„Ein Ho­sen-Al­bum muss noch kom­men“

Der 53-Jäh­ri­ge spricht im tra­di­tio­nel­len Interview zum Jah­res­en­de über Kin­der­er­zie­hung, An­ge­la Mer­kel und die Plä­ne sei­ner Band.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

DÜSSELDORF Cam­pi­no sitzt am lan­gen Tisch sei­ner ehe­ma­li­gen Woh­nung im Düs­sel­dor­fer Stadt­teil Flin­gern. Der Raum mit der tief hän­gen­den, ver­spie­gel­ten De­cke liegt über ei­ner La­ger­hal­le im In­dus­trie­ge­biet. Heu­te re­si­diert dort JKP, die Plat­ten­fir­ma der To­ten Ho­sen. Cam­pi­no wirkt fit. Er trägt halb­ho­he Stie­fel und ei­nen schwar­zen Woll­pul­li auf nack­ter Haut. Aus dem wei­ten Halsau­schnitt kriecht ein Tat­too. Das Interview zum Jah­res­en­de hat Tra­di­ti­on: Es ist be­reits das ach­te Mal, dass wir uns für ein sol­ches Ge­spräch tref­fen. Die­ses be­ginnt mit der Fra­ge nach Cam­pi­nos Sohn, der bei der Mut­ter in Ber­lin lebt. Wie alt ist Dein Sohn jetzt? CAM­PI­NO Elf. Und Dei­ner? Sie­ben. CAM­PI­NO Ah, okay. Ich weiß jetzt nicht mehr ge­nau, wo mein Jun­ge ent­wick­lungs­mä­ßig da stand. Ich weiß nur, dass er heu­te schon ei­nen Pla­net weit ent­fernt ist von der Zeit, als er neun war. Mit sie­ben, acht Jah­ren fan­gen die Kids an, Ra­dio­hits zu hö­ren, die ty­pi­schen Charts­lie­der. Mit 12, 13 wäh­len sie schon be­wusst aus und de­fi­nie­ren sich so­gar über die Mu­sik. Mein Sohn ist Hard­coreHipHop­per. Er ist vom Fach­wis­sen her auf die­sem Ge­biet zehn Mal wei­ter als ich. Er hört ger­ne die­se al­ten Sa­chen: Wu-Tang Clan, Dr. Dre. Es gab tol­le Plat­ten da­mals. Kennst Du die Band A Tri­be Cal­led Qu­est? CAM­PI­NO (no­tiert den Na­men auf ei­ner Ser­vi­et­te) Muss ich so­fort auf­schrei­ben. Manch­mal ge­lingt es mir, Sa­chen aus­zu­bud­deln, die er nicht kennt. Bo­dy­count zum Bei­spiel. Den Film „Strai­ght Out­ta Comp­ton“über die Band N.W.A. hat er nicht bloß ein­mal ge­se­hen, da ging er am ers­ten Wo­che­n­en­de gleich zwei Mal rein. Ihn in­ter­es­siert, wie das al­les los­ging, und wer die Hel­den sei­nes Hel­den sind. Wer ist sein Held? CAM­PI­NO Der Rap­per Kend­rick La­mar. Und wenn der von frü­her er­zählt, von sei­nen Vor­bil­dern, dann wird das auch ver­in­ner­licht. Man­che El­tern stat­ten Kin­der mit T-Shirts der Bands aus, die sie selbst hö­ren. Man bringt sie so schon mal auf Li­nie. Was denkst Du dar­über? CAM­PI­NO Man soll­te das bei Kin­dern ein­fach lau­fen­las­sen. Es braucht ja ei­ne Ein­stiegs­dro­ge, und das muss et­was sein, was die Freun­de auch ger­ne hö­ren. Ich fin­de es völ­lig falsch, die Kin­der durch den Mu­sik­ge­schmack der El­tern in ei­ne Art Au­ßen­sei­ter­po­si­ti­on zu stel­len. Das pas­siert un­ter Um­stän­den so­wie­so von selbst, so­bald die sich ge­schmack­lich fest­ge­legt ha­ben. Bei mei­nem Sohn ist es die rät­sel­haf­te Zu­nei­gung zum 1. FC Köln. CAM­PI­NO Uff. Ich weiß nicht, wo­her er das hat. CAM­PI­NO Ja, da scheint et­was Erns­tes pas­siert zu sein. Schwie­rig. Das ist schon hart. (lacht) So ei­ne Num­mer hat mir mein Jun­ge bis­her zum Glück er­spart. Auf der Stra­ße wird er we­gen sei­nes Köln-Schals doof an­ge­guckt. CAM­PI­NO Sol­che Re­ak­tio­nen sind be­stimmt Teil des Spa­ßes. Da spürt er, dass et­was Be­mer­kens­wer­tes an ihm ist. Kri­tik kann da total kon­tra­pro­duk­tiv sein. Je­der Jun­ge, der Rück­grat hat, bleibt eh da­bei. Ge­ra­de im Fuß­ball ist es in der Re­gel so, dass frü­he Vor­lie­ben für im­mer blei­ben. Trau­ert man als Va­ter ei­nes Elf­jäh­ri­gen schon der Zeit hin­ter­her, als das Kind wei­cher war, an­häng­li­cher? CAM­PI­NO Ich ha­be bis­her je­de Al­ter­s­pha­se als schön emp­fun­den. Es ist ei­ne stän­di­ge In­ten­si­vie­rung der Be­zie­hung, weil ein Kind mit dem Äl­ter­wer­den von den Ge­dan­ken her mehr in die Tie­fe geht. Es ent­ste­hen mit der Zeit im­mer mehr Ebe­nen, auf de­nen man sich be­geg­nen kann. Das ist schon toll, wenn die Kin­der beim ge­mein­sa­men Fuß­ball­spie­len auf ein­mal an­fan­gen, uns aus­zu­trick­sen. Man muss dann nicht mehr so tun, als wür­de man ernst­haft ver­lie­ren. Tat­säch­lich gibt man mitt­ler­wei­le al­les, um zu ge­win­nen. Still­stand ist et­was Ne­ga­ti­ves, auch wenn man be­stimm­te Pha­sen gern fest­hal­ten wür­de, weil man glaubt: Wie die Kin­der jetzt sind, müss­ten sie im­mer sein. In­so­fern be­grü­ße ich je­den neu­en Schritt. Mei­ne Mut­ter hat im­mer ge­sagt: Das sind nicht mei­ne Kin­der, die sind nur ge­lie­hen. Da­bei war sie mit sie­ben ei­ge­nen und den vie­len Nach­bars­kin­dern, die im­mer da sein durf­ten, ei­ne ex­tre­me Mut­ter-Person. Sie moch­te Kin­der sehr ger­ne, aber sie hat sie auch im­mer los­las­sen kön­nen. Hast Du Er­zie­hungs­grund­sät­ze? CAM­PI­NO Ich glau­be, dass wir El­tern nie so tun soll­ten, als wä­ren wir die Freun­de un­se­rer Kin­der. Wir sind eben die El­tern, das ist was an­de­res. Ich den­ke, dass Kin­der es nicht se­hen mö­gen, wenn El­tern Pro­ble­me ha­ben. Mit un­se­ren Schwie­rig­kei­ten müs­sen wir uns an un­se­re Freun­de wen­den, wenn wir Hil­fe brau­chen. Kin­der sind emo­tio­nal oft über­for­dert, wenn wir ver­su­chen, un­se­re ei­ge­nen Pro­ble­me mit ih­nen zu be­spre­chen. Sie be­ge­ben sich so­fort in die Po­si­ti­on: Wie kann ich hel­fen, was kann ich da­ge­gen tun? Grenzt Du Dich in Sa­chen Er­zie­hung be­wusst von Dei­nen El­tern ab? CAM­PI­NO Ich er­ken­ne an, dass die Si­tua­ti­on mei­nes Va­ters ei­ne an­de­re war. Er muss­te sich um ein hal­bes Dut­zend Kin­der küm­mern und um ein Be­rufs­le­ben, das ganz an­ders war als meins. Au­ßer­dem müs­sen El­tern in ei­ner Ein­zel­kind-Kon­stel­la­ti­on die Ver­trau­ens­per­son ganz an­ders ge­ben als in ei­ner Fa­mi­lie mit Ge­schwis­tern. Na­tür­lich ha­ben sich auch die Zei­ten ge­än­dert. Ge­ne­ra­tio­nen­kon­flik­te wer­den heu­te an­ders aus­ge­tra­gen als frü­her. Je­den­falls nicht mehr über die Mu­sik. Die Ein­stel­lung zur Er­zie­hung all­ge­mein hat sich eben­falls völ­lig ver­än­dert: Der Pfad zum Er­wach­sen­wer­den führt über das Ge­spräch, das wis­sen wir jetzt. Frü­her hat­te man sich zu fü­gen, ei­ne ge­wis­se Ge­fühls­käl­te spiel­te mit. 2015 war ein ex­trem schwie­ri­ges Jahr: Ter­ror, Flücht­lings­elend, Krieg. Wie kannst Du für Dich un­ter­schei­den zwi­schen rich­tig und falsch? CAM­PI­NO Da ist ein Ka­non von Stim­men und Ge­dan­ken in mir. Je­der hat von sei­nem Zu­hau­se und sei­nem Um­feld ei­ne in­ne­re Moral mit­be­kom­men, und in stür­mi­schen Zei­ten tut es gut, sich dar­auf zu be­ru­fen. Aber wir soll­ten kei­ne Angst da­vor ha­ben, un­ter Um­stän­den un­se­re Mei­nung auch zu än­dern. Es gibt ein­fach kein Re­zept. Man muss im­mer pro­bie­ren, zu ei­ner Lö­sung zu kom­men. Da hilft es nicht, Prin­zi­pi­en ver­tei­di­gen zu wol­len. Die Men­schen müs­sen ge­gen­sei­ti­gen Re­spekt für­ein­an­der auf­brin­gen und hof­fen, dass je­der das Bes­te für die Ge­sell­schaft will. Ein­an­der zu­hö­ren und an­neh­men, was der an­de­re sagt. Was be­deu­tet das kon­kret? CAM­PI­NO Es ist zur­zeit schwie­rig, in In­ter­views ein State­ment ab­zu­ge­ben, das auch Wo­chen spä­ter noch sei­ne Gül­tig­keit hat. Na­tür­lich kom­men wir jetzt auf An­ge­la Mer­kel und ih­ren Kurs. Bis­her hält sie ei­ne be­mer­kens­wer­te Li­nie durch. Auch sie muss Kom­pro­mis­se ma­chen, aber sie hält ihr Mei­nungs­schiff grund­sätz­lich auf Kurs. Aber wer weiß schon, was mor­gen ge­schieht, wie weit sie ih­re Li­nie da noch fah­ren kann. Die At­ten­ta­te von Pa­ris ha­ben die Ar­gu­men­ta­ti­on pro Flücht­lin­ge ex­trem ge­trof­fen. Sie ha­ben Res­sen­ti­ments und Vor­ur­tei­le ge­stützt – das war das Schlech­tes­te, was pas­sie­ren konn­te, um ei­ne Lan­ze zu bre­chen für Leu­te, die aus Sy­ri­en kom­men. Ter­ror be­feu­ert die Ängs­te der Bür­ger. Kannst Du die Sor­gen vie­ler Bür­ger in Be­zug auf die Flücht­lin­ge ver­ste­hen? CAM­PI­NO Es gibt die­ses Dorf in Hes­sen, ei­ne 100-See­len-Ge­mein­de. Es hieß zu­nächst, dass 400 Flücht­lin­ge dort­hin kom­men, aber am Schluss war die Re­de von mehr als 1000. Das ist so ei­ne Sa­che, da kann ich mir vor­stel­len, dass die Leu­te vor Ort sa­gen, dass ih­re Dorf­ge­mein­schaft im ur­sprüng­li­chen Sinn so nicht mehr auf­recht zu er­hal­ten ist. Es muss al­les ge­tan wer­den, dass die Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge so läuft, dass die Neu­an­kömm­lin­ge nicht für ei­nen Um­sturz der Ver­hält­nis­se sor­gen. Es darf nicht so krass zu spü­ren, und es muss zu kom­pen­sie­ren sein. Und das ist durch­aus mög­lich bei ei­ner Mil­li­on Flücht­lin­ge auf 80 Mil­lio­nen Leu­te, die hier le­ben. Ich ha­be Dir et­was mit­ge­bracht. CAM­PI­NO (packt das Buch aus) Su­per. „M Train“von Pat­ti Smith. Ich ken­ne es nicht, weiß aber jetzt schon, dass ich es mit größ­tem In­ter­es­se le­sen wer­de. Ich ver­eh­re Pat­ti Smith. Und ich kann ih­re gro­ße Af­fi­ni­tät zu Ge­dich­ten nach­voll­zie­hen. Für das Buch fuhr sie zu den Grä­bern ih­rer Hel­den, zu W. G. Se­bald, Proust und so wei­ter. CAM­PI­NO Tol­le Idee. Wen wür­dest Du für solch ein Buch­Pro­jekt be­su­chen? CAM­PI­NO Hm. Man soll­te mei­nen, Kurt Co­bain wä­re zum Bei­spiel für mich in­ter­es­sant. Aber Mu­si­ker wä­ren mir da nicht so wich­tig. Eher his­to­risch re­le­van­te Fi­gu­ren. Chur­chill viel­leicht. Auch Brecht wä­re nicht schlecht. Erich Käst­ner. War Kurt Co­bain wich­tig für Dich? CAM­PI­NO Wich­tig in­so­fern, als dass er ei­ne un­glaub­lich au­then­ti­sche Person war. Er hat für sei­ne Ge­ne­ra­ti­on den har­ten Gi­tar­ren­rock in den Main­stream ge­schos­sen. Nir­va­na wa­ren bahn­bre­chend, was die Ak­zep­tanz die­ser har­ten und in sich ge­kehr­ten Mu­sik an­geht. Die Jungs mach­ten Hits, die in punc­to Ge­fäl- lig­keit ei­gent­lich kei­ne Hits wa­ren. Bands wie Gre­en Day hät­ten nicht den Er­folg, wenn Nir­va­na nicht die Tür ge­öff­net hät­ten. Vor­bil­der sind sie aber für mich nicht, weil sie erst auf der Bild­flä­che er­schie­nen, als mei­ne Hel­den­ver­eh­rungs­pha­se ge­lau­fen war. Mir sind die Sex Pis­tols oder The Clash wich­ti­ger ge­we­sen. Hast Du Co­bain mal ge­trof­fen? CAM­PI­NO Wir ha­ben ein­mal mit Nir­va­na auf dem Ros­kil­de-Fes­ti­val ge­spielt. Man konn­te dort schon er­ken­nen, dass es ihm nicht gut ging. Nir­va­na hat­te ge­ra­de „In Ute­ro“ver­öf­fent­licht, das letz­te Al­bum, und die Kri­ti­ken wa­ren schlecht. Mir hat die Band leid­ge­tan. Es ist nicht zu be­grei­fen, dass man nach ei­ner Me­ga-Plat­te wie „Ne­ver­mind“mit 40 Mil­lio­nen ver­kauf­ten Ex­em­pla­ren wei­ter­macht, ei­ne noch ex­tre­me­re und här­te­re Plat­te fol­gen lässt und trotz­dem da­für an­ge­schos­sen wird. Sie wa­ren in der Kon­sum­fal­le und woll­ten des­halb be­wei­sen, dass sie da­mit nichts zu tun ha­ben. Es hat nichts ge­hol­fen, sie stan­den in der Kri­tik. Mit dem Tod Co­bains hat sich das al­les noch mal ge­dreht, und Nir­va­na wur­den wie­der hoch­ge­ju­belt. Wie wird es wei­ter­ge­hen nach der er­folg­reichs­ten Plat­te in Eu­rer Kar­rie­re? Geht es über­haupt wei­ter? CAM­PI­NO Ich ha­be das Ge­fühl, dass min­des­tens noch ein Al­bum von uns kom­men muss. Ge­ra­de nach „Bal­last der Re­pu­blik“. Es wä­re fei­ge zu knei­fen. Wie wird sich die Plat­te an­hö­ren? CAM­PI­NO Wo es ge­nau lang­geht, wis­sen wir nicht, aber es tut schon mal gut, die Ge­wiss­heit zu ha­ben, dass man über­haupt wei­ter­macht. Wir ha­ben ver­sucht, ein ru­hi­ges Jahr zu ge­stal­ten. Und dann gab es den An­ruf von Marek Lie­ber­berg we­gen „Rock am Ring“. Wir konn­ten nicht nein sa­gen und ha­ben da­zu noch ein paar an­de­re Kon­zer­te an­ge­setzt, und schon war das ru­hi­ge Jahr zer­schos­sen. Wir wol­len uns öf­fent­lich nun zu­rück­neh­men und uns dar­auf kon­zen­trie­ren, neue Stü­cke zu schrei­ben. Wann legt Ihr ein­an­der vor, was da­bei her­aus­ge­kom­men ist? CAM­PI­NO Im Som­mer. Wenn wir bis da­hin ein paar Lie­der mit Sub­stanz ge­schrie­ben ha­ben, könn­te es ge­lin­gen, 2017 ein neu­es Al­bum zu ver­öf­fent­li­chen.

FOTOS (2): ANDRE­AS ENDERMANN

Cam­pi­no (53) im Hin­ter­hof sei­ner Plat­ten­fir­ma im Düs­sel­dor­fer Stadt­teil Flin­gern.

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