Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Du ver­wech­selst da was“, sag­te ich. „Ich wer­de ihn in Au­gen­schein neh­men.“Gran­ny kam mit ei­ner Plat­te auf mich zu, auf der ge­bra­te­ner Speck und Ar­me Rit­ter an­ge­rich­tet wa­ren, ei­gent­lich wirk­lich schön. „Für dich“, sag­te ich. „Nein, für uns bei­de. Und auch für Ju­dy, falls sie dem­nächst auf­steht, al­ler­dings ha­be ich sie er­mun­tert, aus­zu­schla­fen, denn sie wird den Schlaf brau­chen.“

Sie setz­te die Plat­te ab, stell­te ei­nen Tel­ler vor mich auf den Tisch und ei­nen wei­te­ren da­ne­ben und schenk­te mir Kaf­fee ein. Er sah bru­tal aus, der Kaf­fee, aber ich konn­te ihn igno­rie­ren, denn ich hat­te noch et­was Ei und Oran­gen­saft und Wod­ka im Glas. Ich ließ mir ei­ne Por­ti­on Ar­me Rit­ter auf­tun und be­schloss, Ju­diths künf­ti­gen Be­darf an mo­men­ta­nem Schlaf nicht zu kom­men­tie­ren. Ich stell­te mir lie­ber vor, dass sie ge­ra­de den Schlaf der En­tBun­de­nen, Ent-Täusch­ten – so viel zum The­ma Vor­sil­be – schlief, den Schlaf der Ge­rech­ten. Sie war mehr als ge­recht ge­we­sen, und ich konn­te mit Gran jetzt über an­de­re Din­ge re­den. Doch Gran gab das Heft nicht aus der Hand.

„Als ich dir vor­ge­schla­gen ha­be, zu Dr. Bar­nes zu ge­hen, hat­te ich ganz ver­ges­sen, dass wir ja selbst ei­nen Arzt in der Fa­mi­lie ha­ben.“

„Hmmm“, sag­te ich bloß. Sie hat­te das Heft in der Hand, jetzt soll­te sie es auch be­hal­ten.

„Du hät­test doch nichts da­ge­gen, Cas­sie, oder? Ich glau­be, ich ha­be noch nie ei­nen jun­gen Mann ge­se­hen, der so in sei­ner Ar­beit auf­geht.“

„Ges­tern Abend hast du noch ge­sagt, dass er ganz in Ju­dith auf­geht. Bei­des gleich­zei­tig dürf­te ja wohl schwie­rig sein.“– „War­te, bis du ihn ken­nen­lernst“, sag­te Gran­ny mit ei­nem wis­sen­den klei­nen Lä­cheln. „Dann wirst du ver­ste­hen, was ich mei­ne.“

Sie trank ei­nen Schluck Kaf­fee und seufz­te – ein zu­frie­de­ner, ziem­lich privat klin­gen­der Seuf­zer, wie von ei­nem ver­lieb­ten Te­enager.

„Die bei­den sind so rei­zend zu­sam­men“, sag­te sie. „Man kann bloß stau­nen, dass sie sich ge­fun­den ha­ben – Jack aus Con­nec­ti­cut und Ju­dy von hier, so weit weg.“

Der Kaf­fee sah sehr streng aus, sehr di­rekt, und hat­te ei­ne fie­se Far­be, aber ich trank ein biss­chen da­von, denn mein Stär­kungs­mit­tel war jetzt al­le, und ich muss­te ir­gend­was tun. Ich rauch­te ja nicht.

„Got­tes Plan“, sag­te ich. „Di­rekt aus der himm­li­schen Ver­kup­pe­lungs­zen­tra­le.“

Gran­ny lä­chel­te, ver­mut­lich hat­te sie nur den ers­ten Teil mei­nes Kom­men­tars zur Kennt­nis ge­nom­men. „Das glau­be ich auch, Cas­sie“, sag­te sie. „Got­tes Plan. Du wirst es er­ken­nen, wenn du die bei­den zu­sam­men siehst.“

Ich kos­te­te noch mal von dem Kaf­fee. Sehr streng. An ei­nem Mor­gen wie die­sem ist Tee das we­ni­ger ris­kan­te Ge­tränk und sei­ne Heil­wir­kung grö­ßer.

„Was meinst du denn, was Gott für mich plant?“, frag­te ich. „Au­ßer Ar­mut, Keusch­heit, Ge­hor­sam, Hirn­scha­den und Tod?“

Gran­ny blin­zel­te ir­ri­tiert, be­schloss dann aber, das un­ter „Cas­sie, die Gu­te, ist mal wie­der un­mög­lich“ein­zu­ord­nen.

„Du wirst es er­fah­ren, Schatz“, sag­te sie. „Dein Tag wird kom­men, und wenn du je­man­dem be­geg­nest, der zu dir passt, wirst du es si­cher wis­sen, ge­nau wie Ju­dith.“– „Das glaubst du wirk­lich, Gran­ny, oder?“

Sie hat­te die Tas­se am Mund, aber sie nick­te, und in ih­ren Au­gen über der Tas­se lag ein spi­ri­tu­el­ler Schim­mer.

„Du soll­test es auch glau­ben“, sag­te ich, „denn es stimmt, und zwar schon seit dem Tag, an dem wir Ta­cky ge­fun­den ha­ben.“

Gran setz­te ih­re Tas­se ab und schau­te so, wie ich es er­war­tet hat­te. „Wel­cher Ta­cky?“, frag­te sie. „Ta­cky Ed­wards“, sag­te ich. „Nur der bes­te Ka­ter, den wir je hat­ten.“

„Cas­sie, iss dei­ne Ar­men Rit­ter“, sag­te Gran, „und dann lass uns zur Sa­che kom­men. Wir ha­ben ei­ni­ges zu pla­nen.“

Ich ließ das an mir ab­pral­len, denn ich dach­te jetzt wirk­lich an Ta­cky Ed­wards, der so ein strup­pi­ger Bur­sche ge­we­sen war, aber da­bei so ver­ständ­nis­voll, so kat­zen­haft, fried­lich und un­er­gründ­lich, und dar­an, dass wir ihn hat­ten ver­lie­ren müs­sen, ihn ge­hen las­sen, ster­ben las­sen, den Amei­sen an­heim­ge­ben müs­sen, um das zu fin­den, was wir doch längst hat­ten – uns selbst, zu­sam­men. Mehr als dies muss man letzt­lich nicht wis­sen: Wenn man sich da­mit ab­fin­den kann zu ver­lie­ren, wird man viel­leicht ge­win­nen.

„Hör dir das mal an, Gran­ny“, sag­te ich und kram­te in mei­ner Er­in­ne­rung nach ei­nem Aus­spruch von ei­nem der Phi­lo­so­phen, den mir mal ir­gend­je­mand – Ja­ne viel­leicht, oder Pa­pa – na­he­ge­bracht hat­te: „,Nichts, was der Mensch von Na­tur aus liebt, muss un­ge­hei­ligt blei­ben, so­fern es in Tei­len ge­op­fert und in Tei­len er­löst wer­den kann.’ Das ist ein Zitat, und ich sa­ge dir auch, war­um ich es zi­tie­re: Es fällt mir im­mer dann ein, wenn ich das Ge­fühl ha­be, dass et­was rund­um passt, weißt du, so wie du es vor­hin be­schrie­ben hast.“– „Cas­sie“, sag­te mei­ne Groß­mut­ter, „ich fin­de, wir soll­ten –“

„Nein, war­te noch ei­nen Mo­ment“, sag­te ich. „Ich woll­te dir ein­fach sa­gen, dass ich nicht mehr dar­auf war­ten muss, zu spü­ren, dass es passt – ich ha­be es be­reits ge­spürt –, al­so, ich spü­re es, auch jetzt im Mo­ment.“

Gran­ny schau­te so drein, wie sie im­mer drein­schaut, wenn je­mand län­ger auf sie ein­re­det: wie ei­ne Frau, die in Ge­dan­ken ei­nen Ein­kaufs­zet­tel schreibt, durch­aus freund­lich, aber ab­we­send. Als ich fer­tig war, ließ sie ei­ne klei­ne An­stands­pau­se ver­strei­chen, und als klar war, dass ich ge­sagt hat­te, was ich hat­te sa­gen wol­len, setz­te sie neu an.

„Ich bin wirk­lich froh, dass du so früh auf­ge­stan­den bist und ich dich ein biss­chen für mich ha­ben kann“, be­gann sie. „Es gibt so vie­les, was ich mit dir be­spre­chen möch­te.“

„Du hast mich“, sag­te ich. „Be­sprich.“

„Mehr isst du nicht? Du hast Ar­me Rit­ter doch im­mer so gern ge­mocht.“

„Rei­che auch“, sag­te ich. „Al­so, was woll­test du mit mir al­lein be­re­den?“„Die Hoch­zeit.“„Wel­che Hoch­zeit?“„Cas­sie, bit­te.“„Okay.“„Fin­dest du nicht, wir soll­ten ein paar Leu­te ein­la­den?“„Zur Hoch­zeit?“„Na­tür­lich, zur Hoch­zeit. Ju­dy will, dass wir un­ter uns blei­ben: du, Jim, ich, Jack und sie. Aber ich fin­de, das Gan­ze auf uns zu be­schrän­ken, wä­re ei­ne Brüs­kie­rung der Men­schen, un­ter de­nen sie auf­ge­wach­sen ist.“

(Fort­set­zung folgt)

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