„Mas­si­ver So­zi­al­be­trug mit Werk­ver­trä­gen“

Der Chef der IG Me­tall über die Re­form­plä­ne der gro­ßen Ko­ali­ti­on, die 35-St­un­den-Wo­che und die La­ge bei Volks­wa­gen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT - MAXIMILIAN PLÜCK FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Wie be­ur­tei­len Sie den Ge­setz­ent­wurf zu Leih­ar­beit und Werk­ver­trä­gen, wo­nach die Über­las­sungs­höchst­dau­er nur noch 18 Mo­na­te be­tra­gen darf und ei­ne glei­che Be­zah­lung nach 12 Mo­na­ten er­fol­gen muss? HOF­MANN Der Ge­setz­ge­ber ist ver­pflich­tet, ei­nen Rah­men zu be­stim­men. Ins­be­son­de­re für die Fäl­le, in de­nen es kei­nen Ta­rif­ver­trag gibt. Das ist bei uns aber nicht der Fall. Nüch­tern be­trach­tet än­dert der Re­fe­ren­ten­ent­wurf al­so für uns nur we­nig. Das Ge­setz ist al­so un­nö­tig? HOF­MANN Nein. Im Mo­ment be­kom­men nur et­wa 60 Pro­zent der Leih­ar­bei­ter Bran­chen­zu­schlä­ge, 40 Pro­zent be­kom­men al­lei­ne den von den DGB-Ge­werk­schaf­ten aus­ge­han­del­ten Min­dest­lohn. Nur in ei­ner Bran­che – bei Me­tall- und Elek­tro – gibt es Re­geln zur Höchst­über­las­sungs­dau­er. In­so­fern macht das Ge­setz schon Sinn. Bleibt der zwei­te Aspekt des Ge­set­zes: das The­ma Werk­ver­trä­ge. Wo wer­den die in Ih­ren Bran­chen ein­ge­setzt? HOF­MANN Vor al­lem in der Lo­gis­tik, bei In­dus­trie­dienst­leis­tun­gen wie et­wa der Ma­schi­nen­war­tung so­wie bei Ent­wick­lungs­dienst­leis­tern, al­so in Kern­be­rei­chen der in­dus­tri­el­len Wert­schöp­fungs­ket­te. Wie ist das Ver­hält­nis zwi­schen Werk­ver­trags­neh­mern und Stamm­be­leg­schaft? HOF­MANN Wir spre­chen hier über be­sorg­nis­er­re­gen­de Aus­ma­ße: Bei Lo­gis­ti­kern und In­dus­trie­dienst­leis­tern ist et­wa je­der Drit­te per Werk­ver­trag be­schäf­tigt. Bei Ent­wick­lungs­dienst­leis­tern je­der Fünf­te. Weil wir die Leih­ar­beit mit den Bran­chen­zu­schlä­gen un­at­trak­tiv ge­macht ha­ben, nut­zen die Fir­men nun Werk­ver­trä­ge, um die Löh­ne sys­te­ma­tisch zu drü­cken und Stamm­be­leg­schaf­ten ab­zu-

bau­en. Wie groß ist die Lohn­dif­fe­renz? HOF­MANN Ein Lo­gis­ti­ker, der nach rei­nem Me­tall- und Elek­tro-Ta­rif be­zahlt wird, be­kommt 15,70 Eu­ro pro St­un­de. Wer Pech hat und nur zum Min­dest­lohn von 8,50 Eu­ro be­schäf­tigt wird, be­kommt 46 Pro­zent we­ni­ger. Was muss der Ge­setz­ge­ber tun? HOF­MANN Wir brau­chen kla­re Kri­te­ri­en zur Ab­gren­zung von Leih­ar­beit und Werk­ver­trag. Werk­ver­trags­neh­mer sind heu­te güns­ti­ger und wer­den des­halb häu­fi­ger ein­ge­setzt. Oft miss­bräuch­lich: Da fin­det nicht sel­ten mas­si­ver So­zi­al­ver­si­che­rungs­be­trug statt. Wo Werk­ver­trag drauf steht, ist Leih­ar­beit drin. Kommt doch ein­mal der Zoll vor­bei, wird schnell um­de­kla­riert: Die Ar­beit­ge­ber zau­bern ei­ne Ar­beit­neh­mer­über­las­sungs­er­laub­nis aus der Schub­la­de. Aus dem Werk­ver­trags­neh- mer wird dann ein Leih­ar­beit­neh­mer. Da­mit muss Schluss sein. Zu­dem müss­ten die Be­triebs­rä­te beim Werk­ver­trags-Ein­satz bes­ser in­for­miert wer­den, und es muss ei­nen bes­se­ren Ge­sund­heits­schutz ge­ben. Wie wol­len Sie die Zu­nah­me bei den Werk­ver­trä­gen stop­pen? HOF­MANN Das Ge­setz ist nur ein Teil. Die IG Me­tall ver­sucht da­ne­ben, die Werk­ver­trags­neh­mer zu or­ga­ni­sie­ren, und Be­triebs­rä­te zu grün­den und ta­rif­li­che Re­ge­lun­gen durch­zu­set­zen. Das ge­lingt uns zu­neh­mend bes­ser – im Lo­gis­tik­be­reich liegt die Zahl der Neu­auf­nah­men et­wa bei 5000. Zu­dem gibt es jetzt bei BMW und Por­sche Re­ge­lun­gen, dass nur noch Fremd­ver­ga­be an Fir­men statt­fin­det, die nach IG-Me­tall-Ta­rif zah­len. Ähn­li­che Re­geln set­zen wir ge­ra­de bei Daim­ler durch. Die Ei­ni­gung macht die Schieds­ge­rich­te beim DGB künf­tig un­nö­tig. HOF­MANN Es wird sie wei­ter ge­ben, aber wir wol­len de­ren An­ru­fung ver­mei­den und das bi­la­te­ral klä­ren. Sie wid­men sich ge­ra­de ver­stärkt der Fra­ge nach der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung. Wann wer­den Sie das The­ma in ei­nen Ta­rif­ver­trag gie­ßen? HOF­MANN In der nächs­ten Run­de noch nicht. Aber mög­li­cher­wei­se in der da­nach. Im Som­mer star­ten wir ei­ne groß an­ge­leg­te Kam­pa­gne, mit der wir zwei bis drei Jah­re lang Druck ma­chen. Wir wer­den dar­auf auf­merk­sam ma­chen, dass es im­mer noch Stel­len gibt, bei de­nen die Ar­beits­zeit nicht er­fasst wird oder ver­fällt. Auch die Ver­gü­tung für all je­ne, die von zu Hau­se aus oder un­ter­wegs ar­bei­ten, wird ein The­ma. Da geht es auch um mehr Geld und kla­re Re­geln, wenn je­mand mit­ten in der Nacht E-Mails be­ar­bei­ten muss, weil der Kun­de in den USA oder in Chi­na nicht war­ten will. In Ih­rer Be­schäf­tig­ten­be­fra­gung ga­ben rund 80 Pro­zent an, plan­ba­re Ar­beits­zei­ten zu ha­ben und sel­ten bis nie au­ßer­halb der re­gu­lä­ren Zeit ar­bei­ten zu müs­sen. Klingt nach un­nö­ti­ger Pro­ble­ma­ti­sie­rung Ih­rer­seits. HOF­MANN Das The­ma ge­winnt ge­ra­de an Fahrt. Der Druck auf die Be­schäf­tig­ten wird im Rah­men der Di­gi­ta­li­sie­rung stei­gen. Auch, weil die An­sprü­che der Ar­beit­ge­ber ste­tig zu­neh­men. Des­halb soll­ten wir nicht war­ten, bis das Kind in den Brun­nen ge­fal­len ist, son­dern jetzt auch schon die Gren­zen auf­zei­gen. Wenn wir über Gren­zen re­den, könn­ten wir auch über ei­ne Ab­schaf­fung der 35-St­un­den-Wo­che spre­chen – das gol­de­ne Kalb der IG Me­tall. HOF­MANN Die Wo­chen­ar­beits­zeit­re­ge­lung hat sich be­währt. Es gibt kei­nen ein­zi­gen trif­ti­gen Grund, an der 35-St­un­den-Wo­che zu rüt­teln. Die­sen Kon­flikt mit uns soll­ten sich die Ar­beit­ge­ber aus ei­ge­nem In­ter­es­se er­spa­ren. Wie be­ur­tei­len Sie den Scha­den durch den VW-Ab­gas­skan­dal? HOF­MANN Die Ab­satz­zah­len bei VW bre­chen zwar nicht mas­siv ein, aber es ist schon spür­bar. Noch ver­zeich­net die deut­sche Au­to­mo­bil­in­dus­trie ein ro­bus­tes Wachs­tum, weil sich der eu­ro­päi­sche Markt er­holt. Ist die Die­sel­tech­no­lo­gie am En­de? HOF­MANN Die Deut­schen glau­ben un­ge­bro­chen an ih­ren Die­sel. Aber wir ste­hen vor Ve­rän­de­run­gen: Im Hoch­preis­seg­ment wer­den künf­tig Hy­brid-Sys­te­me stär­ker ei­ne Rol­le spie­len, bei den Klein­fahr­zeu­gen läuft es auf Voll­elek­tri­fi­zie­rung hin­aus, bei den üb­ri­gen Wa­gen wird es vor­erst wei­ter Ot­to-Mo­to­ren mit klei­ner Zy­lin­der­zahl ge­ben. Wie schnell die­ser Wan­del kommt, hängt vor al­lem von der ge­setz­li­chen Re­gu­lie­rung ab. Sie sind in den VW-Auf­sichts­rat auf­ge­rückt. Wie er­le­ben Sie den neu­en Chef Mat­thi­as Mül­ler? HOF­MANN Nach sechs Wo­chen ist das schwie­rig zu be­ur­tei­len. Ich neh­me ihm aber ab, dass er ei­ne neue, of­fe­ne­re Kul­tur eta­blie­ren wird. Aber so ei­nen gro­ßen Tan­ker steu­ern Sie nicht von jetzt auf gleich um. Das be­nö­tigt Zeit. Wie groß ist Ih­re Sor­ge, dass groß­flä­chig bei VW-Leih­ar­bei­tern und Werk­ver­trags­neh­mern ge­spart wird? HOF­MANN Wir wer­den ver­su­chen da­ge­gen­zu­hal­ten. Man muss da aber klar un­ter­schei­den: Wenn jetzt Leih­ar­bei­ter ent­las­sen wer­den, dann liegt das nicht au­to­ma­tisch am Ab­gas­skan­dal. In Han­no­ver geht es um ei­nen Mo­dell­wech­sel. In Zwi­ckau und Dresden wird der Phae­ton nicht mehr ge­baut. Auch das wird Fol­gen ha­ben. Sie star­ten dem­nächst in die neue Run­de der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie. Das Ar­beits­zeit­the­ma wol­len Sie noch nicht auf die Agen­da he­ben. Wel­che an­de­ren qua­li­ta­ti­ven The­men wä­ren denk­bar? HOF­MANN Ich se­he im Mo­ment kei­nes. Dar­über wird aber zur­zeit in den Be­trie­ben und Re­gio­nen noch dis­ku­tiert. Die Wahr­schein­lich­keit ist hoch, dass es ei­ne rei­ne Lohn­run­de wer­den könn­te – vor­aus­ge­setzt, wir sind nicht we­gen des Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­rens zu Leih­ar­beit und Werk­ver­trä­gen doch zum Han­deln ge­zwun­gen. Wie be­ur­tei­len Sie der­zeit die wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen? HOF­MANN Die In­sti­tu­te kor­ri­gie­ren ih­re Pro­gno­sen ge­ra­de nach oben. Volks­wirt­schaft­lich ha­ben wir al­so sta­bi­le Rah­men­be­din­gun­gen. Das liegt aber vor al­lem an der Bin­nen­nach­fra­ge, al­so am pri­va­ten Kon­sum und an ge­stie­ge­nen Staats­aus­ga­ben et­wa we­gen der Flücht­lings­kri­se. In un­se­rer Bran­che gibt es ein he­te­ro­ge­nes Bild. Bei Au­to­mo­bil und an­de­ren Bran­chen läuft es rund, bei al­lem, was et­wa mit Ga­sund Öl­för­de­rung zu tun hat, ist es schon deut­lich schwie­ri­ger. Wie steht es um die Kon­flikt­be­reit­schaft? Die Ar­beit­ge­ber wa­ren ziem­lich sau­er, dass Sie beim letz­ten Mal so mas­siv zu Warn­streiks auf­ge­ru­fen ha­ben. HOF­MANN Warn­streiks ge­hö­ren nun mal da­zu. Wenn die Ar­beit­ge­ber das kri­ti­sie­ren, macht mich das nicht ner­vös. Wir wer­den mit dem not­wen­di­gen Druck un­se­re rea­lis­ti­sche For­de­rung durch­set­zen.

FOTO: DPA

Seit ver­gan­ge­nem Herbst steht Jörg Hof­mann an der Spit­ze der IG Me­tall.

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