Tschüss, An­ni Schu­ma­cher

40 Jah­re lang hat die ge­bür­ti­ge Elm­p­te­rin auf dem Wo­chen­markt in Rhe­ydt ge­ar­bei­tet, am Stand vom Ge­mü­se­han­del Ver­jans. An­ni Schu­ma­cher ist 89 Jah­re alt – für sie ist die Zeit ge­kom­men, in den Ru­he­stand zu ge­hen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON NI­CO­LE SCHARFETTER

Ih­re Au­gen sind gla­sig, ih­re Stim­me zit­tert. Im­mer wie­der wischt sich An­ni Schu­ma­cher Trä­nen aus dem Ge­sicht. Ei­gent­lich mag sie gar nicht an den Sil­ves­ter­mor­gen den­ken, wenn sie zum letz­ten Mal auf dem Rhe­ydter Markt ste­hen wird. Am liebs­ten wür­de sie ih­re Ent­schei­dung rück­gän­gig ma­chen. „Aber die Ver­jans be­zah­len mich für et­was, das ich nicht mehr leis­ten kann“, sagt sie. An­ni Schu­ma­cher geht nicht in Ren­te. An­ni Schu­ma­cher gibt ei­ne Be­ru­fung auf, die sie 40 Jah­re lang ge­wis­sen­haft er­füll­te. Mit der sie an­fing, als sie schon fast im Ren­ten­al­ter war. Mit 59 wur­de An­ni Schu­ma­cher auf dem Markt an­ge­stellt, beim Ge­mü­se­han­del Ver­jans. Im­mer noch zit­ternd sagt die 89Jäh­ri­ge: „Ich bin ein­fach zu lang­sam ge­wor­den.“

An­ge­fan­gen hat­te al­les mit ei­nem Hau­fen Erd­bee­ren. „Ich hat­te vie­le Gäs­te“, er­zählt die ge­bür­ti­ge Elm­p­te­rin. Je mehr Men­schen, um­so bes­ser. Es muss­ten na­tür­lich fri­sche Erd­bee­ren sein. Wenn An­ni Schu­ma­cher kocht – und das tut sie lei­den­schaft­lich gern –, dann mit den bes­ten, fri­sches­ten Zu­ta­ten. Erd­bee­ren gab es da­mals an ei­nem Sonn­tag nur vom Feld. „In Sch­lich pflück­te und pflück­te ich, im­mer samt Sti­el­chen. So ha­be ich das ge­lernt“, sagt die heu­te 89-Jäh­ri­ge. Die da­ma­li­ge Che­fin des Ge­mü­se­han­dels war be­ein­druckt von ih­rer Sorg­falt, dem lie­be­vol­len Um­gang mit den Früch­ten. Sie woll­te An­ni Schu­ma­cher gleich ein­stel­len. „Aber ich muss­te erst mei­nen Mann fra­gen“, sagt sie.

Der stimm­te zu, wenn auch nicht son­der­lich be­geis­tert. Und so fing An­ni Schu­ma­cher mit 59 Jah­ren an, re­gel­mä­ßig mit der Fa­mi­lie Ver­jans auf dem Feld zu ste­hen. „Ich moch- te schon im­mer die fri­sche Luft“, sagt sie. Und die har­te Ar­beit mach­te ihr nichts aus. Ir­gend­wann frag­ten die Ver­jans, ob An­ni Schu­ma­cher nicht auf dem Markt aus­hel­fen will. „,Nein’, sag­te ich da­mals. Aus­ru­fen, das kann ich nicht“, er­in­nert sie sich. Ei­nen Markt­schrei­er such- ten die Ver­jans aber nicht, sie woll­ten An­ni Schu­ma­cher als Ver­käu­fe­rin.

Von 6 bis 14 Uhr war An­ni Schu­ma­cher je­den Mitt­woch und Sams­tag auf dem Markt, in den 40 Jah­ren ist sie drei­mal krank ge­we­sen. Selbst ei­ne Hüft- und zwei Knie-Ope­ra­tio- nen hiel­ten sie nicht ab, Obst und Ge­mü­se zu ver­kau­fen. „Aber ein­mal, da ha­be ich ver­schla­fen“, er­zählt die 89-Jäh­ri­ge. Da ha­be der Chef sie höchst­per­sön­lich aus dem Bett ge­klin­gelt. Nicht, weil er ein Ty­rann war. Ganz im Ge­gen­teil: Er mach­te sich Sor­gen. Für An­ni Schu- ma­cher wa­ren die Ver­jans’ mehr als nur Ar­beit­ge­ber. Sie sind Freun­de, ge­hö­ren in­zwi­schen zur Fa­mi­lie. Und An­ni Schu­ma­cher ist um­ge­kehrt zu ei­ner Ver­jans ge­wor­den. „Hät­te das Kli­ma nicht ge­stimmt, wä­re ich nicht so lang ge­blie­ben“, sagt sie. Zu­sam­men fei­er­te man Fes­te – Hoch­zei­ten, Geburtstage, Weih­nach­ten –, und man trau­er­te ge­mein­sam. Zum Bei­spiel, als An­ni Schu­ma­chers Mann starb. Vor 14 Jah­ren. „Da ha­ben mich die Ar­beit und die Kol­le­gen auf­ge­fan­gen“, sagt die 89-Jäh­ri­ge. Sie hat­te ei­ne Auf­ga­be.

An­ni Schu­ma­cher liebt es, wenn sie Men­schen um sich hat. Die Ver­jans, die vie­len Kun­den, die sie zum Teil seit Jahr­zehn­ten kennt, und ih­re Fa­mi­lie na­tür­lich. Ih­re rich­ti­ge. Zu der zwei Kin­der, vier En­kel und drei Uren­kel zäh­len. „Lu­ca ist zehn und wohnt mit sei­ner Mut­ter, mei­ner En­ke­lin Ni­co­le, gleich ge­gen­über“, sagt die 89-Jäh­ri­ge. „Und mei­ne Toch­ter kommt je­den Mit­tag zum Es­sen.“An Weih­nach­ten hat­te sie die gan­ze Fa­mi­lie bei sich, „ich kann ja nicht so gut lau­fen, da kom­men im­mer al­le zu mir.“

Noch ein­mal al­so wird An­ni Schu­ma­cher auf dem Rhe­ydter Markt ste­hen, noch ein­mal will sie das tun, was sie seit 40 Jah­ren so gern ge­tan hat. Und sie ver­spricht: „Ich wer­de je­den Mitt­woch und Sams­tag auf dem Markt ein­kau­fen.“

Neue Plä­ne will An­ni Schu­ma­cher nicht mehr schmie­den. „Ich fan­ge jetzt si­cher nicht mit dem Stri­cken an“, sagt sie. Da bleibt sie lie­ber beim Ko­chen und Ba­cken. Das liegt ihr, das macht sie gern. „Wis­sen Sie, in mei­nem Al­ter hat man ein­fach kei­ne Plä­ne mehr.“So­lan­ge sie ge­sund ist, im Kopf fit, ist An­ni Schu­ma­cher zu­frie­den.

„Ich bin dank­bar für das, was ich ha­be“, sagt sie.

FOTO: ISA­BEL­LA RAUPOLD

Seit 40 Jah­ren ver­kauft An­ni Schu­ma­cher auf dem Rhe­ydter Wo­chen­markt obst und Ge­mü­se. In der Zeit war die 89-Jäh­ri­ge nur drei­mal krank.

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