„Ich woll­te in ei­nem Satz mit Gras­hoff und Rüss­mann ge­nannt wer­den“

Im zwei­ten Teil un­se­res In­ter­views spricht Bo­rus­si­as Sport­di­rek­tor über Mo Dahoud, Gra­nit Xha­ka, den Vi­deo­be­weis und sei­ne Vor­gän­ger im Amt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT LOKAL - KARS­TEN KELLERMANN UND STE­FAN KLÜTTERMANN FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH.

Herr Eberl, wie un­ter­schei­det sich ei­gent­lich Ka­der­pla­nung mit An­dré Schu­bert von der mit Lu­ci­en Fav­re. Ist es nun für Sie ein­fa­cher? EBERL Es ist ge­nau­so wie vor­her. Es ist kon­struk­tiv, wir dis­ku­tie­ren ge­nau­so über Spie­ler. Mit Lu­ci­en war es ein Ger­an­gel, so wie es mit An­dré auch ein Ger­an­gel sein wird, weil Trai­ner eben ih­re ei­ge­nen Vor­stel­lun­gen ha­ben. Und der Ver­ein hat eben sei­ne. Die­se bei­den müs­sen nicht im­mer de­ckungs­gleich sein. Wich­tig ist, dass die Dis­kus­si­on ziel­füh­rend und er­folg­reich ist. Was steht denn als Er­geb­nis der nä­he­ren Ka­der­pla­nung? EBERL Es gibt bei der Pla­nung im­mer den Wunsch, es gibt die Rea­li­tät, und es gibt die Mach­bar­keit. Wir sind be­kannt da­für, dass wir Trans­fers ma­chen, die ei­ne ge­wis­se Mit­tel- und Lang­fris­tig­keit be­inhal­ten. Die meis­ten Win­ter­trans­fers, die wir ge­tä­tigt ha­ben, wa­ren dar­auf aus­ge­legt. Dass es aber auch der Markt manch­mal her­gibt, dass du den Spie­ler, den du ha­ben willst, lang­fris­tig gar nicht be­kommst, weil kein Ver­ein im Win­ter ger­ne gu­te Spie­ler ab­gibt, kann eben auch mal zu ei­ner sinn­vol­len Kurz­fris­tig­keit bei Trans­fers füh­ren. Wenn die ver­letz­ten Spie­ler auf ei­ni­ge Zu­gän­ge tref­fen, kann der Ka­der plötz­lich auch zu groß sein. EBERL Ja, das stimmt. Wir wer­den des­we­gen auch nichts ma­chen, was zu ei­ner Un­wucht im Ka­der füh­ren kann, sonst hast du auf ein­mal Spie­ler, die vor­her Leis­tung ge­bracht ha­ben, als Un­zu­frie­de­ne drau­ßen ste­hen. Man muss in dem Zu­sam­men­hang ja auch ein­fach se­hen, dass wir in der Rück­run­de – lei­der – kei­ne Drei­fach­be­las­tung mehr ha­ben wer­den. Und was noch hin­zu­kommt: Was die Qua­li­tät, den Cha­rak­ter, die Emo­tio­na­li­tät be­trifft, ist der Ka­der gut auf­ge­stellt. Von da­her müs­sen wir nicht zu hek­tisch wer­den. Sind Schu­berts Per­so­nal­vor­stel­lun­gen gänz­lich an­de­re? EBERL Nicht ganz an­de­re, aber dass je­der Trai­ner sei­ne Vor­stel­lun­gen hat, ist doch klar. Un­ter Lu­ci­en Fav­re ha­ben wir sehr struk­tu­riert ver­tei­digt, ha­ben gut die Pass­we­ge zu­ge­stellt. Bei An­dré Schu­bert ste­hen wir sehr hoch und ver­tei­di­gen an der Mit­tel­li­nie auch schon mal Mann ge­gen Mann. Al­so muss bei In­nen­ver­tei­di­gern Schnel­lig­keit mehr im Vor­der­grund ste­hen, weil der Raum hin­ter ih­nen grö­ßer ist. Je­der Trai­ner hat sei­nen ei­ge­nen An­satz, und der ver­än­dert na­tür­lich auch den Spie­ler­typ, den er be­vor­zugt. Un­ter Lu­ci­en hät­te ich zum Bei­spiel nie ein Bun­des­li­ga­spiel ge­macht. Ich kom­me aber trotz­dem auf 104, in­so­fern bin ich ja froh, dass es auch an­de­re Trai­ner gibt. Das an­ge­spro­che­ne hö­he­re Ver­tei­di­gen un­ter Schu­bert zieht mehr Zwei­kämp­fe nach sich und mehr Sprints. Ist die Mann­schaft heu­te phy­sisch mehr ge­for­dert als un­ter Fav­re? EBERL Na­tür­lich hat sich die Be­las­tung ver­än­dert, weil wir nun sehr vie­le Sprints zie­hen, wäh­rend wir un­ter Lu­ci­en viel über Ball­be­sitz ge­re­gelt ha­ben. Aber: Bei­de Sys­te­me ha­ben uns Er­folg ge­bracht. Und es gibt halt nicht nur den ei­nen Kö­nigs­weg im Fuß­ball. Ent­schei­dend ist, dass Vor­be­rei­tung im Trai­ning und Um­set­zung im Spiel funk­tio­nie­ren. Und das ma­chen bei­de Trai­ner sehr, sehr gut. Hat Schu­bert sich in Ih­ren Au­gen schon von Fav­re eman­zi­piert? EBERL Ers­tens: Wir re­den über ge­ra­de ein­mal knapp drei Mo­na­te, die An­dré Schu­bert im Amt ist. Zwei­tens: Ja, er hat trotz­dem schon ei­ge­ne Ak­zen­te ge­setzt. Ge­ne­rell fin­de ich es aber un­fair, jetzt schon ei­nen Ver­gleich zu zie­hen. An­dré hat­te ja noch nicht wirk­lich die Chan­ce und Zeit, mal nicht nur im Drei-Ta­ges­Rhyth­mus zu den­ken, son­dern auch mal stra­te­gisch zu pla­nen. Wird die Ba­lan­ce zwi­schen druck­vol­lem Vor­wärts­gang und wie­der si­che­re­rem Ver­tei­di­gen Schu­berts ers­te gro­ße Auf­ga­be für 2016? EBERL In der Vor­be­rei­tung kann er jetzt erst­mals ge­ziel­ter an Din­gen ar­bei­ten, und na­tür­lich muss er – wie je­der an­de­re Trai­ner – Wert dar­auf le­gen, die­se Ba­lan­ce hin­zu­krie­gen. Aber ich glau­be, da hat er ge­nug Ide­en, um das um­zu­set­zen. Sind die Ve­rän­de­run­gen im Spiel un­ter Schu­bert letzt­lich ein­fach die lo­gi­sche Wei­ter­ent­wick­lung des Fav­reS­tils? EBERL Un­ser Stil un­ter Lu­ci­en hat­te sich ja auch schon ent­wi­ckelt. Mit Reus, Herr­mann, Aran­go und Han- ke ha­ben wir ja über­ra­gend auf Kon­ter ge­spielt. Dann aber ha­ben wir über zwei Jah­re hin­weg mehr Ball­be­sitz in un­se­rem Spiel eta­bliert und in der ver­gan­ge­nen Sai­son den Geg­ner ja auch wirk­lich aus­ge­spielt. Und das ist das Schwers­te im Fuß­ball schlecht­hin. Die­ses Aus­spie­len noch zu per­fek­tio­nie­ren, wä­re gar nicht mehr ge­gan­gen, da wa­ren wir für uns am Li­mit an­ge­kom­men. In­so­fern war die Ve­rän­de­rung un­ter Schu­bert ein gu­ter Schritt. Ein Schritt, den er trotz Ver­let­zun­gen mit ei­nem qua­li­ta­tiv brei­ten Ka­der voll­zie­hen konn­te. EBERL 2010 hat­ten wir auch fünf, sechs ver­letz­te Stamm­spie­ler. Jetzt ist es wie­der ähn­lich, und wir ha­ben trotz­dem ei­ne Qua­li­tät auf dem Platz, die zeigt, dass wir sol­che Aus­fäl­le in­zwi­schen auf­fan­gen kön­nen. Auch weil ein Ta­lent wie Mo Dahoud durch­ge­star­tet ist. EBERL Si­cher. Als wir Lars St­indl ver­pflich­tet ha­ben, war un­ser Kal­kül ja das, dass er die Zehn spie­len kann, aber auch die Acht oder den Part auf den Flü­gel, um eben den Platz für ei­nen Mo Dahoud oder ei­nen Mar­vin Schulz nicht zu blo­ckie­ren. Hät­te ich ne­ben Gra­nit ei­nen Top-Sech­ser ge­holt, wä­re Mo Dahoud heu­te nicht da, wo er ist, und wir hät­ten ein Top­Ta­lent ver­lo­ren. Denn wir kön­nen ei­nem wie ihm ja nicht zwei Jah­re lang glaub­haft ver­si­chern, dass Bo­rus­sia für ihn der bes­te Ver­ein ist, um Spiel­pra­xis zu be­kom­men und sich zu ent­wi­ckeln, und ihm dann im­mer ei­nen Neu­en vor­set­zen. The­se: Dahouds Ent­wick­lung ist für Bo­rus­sia vor al­lem des­we­gen wich­tig, um ei­nen mög­li­chen Ab­gang von Gra­nit Xha­ka in der Zu­kunft bes­ser auf­zu­fan­gen. EBERL Die The­se kann ich ein Stück weit nach­voll­zie­hen. Ich bin froh, dass wir Dahouds Krea­ti­vi­tät bei uns ha­ben, aber er ist auch ein gu­ter Zwei­kämp­fer und ge­schick­ter Bal­le­r­obe­rer. Er ist end­lich ver­let­zungs­frei, ist sta­bil ge­wor­den und spielt schon jetzt je­des Spiel auf ho­hem Ni­veau. Da­bei gilt: Gra­nit ist selbst­ver­ständ­lich noch ei­ne an­de­re Per­sön­lich­keit. Glau­ben Sie dar­an, dass Xha­ka sei­ne Un­be­herrscht­heit ir­gend­wann mal kom­plett in den Griff be­kommt – Oder muss man das bei ihm ein­fach in Kauf neh­men? EBERL Man­che Spie­ler müs­sen tech­nisch ler­nen, an­de­re müs­sen tak­tisch ler­nen, er muss emo­tio­nal ler­nen. Er darf nicht der kom­plett Ru­hi­ge wer­den, er darf sich aber auch nicht sol­che Din­ge er­lau­ben wie jetzt ge­gen Darm­stadt, weil er sich da­mit nicht nur sich, son­dern auch der Mann­schaft und dem Ver­ein scha­det. Das weiß er selbst am bes­ten. Er soll­te sich mit sei­ner Emo­ti­on nicht im Weg ste­hen. Wenn er das bes­ser hin­kriegt, wird er ein TopSpie­ler bei ei­nem Top-Ver­ein wer­den, wenn nicht, wird ihn im­mer die­ser Ma­kel be­glei­ten. Bleibt er „dank“die­ses Ma­kels wo­mög­lich ein biss­chen län­ger in Glad­bach, weil die Top-Ver­ei­ne sei­ne Ent­wick­lung in die­sem Punkt erst noch ab­war­ten wol­len? EBERL Ich kann nicht be­ur­tei­len, wie an­de­re Ver­ei­ne sol­che Kri­te­ri­en wie be­wer­ten. In En­g­land wird ei­ne sol­che The­ma­tik zum Bei­spiel nicht so hoch ge­han­delt wie in Deutsch­land. Man muss ja fai­rer­wei­se auch sa­gen: Ge­gen Darm­stadt hat sich Gra­nit jetzt zum ers­ten Mal zu ei­ner Tät­lich­keit hin­rei­ßen las­sen – zum ers­ten und hof­fent­lich auch zum letz­ten Mal. An­sons­ten geht es für mich eher dar­um, dass er ler­nen muss, sich auf dem Platz zu­wei­len cle­ve­rer zu ver­hal­ten. Er hat halt wie je­der 23Jäh­ri­ge noch et­was zu ler­nen. Ta­len­tier­te Spie­ler mit „Ma­kel“sind doch per­fekt für Bo­rus­sia, oder? EBERL Wenn die Spie­ler schon re­la­tiv kom­plett sind, be­kom­men wir sie nicht. Aber bei uns wer­den ent­wick­lungs­fä­hi­ge Spie­ler bes­ser. Das ist un­ser Weg, das ist un­se­re Über­zeu­gung. Wir wol­len Spie­ler, die noch nicht per­fekt sind, aber hung­rig dar­auf, ir­gend­wann mal bei ei­nem ganz gro­ßen Ver­ein zu spie­len. Für sol­che Spie­ler ist Glad­bach der per­fek­te Ver­ein. Ge­nau die­ses Image hat Bo­rus­sia nun auch durchs Cham­pi­ons-Le­ague-Eu­ro­pa trans­por­tie­ren kön­nen. Wie nutzt der Ver­ein die­sen Schwung für sei­ne in­ter­na­tio­na­le Ver­mark­tung? EBERL Die In­ter­na­tio­na­li­sie­rung ist ein gro­ßes The­ma – für uns wie für al­le Ver­ei­ne. Wir müs­sen un­se­re Wahr­neh­mung in Eu­ro­pa aber auch erst­mal nach­hal­tig ge­stal­ten, da sind uns an­de­re Ver­ei­ne vor­aus. Wir ha­ben auf je­den Fall noch Luft, in­ter­na­tio­nal noch mehr Auf­merk­sam­keit zu er­re­gen. Bay­er Le­ver­ku­sens Ge­schäfts­füh­rer Micha­el Scha­de hat vor ei­ni­ger Zeit mal ge­sagt, ein chi­ne­si­scher Na­tio­nal­spie­ler im Ver­ein wä­re ver­mark­tungs­tech­nisch ab­so­lut wün­schens­wert. EBERL Ich wür­de erst über so ei­nen Spie­ler nach­den­ken, wenn er auch die sport­li­che Qua­li­tät hät­te, bei uns Stamm­spie­ler zu wer­den. Wenn es mit dem Ver­mark­tungs­as­pekt in ei­nem Ziel­markt ver­bun­den wer­den kann, wie jetzt bei Bay­er 04 mit Chicha­ri­to und Me­xi­ko, ist ein sol­cher Trans­fer su­per, aber die sport­li­che Über­le­gung ist im­mer noch die ers­te. Über­le­gun­gen, den Fuß­ball wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, gibt es auch in tech­ni­scher Hin­sicht. Die Tor­li­ni­en­ka­me­ra gibt es schon, nun wird über den Vi­deo­be­weis dis­ku­tiert. Wie viel Tech­nik ver­trägt die Ro­man­tik-Sport­art Fuß­ball? EBERL Die Tor­li­ni­en­tech­nik fin­de ich sehr gut, denn im Fuß­ball geht es ele­men­tar um die Ent­schei­dung „Tor oder kein Tor“. Dem Vi­deo­be­weis ste­he ich noch sehr skep­tisch ge­gen­über, weil ich hier noch kei­ne Prak­ti­ka­bi­li­tät se­he. Wie und wann kann es im Spiel an­ge­wen­det wer­den, oh­ne den Fluss des Spiels zu zer­stö­ren? Ich ha­be dar­auf auch kei­ne Ant­wort. Pep Guar­dio­la braucht sich mit die­ser Fra­ge nicht mehr aus­ein­an­der­zu­set­zen. Er ver­lässt den FC Bay­ern nach drei Jah­ren. Ver­liert die Bun­des­li­ga mit ihm ei­ne Per­sön­lich­keit, die ihr gut ge­tan hat? EBERL Ich glau­be, dass die Wahr­neh­mung der Bun­des­li­ga durch Guar­dio­la ge­stie­gen ist, ge­ra­de in­ter­na­tio­nal. Das Re­nom­mee der Li­ga ist durch ihn ein­fach ge­stie­gen. Und durch Guar­dio­la wird in Deutsch­land mehr über den Fuß­ball un­ter tak­ti­schen Ge­sichts­punk­ten dis­ku­tiert und nicht mehr nur als gro­ßes Gan­zes. Guar­dio­las Kar­rie­re­pla­nung sieht al­so ei­nen neu­er­li­chen Wech­sel des Ver­eins vor. Wie sieht Ihr Kar­rie­re­plan aus? EBERL Ge­nau­so wie bei jun­gen Spie­lern: den nächs­ten Schritt ge­hen, hung­rig sein, den größt­mög­li­chen Er­folg zu ha­ben. Wo das dann en­det, das weiß ich heu­te nicht. Ich bin jetzt schon sie­ben Jah­re Sport­di­rek­tor hier, und als ich an­fing, hat­te ich mir ins­ge­heim das Ziel ge­setzt, wenn ich mal in ei­nem Satz mit Gras­hoff und Rüss­mann ge­nannt wer­de, dann ha­be ich was ge­schaf­fen. Jetzt ha­be ich mei­nen Ver­trag schon zum drit­ten Mal ver­län­gern dür­fen bei die­sem groß­ar­ti­gen Ver­ein, das ist doch et­was.

FOTO: DPA (ARCHIV)

Max Eberl

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