Schnee könn­te Stör­che ver­trei­ben

Nach dem sehr mil­den De­zem­ber soll zu Jah­res­be­ginn der Frost kom­men. Weil sich die Käl­te in die­sem Jahr ver­spä­tet hat, sind vie­le Zug­vö­gel noch im­mer in NRW. Soll­te es noch stark schnei­en, könn­te sich das al­ler­dings än­dern.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON LESLIE BROOK UND OLI­VER BURWIG

WE­SEL Nach dem Re­kord­som­mer folg­te der Re­kord­win­ter – nicht mit Käl­te, son­dern eben­falls mit un­ge­wöhn­lich war­men Tem­pe­ra­tu­ren. Als Men­schen um Weih­nach­ten im Bier­gar­ten sa­ßen, fan­den auch Zug­vö­gel wie Stör­che noch so viel zu fres­sen, dass die lan­ge Rei­se in den Sü­den nicht nö­tig war. Doch was be­deu­tet die kom­men­de Käl­te­pe­ri­ode für die Tie­re, die nor­ma­ler­wei­se längst ihr Win­ter­quar­tier in Spa­ni­en und Afri­ka be­zo­gen hät­ten?

Hans Gla­der von der Bio­lo­gi­schen Sta­ti­on im Kreis We­sel er­klärt, dass es nicht die nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren sind, die die Vö­gel im Win­ter zum Flug in den Sü­den zwin­gen. „Ent­schei­dend ist die Nah­rungs­ver­füg­bar­keit, nicht die Käl­te.“Mo­men­tan fän­den „ty­pi­sche Zug­vö­gel“wie Stör­che und Schwarz­kehl­chen noch Rau­pen, Ma­den und Klein­tie­re als Beu­te. Hin­zu kommt, dass die Tie­re nur sich selbst ver­sor­gen müs­sen, da ih­re Brut­zeit lan­ge vor­bei ist. Ganz im Ge­gen­satz üb­ri­gens zur Nil­gans, die im Düs­sel­dor­fer Stän­de­haus­park ge­ra­de erst Nach­wuchs be­kom­men hat. Ih­re Art kann das gan­ze Jahr über brü­ten – bei ent­spre­chen­den Tem­pe­ra­tu­ren auch im Win­ter.

Kommt der Schnee, dann könn­ten sich aber auch die sess­haft ge­wor­de­nen Zug­vö­gel noch auf den Weg ma­chen, denn dann kom­men sie nicht mehr an ih­re Nah­rung. „Es kann pas­sie­ren, dass die Stör­che noch im Ja­nu­ar Rich­tung Sü­den wan­dern“, sagt Gla­der. Die ver­spä­te­ten Vö­gel wür­den dann aber mög­li­cher­wei­se nur bis Spa­ni­en flie­gen und auch frü­her zu­rück­keh­ren – nor­ma­ler­wei­se sind Stör­che von Sep­tem­ber bis März aus­ge­flo­gen.

Den­noch gibt es auch je­ne, die auf die Käl­te sehn­lich war­ten: Land­wir­te. Denn für die Aus­saat ist es wich­tig, dass der Bo­den vor­her durch Frost ge­lo­ckert wird, teilt Andrea Bah­ren­berg vom Rhei­ni­schen Land­wirt­schafts-Ver­band mit. „Der Bo­den zer­fällt nach dem Ge­frie­ren in vie­le klei­ne Krü­mel“, er­klärt sie. Die da­bei ent­ste­hen­den Hohl­räu­men die­nen als Was­ser­spei­cher und er­mög­li­chen es den Wur­zeln der Nutz­pflan­zen, das Erd­reich bes­ser zu durch­drin­gen. Der Frost ist je­doch noch aus an­de­ren Grün­den wich­tig für Land­wir­te: Oh­ne ihn wür­den Krank­hei­ten wie Pilz­be­fall zu­neh­men. Zu spä­ter Bo­den­frost im Fe­bru­ar und März könn­te in­des die jun­gen Wur­zeln des Win­ter­ge­trei­des schä­di­gen, das die Bau­ern be­reits im Herbst ge­sät ha­ben. Hin­zu kommt, dass sich durch das mil­de Wetter Mäu­se und an­de­re Schäd­lin­ge stär­ker aus­brei­ten.

Tat­säch­lich war Nord­rhein-West­fa­len im No­vem­ber und De­zem­ber das wärms­te deut­sche Bun­des­land, wie Uwe Kir­sche vom Deut­schen Wet­ter­dienst ( DWD) in Of­fen­burg be­rich­tet. Mit 8,3 Grad war der letz­te Mo­nat des Jah­res sechs Grad zu warm (das lang­jäh­ri­ge Mit­tel liegt bei 2,3 Grad). Da­mit wur­de der Re­kord für den wärms­ten De­zem­ber in NRW ge­bro­chen: Der stamm­te aus dem Jahr 1974 und lag bei 7,4 Grad. Auch der No­vem­ber lag mit ei­ner Durch­schnitts­tem­pe­ra­tur von 8,7 Grad noch fast vier Grad über dem

lang­jäh­ri­gen Mit­tel von 5,1. In die­sem Fall fiel der Re­kord von 1994 aber nicht (10,1). Durch die Dür­re im Süd­wes­ten Deutsch­lands sank der Rhein­pe­gel im No­vem­ber um mehr als zwei Me­ter un­ter den Mit­tel­wert.

Vie­le Städ­te wie Köln, Düsseldorf oder Müns­ter sei­en im De­zem­ber kom­plett frost­frei ge­blie­ben – und mel­de­ten zum Teil be­mer­kens­wert mil­de Tem­pe­ra­tu­ren. Die Lan­des­haupt­stadt kam auf ei­ne Durch­schnitts­tem­pe­ra­tur von 9,5 Grad im De­zem­ber und 9,9 Grad im

No­vem­ber. „Das war teil­wei­se schon früh­lings­haft“, er­klärt DWD-Me­teo­ro­lo­ge Chris­ti­an Koch aus Es­sen. In KölnStamm­heim wur­den am 26. De­zem­ber 17,5 Grad er­reicht. Im nörd­lich von Aa­chen ge­le­ge­nen Geilenkirchen klet­ter­te das Ther­mo­me­ter an 27 Ta­gen auf mehr als zehn Grad.

Auch mit Blick auf das Ge­samt­jahr war es in NRW deut­lich zu warm, et­was zu tro­cken und zu son­nig. Mit im Durch­schnitt 10,3 Grad la­gen die Tem­pe­ra­tu­ren 1,3 Grad über dem lang­jäh­ri­gen Mit­tel. Ge­mes­sen wur­den rund 820 Li­ter Nie­der­schlag pro Qua­drat­me­ter (lang­jäh­ri­ges Mit­tel 875 l/m²). Die Son­ne zeig­te sich et­wa 1660 St­un­den (1440 St­un­den). In Deutsch­land geht 2015 als das zweit­wärms­te Jahr seit Be­ginn der Wet­ter­auf­zeich­nun­gen in die Ge­schich­te ein – zu­sam­men mit den Jah­ren 2000 und 2007 – Hit­ze­re­kord­jahr ist aber nach wie vor 2014. In NRW wird das Jahr mit ei­ner Durch­schnitts­tem­pe­ra­tur von 11,3 Grad hin­ge­gen höchs­tens als das fünf­wärms­te in der Ge­schich­te in den An­na­len ste­hen ( zum Ver­gleich: 2000: 11,4; 2007: 11,5 Grad; 1990: 11,7 Grad; 2014: 11,9 Grad). Der Tiefst­wert des Jah­res für NRW wur­de in Es­lo­he im Sau­er­land (Hö­he 351 Me­ter) ge­mes­sen: Dort klet­ter­te das Qu­eck­sil­ber am 7. Fe­bru­ar auf mi­nus 12,3 Grad; den dies­jäh­ri­gen Platz der Höchst­tem­pe­ra­tur tei­len sich zwei Städ­te: Geilenkirchen und Duis­burg. Dort war es am 2. Ju­li je 38,7 Grad warm – der Re­kord liegt bei 40,1 Grad (12. Au­gust 2003). Tem­pe­ra­tu­ren Auf der Nord­halb­ku­gel gibt es der­zeit un­ge­wöhn­li­che Tem­pe­ra­tur­ver­hält­nis­se: Tro­pisch war­me Luft ge­langt vom At­lan­tik bis zum Nord­pol und bringt dort Plus­gra­de. Auf Spitz­ber­gen wur­den plus vier Grad ge­mes­sen, 30 über dem üb­li­chen Ni­veau. Ur­sa­che Sehr tie­fer Druck im Nord­wes­ten und sehr ho­her Druck im Nord­os­ten tref­fen auf­ein­an­der. Es han­delt sich laut DWD um ein Ein­zel­er­eig­nis, das we­der vor­her­seh­bar noch wis­sen­schaft­lich er­klär­bar sei. Mit dem Kli­ma­wan­del ha­be das nichts zu tun.

FOTO: GLA­DER

Ein Weiß­storch im An­flug

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