Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Wir hat­ten doch mit den Leu­ten hier nie groß zu tun, wenn ich mich recht er­in­ne­re.“„Ihr wart an der Put­nam High­school. Und Klas­sen­bes­te noch da­zu.“

„Ich viel­leicht. Ju­dy war Viert­bes­te.“

„Das ist kein Grund, ei­ne Leh­re­rin wie Miss – wie hieß sie noch gleich? –, die sich so für Ju­dy ein­ge­setzt hat, nicht ein­zu­la­den.“„Ja, wie hieß sie noch gleich?“„Cas­sie, bit­te.“„Al­so gut, aber wir soll­ten der Tat­sa­che ins Au­ge se­hen, dass wir wohl kaum ei­ne Ein­la­dung an sie rich­ten kön­nen, wenn wir nicht wis­sen, wie sie heißt.“

„Das wür­de uns schon ein­fal­len, wenn du ein biss­chen hel­fen wür­dest. Hat Ju­dy ges­tern Abend mit dir dar­über ge­spro­chen?“

„Nein, ich glau­be nicht. Ges­tern Abend ging es wirk­lich um was an­de­res.“

„Sie hat wähnt?“„Leu­te zur Hoch­zeit ein­zu­la­den?“„Nein, nicht nur das, al­les – was sie halt be­schlos­sen ha­ben.“

Ich er­wog, ei­nen wei­te­ren Schluck Kaf­fee zu trin­ken, ent­schied mich dann aber da­ge­gen, er­hob mich von mei­nem Bar­ho­cker und setz­te ei­nen Kes­sel Was­ser auf, wäh­rend ich Gran­ny er­klär­te, dass ich in­zwi­schen lie­ber Tee als Kaf­fee zum Früh­stück trank.

„War­um hast du mir das denn nicht ge­sagt?“, frag­te sie.

Ich setz­te mich wie­der an den Tre­sen. „Ich weiß nicht mehr, was der lang­fris­ti­ge Plan ist, aber ich er­in­ne­re mich, dass ich heu­te Nach­mit­tag nach Ba­kers­field fah­ren und Dr.

es

nicht

ein­mal

er- Lynch am Flug­ha­fen ab­ho­len wer­de.“„Dr. Lynch?“„Finch, par­don. Finch.“

„Du holst meinst du.“

„Nein, ich. Ju­dith hat noch viel zu tun, und wir fan­den bei­de, dass ich auf die­se Wei­se ein biss­chen – un­ge­zwun­ge­ner mit ihm re­den kann. Meinst du nicht auch?“

Gran­ny schau­te mich an, biss sich auf die Un­ter­lip­pe und run­zel­te die Stirn.

„Cas­sie“, sag­te sie, „du wirst dich ja wohl nicht als Ju­dith aus­ge­ben oder so was?“

„Was?“Ich war auf­rich­tig scho­ckiert über die­sen rü­den Zug bei Mrs. Ab­bott, der sie da­zu ver­lei­te­te, ei­nen so rü­den Zug bei mir zu ver­mu­ten, wo­bei mich das ei­gent­lich nicht hät­te scho­ckie­ren dür­fen. Sie fand es schon im­mer wahn­sin­nig span­nend, wie ähn­lich wir uns se­hen, was wir uns doch zu­nut­ze ma­chen könn­ten, statt al­les Er­denk­li­che zu tun, um es zu leug­nen. Ich saß mit her­un­ter­ge­klapp­ter Kinn­la­de da, wäh­rend sie fort­fuhr: „Er ist ein zu net­ter Kerl, als dass man sich über ihn lus­tig ma­chen soll­te. Zieht euch doch un­ge­fähr gleich an und holt ihn zu­sam­men ab!“

Ich will nichts ge­gen mei­ne Groß­mut­ter sa­gen. Sie liebt uns, sie ist der In­be­griff der Groß­zü­gig­keit, aber es gab mal ei­ne Zeit – wir wa­ren viel­leicht acht –, da woll­te sie uns so­gar zwei Ak­kor­de­ons kau­fen und uns da­zu brin­gen, ei­ne klei­ne Num­mer ein­zu­stu­die­ren. Ich weiß noch, dass wir von der Idee durch­aus an­ge­tan wa­ren. Aber Ja­ne ist an die De­cke ge­gan­gen, und Pa­pa ist ex­plo­diert.

Ich schau­te sie mit fes­tem Blick an und sprach sehr deut­lich.

ihn

John Tho­mas

ab?

Ihr

bei­de,

„Erst un­ter­stellst du uns, wir woll­ten ihn an der Na­se her­um­füh­ren, und dann willst du uns aus­staf­fie­ren wie die Bobbsey-Zwil­lin­ge. Wo stehst du, Gran­ny? Das wüss­te ich wirk­lich gern“, sag­te ich, als wüss­te ich es nicht ganz ge­nau.

Gran­ny sah trau­rig aus. „Ich konn­te nie et­was Fal­sches dar­in se­hen, dass ihr –“

„Sag es nicht“, un­ter­brach ich sie. „Sprich das Wort nicht aus.“

„Nie­mand sonst, der es ist, hat so ei­ne Ein­stel­lung da­zu“, sag­te Gran­ny in dem be­küm­mer­ten Ton­fall, in dem sie die­se Un­ter­hal­tung im­mer führt, die Un­ter­hal­tung über un­ser So­sein, um es mal so zu nen­nen. Es tut mir leid, wenn ich sie be­küm­me­re oder ihr die Freu­de ver­der­be, aber ich muss ein­fach klar sa­gen, wor­um es geht, denn je­mand vom We­sen und Ge­müt mei­ner Groß­mut­ter be­greift nicht, was es heißt, zu ei­ner Le­bens­wei­se wie un­se­rer ge­nö­tigt zu sein – es ist ein Zu­stand, den wir ins­ge­heim ge­nie­ßen, zu­gleich aber auf Schritt und Tritt ge­gen die be­droh­li­che Mas­se von Kli­schees ver­tei­di­gen müs­sen, mit de­nen man uns trak­tiert. Es ist nicht ein­fach, so zu sein wie wir, wir müs­sen stän­dig auf ir­gend­wel­che Klei­nig­kei­ten ach­ten. Ich ha­be das al­les durch­dacht, wir ha­ben es ge­mein­sam durch­dacht. Ich ha­be mei­ner Ärz­tin zu er­klä­ren ver­sucht, dass es dar­auf an­kommt, un­ab­läs­sig an un­se­rer größt­mög­li­chen Ver­schie­den­heit zu ar­bei­ten, denn erst wenn ei­ne Kluft be­steht, kann man sie über­brü­cken. Und das Über­brü­cken ist das ei­gent­li­che Pro­jekt.

„War das nicht ul­kig ges­tern Abend?“, sag­te Gran­ny, jetzt nicht mehr trau­rig. „Dein Ge­sicht beim An­blick von Ju­dys Hoch­zeits­kleid – al­so, so was ha­be ich, glau­be ich, noch nie ge­se­hen.“

„Köst­lich“, sag­te ich. „Gott sei Dank ha­be ich es nicht bar be­zahlt. Ich kann es wie­der zu­rück­brin­gen.“

Ich stand auf, dreh­te das Gas un­ter dem Tee­kes­sel ab, spül­te ei­ne Kan­ne mit hei­ßem Was­ser aus, und Gran­ny nahm sie mir ab und öff­ne­te ei­ne Tee­do­se.

„Ju­dith will ih­res auch zu­rück­schi­cken“, sag­te ich, „aber ich fin­de, es wä­re ein gu­tes Kleid für sie, ein gu­tes Kleid für Kam­mer­mu­sik. Um Fau­ré zu spie­len. Zwang­lo­se som­mer­li­che Kam­mer­mu­sik.“

Ich ge­stat­te­te mir die Über­le­gung, wie groß wohl die Wahr­schein­lich­keit war, dass es auf Te­ne­rif­fa, falls wir denn dort hin­gin­gen, Kam­mer­mu­sik-En­sem­bles gab. Bes­ten­falls ge­ring, doch die­ser bes­te Fall wür­de nicht ein­tre­ten, es wür­de kei­ner­lei Kam­mer­mu­sik ge­ben. Aber ir­gend­wie wür­de es sich ein­rich­ten las­sen, dass wir ein ei­ge­nes Kla­vier hät­ten, viel­leicht konn­ten wir für die Dau­er un­se­res Auf­ent­halts dort eins mie­ten. Ich könn­te die ei­ne Hand für ei­ni­ge der Mo­zart-So­na­ten ein­stu­die­ren, die wir frü­her ge­spielt hat­ten. Die Rech­te na­tür­lich. Denn al­les, was recht ist – al­les Lin­ke liegt mir nicht. Frü­her ha­ben wir stän­dig Mo­zart-So­na­ten auf­ge­teilt, und da ich den ei­nen Teil spiel­te, wa­ren die Dar­bie­tun­gen nie son­der­lich ge­schlif­fen, aber es war an­re­gend, wie Ping­pong, und so könn­te es wie­der sein. Nach ei­nem Tag in der Son­ne heim­kom­men, ein paar Mo­zart-So­na­ten spie­len, dann Ju­dy al­lein zu­hö­ren, wäh­rend ich mir die Haa­re kämm­te; und dann wür­den wir ge­mein­sam los­zie­hen, um ir­gend­wo et­was zu es­sen.

(Fort­set­zung folgt)

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