Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Gran­ny kam mit der Tee­kan­ne an den Tre­sen und stell­te sie ziem­lich en­er­gisch hin, ein biss­chen wie ei­ne Be­die­nung, die von dem Lo­kal, in dem sie ar­bei­tet, nicht wirk­lich be­geis­tert ist. Dann stell­te sie eben­so en­er­gisch ei­ne sau­be­re Tas­se da­zu, und wäh­rend ich mir Tee ein­schenk­te, sag­te sie et­was, was mich ziem­lich grob aus Te­ne­rif­fa zu­rück­hol­te.

„Es ist wirk­lich gnä­dig von dir, dass du Ju­dy er­laubst, ihr Hoch­zeits­kleid zu be­hal­ten, das muss ich schon sa­gen.“

Ich er­kann­te höchs­te Iro­nie in ih­ren Wor­ten und pro­bier­te mei­nen Tee.

„Sie ist dir für dei­ne Groß­zü­gig­keit be­stimmt aus­ge­spro­chen dank­bar.“

„Das glau­be ich auch“, sag­te ich und fühl­te mich plötz­lich wie ei­ne Mär­ty­re­rin oder Pro­phe­tin oder bei­des auf ein­mal, die aus dem fal­schen Grund ge­stei­nigt und aus der Stadt ge­jagt wird, die den Zorn der Ge­rech­ten auf sich zieht, in­dem sie ein­fach nur ih­ren Über­zeu­gun­gen treu ist und den schwie­ri­gen Weg geht. Es war ein ent­mu­ti­gen­der Ge­dan­ke, und ob­wohl der Tee nach dem Kaf­fee an­ge­nehm, mild und frisch schmeck­te, schwan­te mir jetzt, dass ich mei­nem zwei­ten Oran­gen­saft mit Ei ent­we­der mehr Stär­kungs­mit­tel oder gar keins hät­te zu­set­zen sol­len.

Mei­ne Groß­mut­ter ließ sich auf dem Bar­ho­cker ne­ben mir nie­der – was be­deu­te­te, dass sie mit mir re­den woll­te, viel­leicht so­gar Ta­che­les, wie sie es gern nann­te.

„Al­so, wie steht es nun mit Gäs­ten?“, frag­te sie und füg­te hin­zu: „Hoch­zeits­gäs­ten“, um mich fest­zu­na­geln.

„Mei­ner Mei­nung nach“,

sag­te ich und mein­te das wirk­lich ernst, „wä­re es in die­sem Fall das Bes­te, sie weg­zu­las­sen.“Da­bei be­ließ ich es, ob­wohl ich bei­na­he mei­nen Mut zu­sam­men­ge­nom­men und of­fen zu be­den­ken ge­ge­ben hät­te, dass es viel­leicht nicht rat­sam sei, Leu­te zu ei­ner Hoch­zeit ein­zu­la­den, die gar nicht statt­fin­den wer­de – für die Gäs­te wä­re das zwei­fel­los auf­re­gend, aber für die Haupt­dar­stel­ler doch eher pein­lich, ganz be­son­ders für die Groß­mut­ter der ver­hin­der­ten Braut.

„Die Men­schen sind auch nicht mehr, was sie mal wa­ren“, sag­te Mrs. Ab­bott. „Frü­her konn­te man selbst­ver­ständ­lich da­von aus­ge­hen, dass ein Mäd­chen kirch­lich hei­ra­ten woll­te, mit ei­ner Schar en­ger Freun­din­nen als Braut­jung­fern, di­ver­sen Braut­par­tys in den vor­an­ge­hen­den Wo­chen, ei­ner Hoch­zeits­pro­be und ei­nem Es­sen für die Hoch­zeits­ge­sell­schaft am Abend da­vor – all das, was ich mir für Ju­dy wün­sche.“

„Ar­me Ju­dy“, sag­te ich. „Sie macht es dir leicht, und du fühlst dich be­tro­gen.“

„Des­we­gen woll­te ich doch so drin­gend, dass du nach Hau­se kommst – da­mit du mir hel­fen kannst, sie zu über­re­den, es rich­tig zu ma­chen. Ich bin auf je­den Fall da­zu be­reit.“

„Das glau­be ich“, sag­te ich. „Aber du musst ein biss­chen –“Ich hielt in­ne, weil mir kein pas­sen­des Wort ein­fiel; mir war schwind­lig, und ich spür­te, dass die paar Schlu­cke Tee mit den paar Schlu­cken Kaf­fee da­vor ge­ra­de ei­ne ganz ei­ge­ne, nicht sehr viel­ver­spre­chen­de Ver­bin­dung ein­gin­gen.

„Ich muss ein biss­chen was?“, hak­te mei­ne Groß­mut­ter nach, als frag­te sie mich ab.

„Ein biss­chen prag­ma­tisch sein“, sag­te ich. „Du musst be­reit sein, kon­text­ab­hän­gig zu han­deln. Und ein Kon­text kann sich in­ner­halb von ei­ner Nacht ra­di­kal ver­än­dern.“

„Ich ha­be wirk­lich kei­ne Ah­nung, wo­von du sprichst, Klei­nes“, sag­te Gran­ny, und als ich sie Klei­nes zu mir sa­gen hör­te, brann­ten mir plötz­lich die Au­gen. Gran­ny war da­bei ge­we­sen, als ich spre­chen lern­te, ja sie hat­te be­trächt­li­chen An­teil dar­an ge­habt, dass ich mei­ne ers­ten Wör­ter lern­te, fein und bö­se und ku­ckuck, gu­te, ver­ständ­li­che Wör­ter, und jetzt ver­wirr­te ich sie mit hoch­ge­sto­che­nen Be­grif­fen. Be­wusst. Beim Früh­stück. Plötz­lich hät­te ich mir am liebs­ten die Keh­le durch­ge­schnit­ten.

„Ich hab dich lieb, Gran­ny“, sag­te ich. „Wirk­lich, und ich ha­be nur ge­meint, dass wir be­reit sein müs­sen, die Din­ge so lau­fen zu las­sen, wie sie lau­fen müs­sen, wie es stim­mig ist, auch wenn das von au­ßen un­ter Um­stän­den et­was ei­gen­ar­tig wirkt.“

Ich schau­te in mei­ner Tee­tas­se nach ei­nem Zei­chen, ei­nem noch so klei­nen Hin­weis auf die Zu­kunft, aber es war nicht ein ein­zi­ges Tee­blätt­chen zu se­hen.

„Du hast den ja wohl nicht mit Tee­beu­teln ge­macht, oder?“, frag­te ich.

„Na­tür­lich nicht. Das wür­de dein Va­ter nicht er­tra­gen.“

„Ich wuss­te gar nicht, dass er Tee trinkt“, sag­te ich, wor­auf Gran­ny ver­wirrt guck­te und sag­te, ich hät­te recht, er trin­ke kei­nen. Sie ha­be an Pul­ver­kaf­fee ge­dacht.

Ich nick­te. Wir sind nicht für Ab­kür­zun­gen, nicht für Neue­run­gen, wir sind für die Tra­di­ti­on, und dass un­se­re Tra­di­tio­nen eher un­kon­ven­tio­nell sind, heißt noch lan­ge nicht, dass wir sie des­we­gen we­ni­ger kon­se­quent he­gen und pfle­gen wür­den. Kei­ne Neue­run­gen.

„Wo­von spra­chen wir ge­ra­de, Schatz?“, frag­te Gran­ny, und als ich rat­los guck­te, half sie selbst nach. „Dass es schlecht aus­sieht, ir­gend so was.“

„Von schlecht ha­be ich nichts ge­sagt. Ich ha­be ge­sagt, wir soll­ten uns kei­ne Ge­dan­ken dar­über ma­chen, wie wir auf Au­ßen­ste­hen­de wir­ken, so­lan­ge sich für uns im In­nern al­les rich­tig an­fühlt. Ver­stehst du?“

„Nicht ganz. Meinst du da­mit, dass wir nie­man­den aus dem Ort ein­la­den sol­len, nie­man­den von den Leu­ten, die wir schon un­ser Le­ben lang ken­nen, kei­ne mei­ner en­gen Freun­din­nen wie Sa­rah Clem­mons und Han­nah Ha­gan? Für mich wür­de es sich nicht rich­tig an­füh­len, sie nicht ein­zu­la­den. Und Ka­te. Wir vier spie­len seit fast zwan­zig Jah­ren je­den zwei­ten Mitt­woch zu­sam­men Kar­ten.“

„Ich wüss­te nicht, war­um ihr das nicht auf­recht­er­hal­ten soll­tet. Ist heu­te nicht so­gar Mitt­woch?“

„Wir ha­ben letz­ten Mitt­woch ge­spielt. Es ist im­mer der zwei­te und der vier­te Mitt­woch.“

„Wor­über grämst du dich dann so? War­tet noch ei­ne Wo­che, und dann spielt.“

„Cas­sie, kannst du dich jetzt mal be­ru­hi­gen und mir er­zäh­len, wor­über ihr bei­de ges­tern Abend ge­re­det habt?“

Mir war sehr warm. Es wür­de ein sehr hei­ßer Tag wer­den, und der Tee tat das Sei­ne. Ich zog mei­nen Ki­mo­no ein Stück­chen vom Hals weg, da­mit Luft an mich ge­lang­te.

„Hast du un­ter dei­nem Mor­gen­rock gar nichts an, Schatz?“, frag­te Gran. Sie ist schreck­lich auf­merk­sam.

(Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.