Mus­li­mi­sche Viel­falt in Deutsch­land

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - SE­BAS­TI­AN DALKOWSKI PRO­TO­KOL­LIER­TE DAS GE­SPRÄCH.

So un­ter­schied­lich wie die Strö­mun­gen des Is­lams sind, so un­ter­schied­lich sind auch die knapp fünf Mil­lio­nen Mus­li­me in Deutsch­land. Die Band­brei­te reicht von sä­ku­lär bis ra­di­kal. Sä­ku­la­re Mus­li­me Für sä­ku­la­re Mus­li­me spielt der Is­lam im All­tag kei­ne bis fast kei­ne Rol­le. Sie be­ten nicht fünf­mal am Tag, fas­ten nicht wäh­rend des Ra­ma­dan, sie ge­hen nicht in die Mo­schee und ge­hö­ren kei­ner Mo­schee­ge­mein­de an. Was al­ler­dings nicht heißt, dass sie sich nicht sel­ber als Mus­li­me se­hen. Ob ihr An­teil an den Mus­li­men in Deutsch­land zu- oder ab­nimmt, lässt sich schwer sa­gen. Es gibt ge­gen­läu­fi­ge Ent­wick­lun­gen, al­so Sä­ku­la­ri­sie­rung und ei­ne Rück­be­sin­nung auf den Glau­ben: Jun­ge Men­schen, die zwar von der Fa­mi­lie nicht re­li­gi­ös er­zo­gen wur­den, spä­ter aber für sich die Re­li­gi­on ent­de­cken. Je­den­falls führt ein hö­he­rer so­zia­ler Sta­tus nicht au­to­ma­tisch zu Sä­ku­la­ri­sie­rung. Prak­ti­zie­ren­de Mus­li­me ge­mein­den Die­se Mus­li­me sind et­wa dar­an zu er­ken­nen, dass sie sich an die fünf Säu­len des Is­lam (den Glau­ben an Al­lah, die fünf täg­li­chen Ge­be­te, die Wohl­tä­tig­keit ge­gen­über Men­schen, das Fas­ten wäh­rend des Ra­ma­dan und die Pil­ger­fahrt nach Mek­ka) hal­ten. Zu­meist be­su­chen sie re­gel­mä­ßig ei­ne Mo­schee­ge­mein­de. Ein Groß­teil der Mo­schee­ge­mein­den ge­hört zu ei­nem der vier Dach­ver­bän­de: der Tür­kisch-Is­la­mi­schen Uni­on der An­stalt für Re­li­gi­on (Di­tib), dem Is­lam­rat für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, dem Ver­band der Is­la­mi­schen Kul­tur­zen­tren und dem Zen­tral­rat der Mus­li­me in Deutsch­land (ZMD).

Der größ­te Dach­ver­band ist die Di­tib. Trotz sei­nes Na­mens und ob­wohl er häu­fig in den Me­di­en zitiert wird, ist der Zen­tral­rat der Mus­li­me der kleins­te der vier Dach­ver­bän­de und ver­tritt nur knapp drei bis vier Pro­zent der Mus­li­me in Deutsch­land. In ihm sind ara­bi­sche und tür­ki­sche Mus­li­me or­ga­ni­siert. Die vier Dach­ver-

in Mo­schee- bän­de ha­ben 2007 den Ko­or­di­na­ti­ons­rat der Mus­li­me ge­grün­det. No­mi­nell wer­den 15 bis 25 Pro­zent der Mus­li­me in Deutsch­land durch die Mo­schee­ge­mein­den ver­tre­ten, al­so Mus­li­me, die tat­säch­lich of­fi­zi­el­les Mit­glied sind. Die meis­ten Mo­schee­ge­mein­den sind sun­ni­tisch, im ZMD sind auch Schii­ten ver­tre­ten.

Die Mo­schee­ge­mein­den ste­hen vor zwei gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen. Ers­tens: Wel­che An­ge­bo­te ma­chen sie Ju­gend­li­chen, da­mit die­se nicht zu sala­fis­ti­schen Pre­di­gern lau­fen? Denn die Ra­di­ka­li­sie­rung fin­det nicht in den Mo­schee­ge­mein­den statt. Da­her muss man sich die Fra­ge stel­len, war­um man die­se jun­gen Men­schen nicht er­reicht. Zwei­tens: Sie müs­sen sich noch stär­ker nach au­ßen öff­nen. Da gibt es be­reits po­si­ti­ve An­sät­ze, aber bei ei­ni­gen Mo­schee­ge­mein­den hat man das Ge­fühl, dass das Mi­gran­ten­da­sein künst­lich auf­recht­er­hal­ten wird. Die ers­te Ge­ne­ra­ti­on der Gas­t­ar­bei­ter hat mit der Grün­dung der so­ge­nann­ten Hin­ter­hof­mo­sche­en Groß­ar­ti­ges ge­leis­tet, aber die Be­dürf­nis­se sind jetzt an­de­re. Man darf nicht im­mer von der Mehr­heits­ge­sell­schaft und Po­li­tik al­les er­war­ten, man muss auch schau­en, was man als Mus­lim der Ge­sell­schaft ge­ben kann. Deutsch­land ist auch das Land der Mus­li­me, die hier ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen sind. Ale­vi­ten Die Ale­vi­ten sind ei­ne Glau­bens­rich­tung, in der ei­ni­ge sich nicht als Mus­li­me se­hen. An­de­re Ale­vi­ten wie­der­um be­trach­ten sich als Mus­li­me und prak­ti­zie­ren dem­ent­spre­chend auch die fünf Säu­len des Is­lam. Sie ver­sam­meln sich nicht in der Mo­schee, son­dern in ei­nem Cem­haus. Der Groß­teil der Ale­vi­ten kommt aus der Tür­kei, wo es im­mer wie­der zu Kon­flik­ten kam. Das ist ei­ne Er­klä­rung da­für, war­um sie sich häu­fig in der po­li­ti­schen Op­po­si­ti­on be­tei­li­gen. Ei­ni­ge Grup­pen des links­ex­tre­mis­ti­schen Flü­gels sind in der PKK oder an­de­ren Grup­pen ak­tiv und wer­den vom Ver­fas­sungs­schutz be­ob­ach­tet. Die­se sind auch für ei­ni­ge Brand­an­schlä­ge auf Mo­sche­en in Deutsch­land ver­ant­wort­lich. In Deutsch­land stel­len sie nach den Sun­ni­ten mit et­wa 13 Pro­zent die größ­te Grup­pe der Mus­li­me. Sala­fis­ten Der Sala­fis­mus ist ei­ne sek­tie­re­ri­sche Be­we­gung, die ih­re Wur­zeln im Wah­ha­bis­mus hat. Die­ser ent­stand im 18. Jahr­hun­dert in Sau­di-Ara­bi­en. Das Haupt­merk­mal der Sala­fis­ten ist, dass sie die 1400 Jah­re al­te Denk­tra­di­ti­on und die vier (sun­ni­ti­schen) Rechts­schu­len im Is­lam ab­leh­nen. Sie wol­len zu­rück zu dem, was sie als „wah­ren Is­lam“be­zeich­nen. Da­bei schre­cken sie auch nicht da­vor zu­rück, Kor­anPas­sa­gen aus dem Zu­sam­men­hang zu rei­ßen und den zeit­li­chen Zu­sam­men­hang zu igno­rie­ren. Dass sie Mu­sik ab­leh­nen oder Frau­en nicht die Hand ge­ben, macht sie aber noch nicht zu Sala­fis­ten oder Ex­tre­mis­ten. Die­se Hal­tung gibt es auch bei ei­ni­gen sehr kon­ser­va­ti­ven Mus­li­men, die al­les an­de­re als ex­tre­mis­tisch sind. Die­se ka­ta­log­ar­ti­ge Prü­fung kann nur in ei­nem de­sas­trö­sen Er­geb­nis en­den. In Deutsch­land le­ben zir­ca 8000 Sala­fis­ten, grö­ße­re Grup­pen gibt es seit En­de der 90er Jah­ren. Die meis­ten Sala­fis­ten ha­ben ara­bi­sche Wur­zeln oder sind Kon­ver­ti­ten. Tür­ki­sche Mus­li­me schei­nen durch ih­re Denk­tra­di­tio­nen im­mu­ni­sier­ter ge­gen den Sala­fis­mus zu sein. Be­son­ders an­fäl­lig für den Sala­fis­mus sind la­bi­le Per­sön­lich­kei­ten, Men­schen mit ge­rin­ger re­li­giö­ser Bil­dung, mit klein­kri­mi­nel­ler Ver­gan­gen­heit. Ins­ge­samt ist es ein Ju­gend­phä­no­men, ei­ne Pro­test­kul­tur jun­ger Men­schen ge­gen die Fa­mi­lie, das Um­feld und die Ge­sell­schaft.

Ge­walt­be­reit ist al­ler­dings nur ei­ne Min­der­heit der Sala­fis­ten, ei­ni­ge Hun­dert, die durchs In­ter­net und per­sön­li­che Kon­tak­te wei­ter ra­di­ka­li­siert wer­den, be­vor sie zum Bei­spiel nach Af­gha­nis­tan oder zum IS nach Sy­ri­en rei­sen. Pier­re Vo­gel, der be­kann­tes­te Sala­fist in Deutsch­land, dis­tan­ziert sich zwar im­mer von Ge­walt, aber er leis­tet wich­ti­ge Vor­ar­beit in der Ideo­lo­gi­sie­rung.

FOTO: DPA

Das Kup­pel­dach und das Mi­na­rett der Duis­bur­ger

Mo­schee in Marxloh.

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