Lan­des­po­li­tik wird wie­der span­nend

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON THO­MAS REI­SE­NER

DÜSSELDORF Nicht al­les, was Rot-Grün beim Re­gie­rungs­an­tritt vor gut fünf Jah­ren in NRW auf den Weg ge­bracht hat, kam an. Aber in der ers­ten Hälf­te ih­rer Amts­zeit hat die rot-grüne Lan­des­re­gie­rung im­mer­hin Spu­ren hin­ter­las­sen: ein ei­ge­nes Kli­ma­schutz­ge­setz für NRW, Weg­fall der Stu­di­en­ge­büh­ren, bei­trags­frei­es Kin­der­gar­ten­jahr, weit­ge­hen­des Rauch­ver­bot in der Öf­fent­lich­keit und ein neu­er „Kom­mu­nalSo­li“, bei dem star­ke Kom­mu­nen ih­ren Nach­bar­ge­mein­den Geld ab­ge­ben müs­sen – stel­len­wei­se war das Ka­bi­nett um Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft (SPD) ein bun­des­wei­ter Hin­gu­cker. Oder – je nach Per­spek­ti­ve – ein bun­des­wei­ter Auf­re­ger. Aber in je­dem Fall prä­sent. Wie viel ist von dem Schwung noch üb­rig, wenn NRW im Früh­jahr 2017 den neu­en Land­tag wählt?

2016 wird für die Lan­des­po­li­tik ein Schick­sals­jahr. So­wohl für die Mi­nis­ter­prä­si­den­tin als auch für ih­ren Her­aus­for­de­rer Ar­min La­schet (CDU). Hat die Lan­des­re­gie­rung – wie La­schet be­haup­tet – ihr Pul­ver ver­schos­sen, ober kann sie doch noch ein­mal mit fri­schen Ide­en punk­ten? Und kann die Op­po­si­ti­on – wie die Lan­des­re­gie­rung be­haup­tet – wirk­lich nur me­ckern, oder hat La­schet auch Ge­gen­kon­zep­te? Der Aus­gang des Ren­nens ist of­fen. Denn so­wohl die Re­gie­rung als auch die Op­po­si­ti­on ha­ben 2016 so deut­li­chen Nach­hol­be­darf, dass kein Fa­vo­rit mehr er­kenn­bar ist.

In den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren hat sich fast schon Lan­ge­wei­le breit­ge­macht im Düs­sel­dor­fer Par­la­ment. Die Re­gie­rung mach­te al­len­falls noch von sich re­den mit pein­li­chen Haus­haltsRück­schlä­gen vor dem Ver­fas­sungs­ge­richt, miss­han­del­ten Flücht­lin­gen in Lan­des­un­ter­künf­ten und ge­platz­ten Plä­nen für den Ver­kauf ei­ner lan­des­ei­ge­nen Kunst­samm­lung. Trau­ri­ger Tief­punkt war Krafts Re­gie­rungs­er­klä­rung An­fang des Jah­res, in der ihr nicht viel mehr ein­fiel als das Aus­ru­fen ei­ner neu­en Di­gi­tal-Of­fen­si­ve für NRW („Me­ga­B­its. Me­ga­Herz. Me­gaStark“). Man­gels Kon­kre­ti­sie­rung muss­te sie da­nach ta­ge­lang den Spott der Op­po­si­ti­on („Me­gaPein­lich“) und so­gar Kri­tik aus dem ei­ge­nen La­ger aus­hal­ten. Aber an­statt die­se Kon­zept­lo­sig­keit mit ei­ge­nen Ide­en zu fül­len, ver­stol­per­te sich Op­po­si­ti­ons­chef Ar­min La­schet (CDU) in Af­fä­ren um ei­ne pri­va­te Steu­er­er­klä­rung und Uni-Klau­su­ren, die er als Gast­do­zent an der RWTH Aa­chen of­fen­bar ver­bum­melt hat­te.

Die Schlacht um die nächs­te Land­tags­wahl wird 2016 auf zwei Po­li­tik­fel­dern ge­schla­gen: der Haus­halts- und der In­nen­po­li­tik. Schafft NRW-Fi­nanz­mi­nis­ter Nor­bert Wal­ter-Bor­jans (SPD) den Ab­bau der Neu­ver­schul­dung? Oder muss er wei­ter­hin mit sei­nen un­be­strit­te­nen Er­fol­gen bei der in­ter­na­tio­na­len Ver­fol­gung von Steu­er­sün­dern da­von ab­len­ken, dass er bei die­ser sei­ner wich­tigs­ten Auf­ga­be nicht recht vor­an­kommt? Und kann NRW-In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) auch im kom­men­den Jahr ei­nen men­schen­wür­di­gen Um­gang mit den Flücht­lin­gen ge­währ­leis­ten, von de­nen 2015 über 300.000 nach NRW ka­men und bei de­nen nie­mand weiß, wie vie­le 2016 noch kom­men? Kann Jä­ger die Will­kom­mens­kul­tur in NRW ret­ten?

Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand gibt selbst die Op­po­si­ti­on zu, dass Jä­ger das Flücht­lings­pro­blem bis­lang im Griff hat. Ob­wohl NRW über­pro­por­tio­nal vie­le Flücht­lin­ge auf­nimmt, wer­den sie hier­zu­lan­de über­durch­schnitt­lich gut ver­sorgt. Hand­werk­li­che Feh­ler bei der Er­stat­tung der Kos­ten an die Kom­mu­nen sind ein­ge­räumt und wer­den be­ho­ben, auf die Sor­gen der Flücht­lings­heim-An­woh­ner re­agiert Jä­ger mit mehr Po­li­zei­prä­senz. Auch bei den Etat­ver­hand­lun­gen konn­te er dem Fi­nanz­mi­nis­ter ei­ne Ver­dopp­lung der Flücht­lings­aus­ga­ben von jetzt zwei auf rund vier Mil­li­ar­den Eu­ro im kom­men­den Jahr ab­rin­gen. Jä­gers wun­der Punkt beim The­ma Flücht­lin­ge: Als In­nen­mi­nis­ter des größ­ten deut­schen Bun­des­lan­des müss­te er ei­gent­lich auch auf Bun­des­ebe­ne mehr Pro­fil zei­gen. Er müss­te die Flücht­lings­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung an­grei­fen, die au­ßer Durch­hal­te­pa­ro­len („Wir schaf­fen das“) noch kei­ne plau­si­ble Ant­wort auf die Flücht­lings­pro­ble­ma­tik ge­lie­fert hat. Am bes­ten mit ei­nem bun­des­weit dis­ku­tier­ten Ge­gen­kon­zept aus NRW. In den Rei­hen der SPD heißt es, Jä­ger sei bun­des­po­li­tisch zu Zu­rück­hal­tung ge­zwun­gen, seit Kraft das The­ma Flücht­lin­ge zur Chef­sa­che er­klärt ha­be.

Dass im nächs­ten Jahr aus­ge­rech­net das sper­ri­ge The­ma Haus­halt ins Zen­trum der Lan­des­po­li­tik ge­rät, ist un­ge­wöhn­lich. Aber kein Zu­fall: Ein Haus­halt ist po­li­ti­sche Prio­ri­tä­ten­set­zung in Zah­len. Op­po­si­ti­ons­chef La­schet hat auch schon an­ge­kün­digt, die Prio­ri­tä­ten der Lan­des­re­gie­rung 2016 über das The­ma Haus­halt an­zu­grei­fen. Ein klu­ger Schach­zug. Denn man­gels bis­he­ri­ger Spa­rer­fol­ge steht Rot-Grün auf kei­nem an­de­ren Po­li­tik­feld mehr un­ter Druck. Um die vom Grund­ge­setz vor­ge­schrie­be­ne Schul­den­brem­se bis 2020 zu er­rei­chen, muss Fi­nanz­mi­nis­ter Wal­ter-Bor­jans die Neu­ver­schul­dung aus tech­ni­schen Grün­den schon jetzt Stück für Stück zu­rück­fah­ren. Be­deu­tet: Ob­wohl nicht nur we­gen der Flücht­lings­kri­se das Geld jetzt schon an al­len Ecken und En­den fehlt, kann er im kom­men­den Jahr noch we­ni­ger aus­ge­ben. Sonst schafft NRW die Schul­den­brem­se nicht und ge­fähr­det den Hand­lungs­spiel­raum künf­ti­ger Ge­ne­ra­tio­nen. Das wä­re ein pein­li­cher Wi­der­spruch zu Krafts zen­tra­lem Re­gie­rungs­ver­spre­chen ei­ner nach­hal­ti­gen Po­li­tik und wür­de un­mit­tel­bar vor der Wahl ih­re Glaub­wür­dig­keit rui­nie­ren.

Gleich­zei­tig bringt der Spar­zwang Wal­ter-Bor­jans 2016 aber auch in sei­ner ei­ge­nen Par­tei in Be­dräng­nis: In der SPD-Frak­ti­on sit­zen 99 Par­la­men­ta­ri­er, die im Wahl­kampf 2017 wie­der­ge­wählt wer­den wol­len. Da­für brau­chen sie Er­fol­ge. Sprich: fri­sches Geld für Vor­zei­ge­pro­jek­te in ih­ren Wahl­krei­sen. Ge­nau das kann Wal­ter-Bor­jans ih­nen aber aus­ge­rech­net 2016 nicht ge­ben.

Die nächs­te Land­tags­wahl ent­schei­den die Flücht­lin­ge und

der Haus­halt

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