Die Flücht­lings­kanz­le­rin

An­ge­la Mer­kel ist die Füh­rungs­ge­stalt Eu­ro­pas, für man­che so­gar der frei­en Welt. Zu­gleich ist sie in der Flücht­lings­kri­se weit­ge­hend iso­liert.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON EVA QUADBECK

BER­LIN 2015 hat das Zeug, als wich­tigs­tes Jahr der Kanz­le­rin in die Ge­schichts­bü­cher ein­zu­ge­hen. Ob in der his­to­ri­schen Bi­lanz An­ge­la Mer­kels Ent­schei­dun­gen in der Flücht­lings­kri­se als Feh­ler oder als gro­ße Tat für die Hu­ma­ni­tät in Eu­ro­pa be­wer­tet wer­den, hängt vom Aus­gang die­ser Kri­se ab.

Soll­te sich die La­ge 2016 sta­bi­li­sie­ren, kann Mer­kel als Be­wah­re­rin der Moral und Men­sch­lich­keit in Eu­ro­pa in die Ge­schich­te ein­ge­hen. Sie wird dann auch als die Kanz­le­rin gel­ten, die der öko­no­mi­schen Be­deu­tung Deutsch­lands in der Welt das glei­che Maß an po­li­ti­scher Ver­ant­wor­tung für De­mo­kra­tie und Men­schen­rech­te an die Sei­te ge­stellt hat. Geht es schief, und die Flücht­lin­ge strö­men un­ge­bremst wei­ter nach Deutsch­land, wäh­rend der Rest an So­li­da­ri­tät in der EU zer­brö­selt, dann wer­den die His­to­ri­ker ih­ren Wi­der­sa­cher in der Flücht­lings­kri­se, den baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Horst See­ho­fer, als Vi­sio­när zi­tie­ren. Der CSU-Chef hat­te die Auf­nah­me der in Un­garn fest­sit­zen­den Flücht­lin­ge An­fang Sep­tem­ber als „bei­spiel­lo­se po­li­ti­sche Fehl­leis­tung“be­zeich­net.

Vor­erst schlägt das Pen­del trotz sin­ken­der Um­fra­ge­wer­te für Mer­kel aus: Für die Jour­na­lis­ten des re­nom­mier­ten ame­ri­ka­ni­schen „Ti­me Ma­ga­zi­ne“ist sie schon heu­te „die Kanz­le­rin der frei­en Welt“, und sie ver­lie­hen ihr da­her den be­gehr­ten Ti­tel der „Person des Jah­res“. Die Kanz­le­rin ha­be Eu­ro­pa im ver­gan­ge­nen Jahr mehr­fach vor dem Zer­fall ge­ret­tet, hieß es in der Be­grün­dung. Das Lob zielt auf ihr Agie­ren in der Ukrai­ne-Kri­se, in der sie in ei­ner di­plo­ma­ti­schen Meis­ter­leis­tung dem rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin ei­nen (wenn auch brü­chi­gen) Waf­fen­still­stand ab­rang.

Als Ret­te­rin Eu­ro­pas gilt sie ih­ren An­hän­gern auch in der Eu­ro-Kri­se, in der sie mit deut­scher Dis­zi­plin die Grie­chen erst zur Ver­zweif­lung und dann zur Sa­nie­rung ih­res Staats­we­sens trieb. In der Flücht- lings­kri­se ließ sie hin­ge­gen ih­re Vor­lie­be für Re­geln fah­ren und die Flücht­lin­ge ent­ge­gen den Ver­ein­ba­run­gen des Du­blin-Ab­kom­mens un­ter Ver­weis auf die Hu­ma­ni­tät in Mas­sen ein­rei­sen. Die Vor­wür­fe ih­rer Kri­ti­ker in Eu­ro­pa reich­ten von der Fest­stel­lung, Deutsch­land sei ein „Hip­pie-Staat“, bis zur Kla­ge über „mo­ra­li­schen Im­pe­ria­lis­mus“der Deut­schen.

An Mer­kel schei­den sich die Geis­ter. Wäh­rend die Rechts­po­pu­lis­ten in Eu­ro­pa sie scharf an­grei­fen und die nur müh­sam ge­gen den Druck von rechts zu­sam­men­ge­hal­te­nen Re­gie­run­gen ihr in der Flücht­lings­kri­se die kal­te Schul­ter zei­gen, wird sie in Tei­len der Öf­fent­lich­keit hym­nisch ge­fei­ert. Für den bri­ti­schen „Eco­no­mist“ist die deut­sche Kanz­le­rin „die un­ent­behr­li­che Eu­ro­päe­rin“.

Mit dem Blick von au­ßen ana­ly­siert das Ma­ga­zin, Eu­ro­pa brau­che die Kanz­le­rin mehr denn je. So ha­be Frank­reich den An­spruch der Füh­rungs­macht in Eu­ro­pa auf­ge­ge­ben. Groß­bri­tan­ni­ens Pre­mier Da­vid Ca­me­ron sei da­bei, sein Land in KleinEn­g­land zu ver­wan­deln, und der ita­lie­ni­sche Re­gie­rungs­chef Mat­teo Ren­zi kämp­fe mit sei­ner ko­mat­ö­sen Wirt­schaft. Nicht zu ver­ges­sen: Der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma lässt in sei­ner zwei­ten Amts­zeit au­ßen­po­li­tisch ver­mis­sen, wo­für Ame­ri­ka seit dem Zwei­ten Welt­krieg steht – die Ver­tei­di­gung der De­mo­kra­tie in der Welt. Die­ses müh­sa­me Ge­schäft, das Geld, Zeit und oft ge­nug in­nen­po­li­ti­sche Re­pu­ta­ti­on kos­tet, über­lässt er zu­min­dest für den eu­ro­päi­schen Kon­ti­nent der deut­schen Kanz­le­rin.

Für Ver­hand­lun­gen be­sitzt Mer­kel vier wich­ti­ge Ei­gen­schaf­ten, die ih­re ei­ne star­ke Po­si­ti­on ge­ben: Sie ist ge­dul­dig und fak­ten­si­cher, sie ver­hält sich stra­te­gisch, und – das klingt in der Po­li­tik ein we­nig merk­wür­dig – sie ist em­pa­thisch. Sie kennt die Be­dürf­nis­se ih­res Ge­gen- übers und ist in der La­ge, dar­auf ein­zu­ge­hen.

Ein SPD-Bun­des­mi­nis­ter seufz­te neu­lich tief bei der Fra­ge, wann bei Mer­kel ei­gent­lich der Ge­dulds­fa­den reißt. „Der kann nicht rei­ßen“, ant­wor­te­te er. Das sei bei Mer­kel nicht vor­ge­se­hen. Die SPD muss es wis­sen – in zwei gro­ßen Ko­ali­tio­nen gab es ge­nug Ge­le­gen­hei­ten, dies aus­zu­tes­ten.

Ei­nen lan­gen Atem wird Mer­kel auch 2016 be­nö­ti­gen. Denn im kom­men­den Jahr wird sie die Fol­gen ih­rer weit­rei­chen­den Ent­schei­dun­gen in der Flücht­lings­kri­se po­li­tisch be­wäl­ti­gen müs­sen. Bei ih­ren par­tei­in­ter­nen Kri­ti­kern hat sie seit dem CDU-Par­tei­tag Ver­schnauf­pau­se. Doch soll­ten die Land­tags­wah­len im März in Rhein­lan­dP­falz, Ba­denWürt­tem­berg und Sach­sen-An­halt für die CDU ent­täu­schend aus­fal­len, wäh­rend die AfD tri­um­phiert, wird die De­bat­te um Mer­kel und ih­re Flücht­lings­po­li­tik wie­der mit vol­ler Wucht los­ge­hen.

Die Chan­cen der CDU bei den Land­tags­wah­len be­mes­sen sich dar­an, ob es ge­lingt, die Kri­se bis Mit­te März in­nen­po­li­tisch ab­zu­mil­dern. Wenn die täg­li­chen Flücht­lings­zah­len sin­ken und die ers­ten Turn­hal­len wie­der den Ver­ei­nen zur Ver­fü­gung ste­hen, wird es leich­ter, Mer­kels „Wir schaf­fen das“glaub­haft in den Land­tags­wahl­kämp­fen zu ver­tre­ten.

Doch die Flücht­lings­kri­se kann am En­de nicht in­nen­po­li­tisch, son­dern nur in­ter­na­tio­nal, mi­li­tä­risch und di­plo­ma­tisch ge­löst wer­den. Die­se Her­aus­for­de­rung ist für Mer­kel un­gleich grö­ßer, als zwi­schen CSU und SPD in der Fra­ge von Grenz­kon­trol­len und In­te­gra­ti­ons­ver­ein­ba­run­gen zu ver­mit­teln. Das po­li­tisch zer­klüf­te­te Eu­ro­pa droht an der Flücht­lings­kri­se aus­ein­an­der­zu­bre­chen. Mer­kels Schick­sal ist mit die­ser Fra­ge eng ver­knüpft. Sie ist die Flücht­lings­kanz­le­rin.

An­ge­la Mer­kel muss 2016 die Fol­gen ih­rer Ent­schei­dun­gen in der Flücht­lings­kri­se

po­li­tisch tra­gen

FOTO: DPA

An­ge­la Mer­kels größ­te Her­aus­for­de­rung war und ist die Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­kri­se. Am 10. Sep­tem­ber nach dem Be­such ei­ner Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung lässt sich die Kanz­le­rin für ein Selfie mit ei­nem Flücht­ling fo­to­gra­fie­ren.

FOTO: AP

Der ewi­ge Schul­den­streit mit Grie­chen­land: An­ge­la Mer­kel und Pre­mier Al­exis Tsi­pras.

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In der Ukrai­ne-Kri­se brauch­te es Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, vor al­lem ge­gen­über Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin.

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