Den Schluss­punkt des Jah­res be­wusst set­zen

Wenn in der Sil­ves­ter­nacht am Him­mel das Feu­er­werk leuch­tet und Men­schen das neue Jahr be­grü­ßen, scheint das Drän­gen der Zeit für Mo­men­te aus­ge­setzt. Sol­che Wi­der­ha­ken im Jah­res­lauf sind wert­voll.

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Die Zeit drängt – die­ses Ge­fühl be­stimmt un­ser Da­sein. Wer in die­sen Ta­gen durch die Chro­ni­ken des ab­ge­lau­fe­nen Jah­res blät­tert oder gar selbst ei­nen Rück­blick ver­fasst, spürt es be­son­ders deut­lich: Wie das Jahr ver­flo­gen ist! Wie viel ge­sche­hen und schon ver­ges­sen ist! Schritt­hal­ten mit dem ei­ge­nen Le­ben scheint ei­ne Un­mög­lich­keit ge­wor­den zu sein.

Na­tür­lich hat die­ses Ge­fühl der dau­ern­den Übe­reilt­heit mit den Rhyth­men der Kon­sum­ge­sell­schaft zu tun. Stän­dig gibt es Neu­hei­ten zu er­wer­ben, die bald schon wie­der über­holt sein wer­den. Be­lieb­te Tech­nik­pro­duk­te wie Smart­pho­nes wer­den gleich ent­spre­chend ih­rer Ent­wick­lungs­ge­ne­ra­ti­on num­me­riert. Man weiß um die Kurz­le­big­keit des Neu­en und ist doch mit da­bei, um den An­schluss nicht zu ver­pas­sen. So wird in kurz­at­mi­gen Zy­klen ent­wi­ckelt, pro­du­ziert, kon­su­miert; und ei­ne Un­rast be­mäch­tigt sich un- se­res Le­bens, ein Ge­fühl der Flüch­tig­keit, das al­les zu er­fas­sen scheint. Der mo­der­ne Mensch hat sich an den Ge­dan­ken ge­wöhnt, dass Fort­schritt nur durch Wan­del zu ha­ben ist. Und dass Er­folg nur hat, wer sich fle­xi­bel zeigt. So ent­steht das Ge­fühl, in ei­nen kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schleu­ni­gungs­gang ge­ra­ten zu sein. Aus dem Gärt­ner im Wein­berg ist der Schauf­ler im Sand­hau­fen ge­wor­den. Und im­mer läuft von oben neu­er Sand nach.

Doch dann hält das Jahr an. Glit­zer-Fon­tä­nen pri­ckeln am Him­mel, Glo­cken läu­ten, Böl­ler kra­chen, Kor­ken knal­len. Men­schen set­zen ei­ne Zä­sur. Sil­ves­ter ist ein glo­ba­ler Mo­ment des In­ne­hal­tens, ei­ne Klip­pe im Kon­ti­nu­um, für Mo­men­te wird der Strom des Er­le­bens un­ter­bro­chen, al­le tre­ten aus ih­rer pri­va­ten Welt in die Öf­fent­lich­keit, schau­en zum Him­mel. So be­ginnt das neue Jahr – und we­nigs­tens die ers­ten Se­kun­den ver­rin­nen be­wusst.

Na­tür­lich kann das die ba­na­le Un­ter­bre­chung der Par­ty sein. Man geht kurz raus, friert ein we­nig, schon geht die Par­ty wei­ter. Es kann ja auch wohl­tun, das neue Jahr nicht gleich mit Pa­thos zu be­schwe­ren. Doch das In­ne­hal­ten ist ein Ge­schenk, ei­ner der ra­ren An­läs­se, dem flüch­ti­gen Er­le­ben Struk­tur zu ge­ben: Das al­te Jahr run­det sich und bricht neu auf. Es tut gut, die­sen Mo­ment be­wusst zu er­le­ben, das Er­leb­te zu ver­ab­schie­den, das Künf­ti­ge zu be­grü­ßen. Auf je­den, der An­teil nimmt an der Ent­wick­lung der Ge­sell­schaft, wer­den Auf­ga­ben zu­kom­men. Doch das ist kein Grund für Ban­gig­keit. „Wir schaf­fen das“, hat die Kanz­le­rin ge­sagt und wur­de ge­schol­ten, weil der Satz so un­be­stimmt ist. Da­bei ist ge­nau das die Bot­schaft: Es bleibt an den Bür­gern, den Satz 2016 mit In­halt zu fül­len.

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