumt Bier­hoff ei­nen sehr wirt­schaft­li­chen Traum.

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