Das Ster­ben im Mit­tel­meer hört nicht auf

Kin­der sind häu­fig die ers­ten Op­fer, wenn Flücht­lings­boo­te im Mit­tel­meer sin­ken. Die Über­le­ben­den kämp­fen mit dem Trau­ma.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WEITSICHT -

bricht ei­ner von ih­nen ei­nen Zweig von ei­nem Oli­ven­baum, steckt ihn ne­ben den St­ein, der Zain­abs Gr­ab mar­kiert.

Ali wird von Omar Man­sour, ei­nem grie­chi­schen Ge­schäfts­mann mit ägyp­ti­schen Wur­zeln, ge­stützt. Zain­bas Tod macht ihn trau­rig und wü­tend zu­gleich. „Das Schleu­ser­ge­schäft ist nichts an­de­res als or­ga­ni­sier­ter Mord. Der Tod die­ser Kin­der ist ei­ne Schan­de für die gan­ze Welt“, sagt Man­sour. Ha­wra und Has­san wa­ren nicht bei der Be­er­di­gung ih­rer klei­nen Schwes­ter. „Das woll­te ich ih­nen er­spa­ren“, sagt Ali. Er hat­te Angst, dass sei­ne Kin­der am An­blick ih­rer to­ten Schwes­ter zer­bre­chen könn­ten. Ali: „Ich möch­te nicht noch ein Kind ver­lie­ren.“

Nach­dem ih­re klei­ne Schwes­ter vor ih­ren Au­gen er­trank und sie ih­ren jün­ge­ren Bru­der in den Flu­ten un­ter­ge­hen sa­hen, ha­ben Ha­wra und Hus­sein zu­nächst kaum ge­spro­chen. „Am An­fang konn­ten sie nicht wei­nen. Sie wa­ren leer, ein­fach leer“, sagt ihr Va­ter. Statt mit Wor­ten ver­such­te der zehn­jäh­ri­ge Has­san sich über Bil­der mit­zu­tei­len. Im­mer und im­mer wie­der mal­te der Zehn­jäh­ri­ge das­sel­be Mo­tiv: Meh­re­re Men­schen schwim­men auf dem Bild im of­fe­nen Meer. Ei­ner von ih­nen hält zwei klei­ne Kin­der im Arm. Es ist Hass­ans Va­ter mit Zain­ab und Hus­sain. Auch sich selbst und sei­ne Schwes­ter Ha­wra hat Has­san ge­malt. Un­ter ei­nem schwar­zen Him­mel ver­su­chen sie sich über Was­ser zu hal­ten. Auf dem lang­sam un­ter­ge­hen­den Schlauch­boot sitzt ein Mann mit Bart. Es ist der Schleu­ser. Ganz am Rand des Bil­des ist ei­ne drei­köp­fi­ge Fa­mi­lie zu se­hen. „Die sind nicht mehr auf­ge­taucht“, sa­gen die Men­schen, die mit im Boot sa­ßen. Auch Hass­ans Schwes­ter malt. Doch auf ih­ren Bil­dern sieht man kei­ne er­trin­ken­den Men­schen, son­dern ei­ne Son­ne, grüne Bäu­me und bun­te Blu­men. Da­zwi­schen hat sie glit­zern­de Prin­zes­sin­nen-Sti­cker ge­klebt.

Ma­ri­na Spy­ri­da­ki, Psy­cho­lo­gin der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on „Ärz­te oh­ne Gren­zen“, be­treu­te Has­san, Ha­wra und ih­ren Va­ter un­mit­tel­bar nach dem Schiffs­un­glück. „Die bei­den Kin­der ver­su­chen, das Er­leb­te auf ganz un­ter­schied­li­che Wei­se zu ver­ar­bei­ten. Wäh­rend Has­san malt, was ge­schah, flüch­tet Ha­wra sich in ei­ne hei­le Traum­welt.“

Mitt­ler­wei­le ist Ali mit sei­nen bei­den Kin­dern in At­hen. Dort küm­mert sich ei­ne grie­chi­sche Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on um die trau­ma­ti­sier­te Fa­mi­lie. Rechts­an­wäl­tin An­to­nia Moust­a­ka hat in der grie­chi­schen Haupt­stadt mit Ali und sei­nen bei­den Kin­dern für die Fa­mi­lie ei­nen An­trag mit Blick auf die von EUKom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker vor­ge­schla­ge­ne Um­ver­tei­lung von Flücht­lin­gen in­ner­halb der EU ge­stellt. „Ei­gent­lich woll­ten Ali und sei­ne Kin­der in die Schweiz, weil dort be­reits sei­ne Mut­ter, sei­ne Schwes­ter, sein Bru­der und sein Nef­fe woh­nen. Aber da die Schweiz kein EU-Mit­glied ist, steht Deutsch­land jetzt ganz oben auf der Lis­te“, sagt An­wäl­tin Moust­a­ka.

Weil Ali und sei­ne Kin­der auf­grund der trau­ma­ti­schen Er­leb­nis­se auf der Flucht als be­son­de­rer Här­te­fall gel­ten, soll ihr An­lie­gen be­vor­zugt be­han­delt wer­den. Viel­leicht kön­nen Va­ter, Toch­ter und Sohn schon in ein paar Wo­chen ein Flug­zeug in ih­re neue Hei­mat be­stei­gen. Die Kos­ten für den Flug wird die In­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­ti­on für Mi­gra­ti­on über­neh­men, Ali und sei­nen Kin­dern wird so die lan­ge und an­stren­gen­de Flucht über die West­bal­kan­rou­te er­spart blei­ben. „Sie be­grei­fen erst all­mäh­lich, was pas­siert ist“, sagt An­to­nia Moust­a­ka. Das Schick­sal der Fa­mi­lie nimmt die er­fah­re­ne An­wäl­tin sehr mit – auch wenn sie im­mer wie­der mit El­tern zu tun hat, die auf der Flucht Kin­der ver­lo­ren ha­ben. Ein­mal be­riet sie ei­ne Frau, bei der mit­ten auf dem Meer die We­hen ein­setz­ten. Weil das Kind im Ge­burts­ka­nal ste­cken blieb, nah­men an­de­re Flücht­lin­ge ein Mes­ser zur Hand. Die Frau über­leb­te den Kai­ser­schnitt im Schlauch­boot. Das Ba­by nicht.

FOTO: RTR

Ein sy­ri­scher Flücht­ling trägt im Sep­tem­ber sei­ne bei­den Kin­der vor der grie­chi­schen In­sel Les­bos an Land.

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