Der gu­te Vor­satz: Kei­ne Vor­sät­ze!

Zum Jah­res­wech­sel nei­gen die Men­schen da­zu, ih­rem Le­ben ei­ne neue Rich­tung zu ge­ben. Nicht mehr rau­chen, we­ni­ger es­sen, mehr be­we­gen. Da­bei ist der Zeit­punkt eher falsch ge­wählt. Al­so kann man es gleich las­sen – oder rich­tig ma­chen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA - VON JÖRG ISRINGHAUS

DÜSSELDORF Al­les, aber an­ders. Bes­ser. Fri­scher. Ge­sün­der. So soll das Le­ben nach dem Jah­res­wech­sel sein. Ein Neu­start. Al­les wie­der auf An­fang, dies­mal aber durch­op­ti­miert nach al­len Re­geln der Kunst. Tra­di­tio­nell ist der Über­gang ins neue Jahr die Zeit, um ein­ge­fah­re­ne Ver­hal­tens­mus­ter zu ver­dam­men und gu­te Vor­sät­ze zu fas­sen. Sich selbst neu zu er­fin­den so­zu­sa­gen. Das Pro­blem ist: Das Ma­te­ri­al ist das al­te, und der Wunsch nach Ve­rän­de­rung eher dem Zeit­punkt ge­schul­det als ei­nem in­ne­ren Be­dürf­nis. Mehr als die Hälf­te al­ler Vor­sät­ze, hat ei­ne ak­tu­el­le Um­fra­ge der Kran­ken­kas­se DAK-Ge­sund­heit er­ge­ben, be­steht denn auch nur aus Lip­pen­be­kennt­nis­sen. For­scher in Groß­bri­tan­ni­en ge­hen so­gar von bis zu 90 Pro­zent nicht um­ge­setz­ter Plä­ne aus. War­um al­so nicht mal ehr­lich zu sich selbst sein – und den gu­ten Vor­satz für 2016 fas­sen, kei­ne gu­ten Vor­sät­ze zu fas­sen?

Zu­mal die ge­äu­ßer­ten Vor­ha­ben, auch das er­mit­tel­te die DAK-Ge­sund­heit, nicht ge­ra­de vor Ori­gi­na­li­tät strot­zen. So neh­men sich 62 Pro­zent der Be­frag­ten für das kom­men­de Jahr vor, ge­zielt Stress ab­zu­bau­en oder zu ver­mei­den. Vor drei Jah­ren wa­ren es noch 57 Pro­zent. 61 Pro­zent der Be­frag­ten möch­ten mehr Zeit mit Fa­mi­lie und Freun­den ver­brin­gen (2013: 54 Pro­zent), 59 Pro­zent wol­len sich mehr be­we­gen (2013: 52 Pro­zent). Wei­te­re klas­si­sche gu­te Vor­sät­ze wie Ab­neh­men (35 Pro­zent) und Rau­chen Auf­ge­ben (14 Pro­zent) ran­gie­ren auf den hin­te­ren Plät­zen, wer­den aber seit 2014 eben­falls häu­fi­ger ge­nannt. Da­hin­ter ran­gie­ren Aspek­te wie Fern­seh­kon­sum ein­schrän­ken, we­ni­ger im In­ter­net sur­fen oder mehr für sich selbst tun.

Fast in­ter­es­san­ter ist die Fra­ge nach der Mo­ti­va­ti­on. Hier füh­ren mehr als 60 Pro­zent der Be­frag­ten ihr per­sön­li­ches Emp­fin­den an – was wohl im Kl­ar­text heißt: Sie den­ken, sie müss­ten mal et­was Be­stimm­tes tun oder las­sen, und der Jah­res­wech­sel kommt da ge­ra­de recht. Im­mer­hin mehr als ein Drit­tel gibt an, ih­nen wür­de es hel­fen, wenn der Part­ner sie auf­for­de­re und un­ter­stüt­ze. Vor al­lem sa­gen das Män­ner. Sie sind laut Um­fra­ge da­für die­je­ni­gen, die län­ger durch­hal­ten. Bis sie auf­ge­ben.

Wis­sen­schaft­ler füh­ren das un­ter an­de­rem auch dar­auf zu­rück, dass es bei den meis­ten Men­schen nicht weit her ist mit der Wil­lens­stär­ke. Denn zu­stän­dig da­für ist ein Teil der Groß­hirn­rin­de, der so­ge­nann­te prä­fron­ta­le Cor­tex, und der hat auch sonst noch viel zu tun. Ex­pe­ri­men­te auf ein­mal vor, de­fi­niert für sich un­rea­lis­ti­sche Zie­le und wählt den fal­schen Zeit­punkt. Den Jah­res­wech­sel zum Bei­spiel. Denn im Win­ter zum Bei­spiel jog­gen zu ge­hen, ist meis­tens nicht ge­ra­de ein Ver­gnü­gen, und Käl­te wie Dun­kel­heit be­güns­ti­gen den Wunsch nach ka­lo­ri­en­rei­cher Nah­rung. Was das Ab­neh­men mög­li­cher­wei­se kom­pli­ziert. Al­so heißt es: Ei­nen Vor­satz fas­sen, die­sen auf ein rea­lis­ti­sches Maß her­un­ter­bre­chen und sich ein über­schau­ba­res Ziel set­zen. Ein ver­nünf­ti­ger Kom­pro­miss mit sich selbst hilft, spä­ter Er­folgs­er­leb­nis­se zu ge­nie­ßen.

Ge­ne­rell aber lau­tet die De­vi­se: Ein gu­ter Vor­satz ist der fal­sche An­satz. Be­vor man in ziel­lo­sen Ak­tio­nis­mus ver­fällt, soll­te man sei­ne Ab­sich­ten ehr­lich mit sich selbst ab­glei­chen. Aus Coach-Po­ta­toes wer­den zum Bei­spiel si­cher kei­ne Fit­ness-Gu­rus, aus Fleischlieb­ha­bern nicht so­fort Ve­ga­ner. Auch wenn ei­ne Pha­lanx von Rat­ge­ber-Bü­chern für je­de denk­ba­re Selbst­op­ti­mie­rung das rich­ti­ge Ver­fah­ren pa­rat hat, und das nicht nur zum Jah­res­wech­sel. Best­sel­ler-Au­tor Tom­my Jaud („Hum­meldumm“) hat dem Op­ti­mie­rungs- und Re­gle­men­tie­rungs­wahn un­längst ein Buch ge­wid­met. „Ei­nen Scheiß muss ich – Das Ma­ni­fest ge­gen das schlech­te Ge­wis­sen“(S.-Fi­scher-Ver­lag) heißt es, und soll, so der Au­tor, qua­si ei­ne Ge­gen­pro­pa­gan­da sein ge­gen ei­nen Ge­sell­schaft­s­trend, der dem Le­ben ein Groß­teil des­sen rau­be, wo­für es sich zu le­ben loh­ne – die Leich­tig­keit und den Spaß.

Was heißt das jetzt für die gu­ten Vor­sät­ze zum Jah­res­wech­sel? Man kann sie fas­sen, man kann sie auch las­sen. Das ei­ge­ne Le­ben wird da­durch we­der bes­ser noch schlech­ter. Aber wenn man sein Da­sein wirk­lich ver­än­dern will, soll man es – tun. Und zwar je­der­zeit. Nicht grü­beln, re­den, über­le­gen, pla­nen, son­dern han­deln. Ir­gend­wann ist dann al­les an­ders. Viel­leicht so­gar bes­ser.

Wenn man sein Da­sein wirk­lich ver­än­dern will, soll

man es – tun. Und zwar je­der­zeit.

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