Will­kom­men im Jahr 2026

Ein neu­es Jahr steht be­vor – wir ha­ben aber lie­ber schon ein­mal ei­ne gan­ze De­ka­de in die Zu­kunft ge­schaut. Um zu se­hen, wie sich die „Stadt im Auf­bruch“bis da­hin ent­wi­ckelt ha­ben könn­te. Ein wohl­wol­lend op­ti­mis­ti­scher Aus­blick.

Rheinische Post Moenchengladbach - - GESELLSCHAFT - VON JAN SCHNETTLER

Warm. Ver­dammt warm ist er, die­ser Jah­res­wech­sel 2025/26. Der wärms­te seit Be­ginn der Auf­zeich­nun­gen. Aber was soll’s, das gilt schließ­lich für je­den Jah­res­wech­sel der ver­gan­ge­nen zehn Jah­re. Al­so kann es ru­hig das E-Ca­brio sein, für die­se Wo­che­n­end­aus­fahrt durch Mön­chen­glad­bach. Ins Au­to rein­schnei­en wird es so schnell nicht. Das Snowboard-Event am ehe­ma­li­gen Ho­ckey­sta­di­on An­fang des Mo­nats, das An­fang De­zem­ber sa­ge und schrei­be schon zum zehn­ten Mal statt­ge­fun­den hat, hat ja auch noch nie ech­ten, son­dern im­mer nur Kunst­schnee ge­se­hen!

Der Freund, der mich be­glei­tet, ist zu Be­such aus Ame­ri­ka. Er ist ge­bür­ti­ger Glad­ba­cher, wan­der­te aber vor gut zehn Jah­ren aus. In der jüngs­ten Mil­lio­nen­stadt der Welt, Wil­lis­ton/ North Da­ko­ta (2015 noch ein Kaff mit 20.000 Ein­woh­nern), hat er es im Zu­ge des Fracking-Booms zu ei­ni­gem Reich­tum ge­bracht. Ich ho­le ihn am Glad­ba­cher Haupt­bahn­hof ab, wo die Deut­sche Bahn seit gut zehn Jah­ren den Fuß­bo­den sa­niert. Doch es gibt ja auch pri­va­te An­bie­ter, und mit de­ren UEST (Ur­ban Electric Speed Train – der Glad­ba­cher sagt na­tür­lich „West“) ist mein Freund von Düsseldorf nach Glad­bach ge­flitzt. Die vie­len Pend­ler, die in den neu­en High-end-Wohn­ge­bie­ten wie dem ehe­ma­li­gen Re­meGe­län­de woh­nen, nut­zen die Ver­bin­dung ger­ne. Und selbst wenn sie wäh­rend der drei­ein­halb­mi­nü­ti­gen Rück­fahrt abends mal kurz ein­ni­cken soll­ten – macht nix. Wei­ter als bis Glad­bach flitzt der UEST näm­lich nicht, da das Schie­nen­stück zwi­schen Kal­den­kir­chen und Dül­ken lei­der noch im­mer ein­glei­sig ist.

Der ers­te Ein­druck, den mein Freund von sei­ner Hei­mat­stadt ge­winnt, ist po­si­tiv: Krä­ne dre­hen sich, wo bis vor kur­zem Haus West­land vor sich hin gam­mel­te; hier soll die mo­derns­te und di­gi­tals­te Stadt­bi­blio­thek der Welt ent­ste­hen, in ei­nem viel­be­ach­te­ten Pi­lot­pro­jekt der Wirt­schafts­för­de­rung und der Wi­ki­pe­dia-Stif­tung. Durch die Last­wa­gen und den Bau­schutt schim­mert ein be­reits fer­tig­ge­stell­tes neu­es Wohn­vier­tel an der St­ein­metz­stra­ße durch. Klei­ne Elek­tro­bus­se, die in dich­tem Takt fah­ren, be­die­nen die Hin­den­burg­stra­ße; das kürz­lich re­no­vier­te Vi­tus-Cen­ter, er­klä­re ich ihm, ist seit dem Rat­haus-Neubau in Rhe­ydt ei­ner von nur noch vier ge­bün­del­ten Stand­or­ten der Stadt­ver­wal­tung.

„Hier ist ja gar kein Leer­stand mehr“, freut er sich über das un­te­re En­de der Ein­kaufs­stra­ße. In vie­len Schau­fens­tern hän­gen Ta­blets und läuft Wer­bung über die Touch­screen-Schei­ben, ho­len Kun­den Pro­duk­te ab, die sie sich vor­her aus­gie­big im In­ter­net an­ge­schaut ha­ben. Weih­nachts­ge­schen­ke wer­den um­ge­tauscht. Ei­ni­ge fin­di­ge Ca­fés wa­ren so pfif­fig, ih­re Kon­zes­si­on für Au­ßen­gas­tro­no­mie dies­mal auch für die so ge­nann­ten Win­ter­mo­na­te zu be­an­tra­gen. Tja, ent­geg­ne ich – in ei­ner Stadt mit et­was über 300.000 Ein­woh­nern, vie­le von ih­nen jung und ge­bil­det, wird eben gut und gern kon­su­miert.

Wir fah­ren in die Mönchs­gär­ten, die mein Freund noch als Bra­che Ci­ty Ost kennt. Doch jetzt staunt er über den 30.000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Glad­see, auf dem Se­gel­böt­chen schip­pern; wahr­schein­lich Bü­ro­an­ge­stell­te, die ih­re Mit­tags­pau­se sport­lich nut­zen. „Ist ja ei­ne rich­ti­ge grüne Oa­se ge­wor­den, die­ses Glad­bach-Tal“, sagt er. Der frei­ge­leg­te na­mens­ge­ben­de Bach spru­delt ent­spre­chend früh­lings­haft. „War­te nur mal ab, bis auch noch der Glad­bach-To­wer fer­tig ist“, sa­ge ich. „Dann ist es hier be­lebt wie im Eng­li­schen Gar­ten.“Das Stahl­ge­rip­pe des 40 Stock­wer­ke ho­hen künf­ti­gen Wahr­zei­chens, das 2029 be­zo­gen wer­den soll, steht schon, ara­bi­sche In­ves­to­ren fi­nan­zie­ren es. Sie ha­ben im frü­he­ren JHQ ja gu­te Er­fah­run­gen mit Glad­bach ge­macht.

Ei­ne klei­ne Stra­ßen­bahn biegt um die Kur­ve. „Seit 2024 gibt es wie­der ei­ne Li­nie in Glad­bach“, er­klä­re ich mei­nem Freund. Er kennt das aus Wil­lis­ton: Es gibt ei­ne neue, re­la­tiv kos­ten­spa­ren­de und um­welt­scho­ne­n­en­de Tech­nik für Ein­schie­nen­bah­nen. Die Li­nie ver­bin­det den Rhe­ydter Markt­platz mit der flo­rie­ren­den Hoch­schu­le Nie­der­rhein und der Tex­til­aka­de­mie, dem über­re­gio­na­len Grün­de­r­und Tech­no­lo­gie­zen­trum im ehe­ma­li­gen Po­li­zei­prä­si­di­um und dem Glad­ba­cher Haupt­bahn­hof. Ei­ne zwei­te Li­nie zum Flug­ha­fen ist in Pla­nung, seit­dem Düsseldorf nach jah­re­lan­gem Hin und Her sei­nen Ge­schäfts­flie­ger­be­trieb, re­gio­na­le Air-Shut­tles so­wie selbst­flie­gen­de Leicht­flug­zeu­ge an die Niers­brü­cke ver­la­gert hat und die Start- und Lan­de­bahn end­lich ver­län­gert wor­den ist. An­hand von Ori­gi­nal­plä­nen nach­ge­bau­te, flug­fä­hi­ge „Tan­te JUs“ha­ben noch et­was zu­sätz­li­chen Wind in die An­ge­le­gen­heit ge­bracht.

„Gibt’s hier denn gar kei­ne Pro­ble­me mehr?“, fragt mein Freund et­was baff, wäh­rend wir ge­räusch­los an den neu­en Wohn­ge­bie­ten Ma­ria Hilf und Bun­ter Gar­ten vor­bei­glei­ten, die durch Rad­schnell­we­ge mit­ein­an­der ver­bun­den sind. „Na­tür­lich gibt es die“, ant­wor­te ich. Die Ar­beits­lo­sen­quo­te liegt, trotz des neu­en in­ter­kom­mu­na­len Ge­wer­be­ge­biets mit Vier­sen an der A 52, bei rund 15 Pro­zent; der brand­neue „Mas­ter­plan In­dus­trie“, der Er­kennt­nis ge­schul­det, dass es nur mit Di­enst­leis­tung und Lo­gis­tik auch nicht geht, soll dem je­doch bald ent­ge­gen­steu­ern. Me­tall­die­be ha­ben letz­te Wo­che schon zum zwei­ten Mal ei­nen der sie­ben Esel auf dem Son­nen­haus­platz ab­mon­tiert und ge­klaut. Die leer­ste­hen­de Nie­der­rhein­ka­ser­ne ist im­mer noch die leer­ste­hen­de Nie­der­rhein­ka­ser­ne (bis 2032 will die Bi­ma aber ers­te Ver­hand­lun­gen auf­neh­men). Das vor­mals so hip­pe Ei­cken ist längst gen­tri­fi­ziert, und die vor­mals so jun­gen Krea­ti­ven der Zeh­ner-Jah­re wer­den von ih­ren Nach­fol­gern na­se­rümp­fend als „Esta­blish­ment“be­zeich­net, seit­dem sie re­gel­mä­ßig im jüngst durch den zwei­ten Bau­ab­schnitt ver­grö­ßer­ten Mu­se­um Ab­tei­berg aus­stel­len. Und der Schul­den­stand der Stadt düm­pelt bei an­dert­halb Mil­li­ar­den Eu­ro her­um. Zwei­mal hat sie es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im­mer­hin ge­schafft, ei­nen aus­ge­gli­che­nen Haus- halt vor­zu­le­gen, wo­mit sich die je­wei­li­gen Ober­bür­ger­meis­ter Felix Hein­richs und Fa­bi­an Eick­städt ab­wech­selnd brüs­ten durf­ten. Und die In­te­gra­ti­on von 20.000 Flücht­lin­gen, die sich im Lau­fe des letz­ten Jahr­zehnts in der Stadt nie­der­ge­las­sen ha­ben, war und ist auch nicht ganz ein­fach. Aber im Gro­ßen und Gan­zen, das muss­ten auch die Skep­ti­ker mitt­ler­wei­le ein­ge­ste­hen, ha­ben sie sich als Be­rei­che­rung er­wie­sen. Ge­nau so wie es am En­de auch kei­nen son­der­lich ge­stört hat, dass das Ar­beits­lo­sen­zen­trum ne­ben den Ro­er­mon­der Hö­fen ver­blie­ben ist.

„In Sa­chen Bo­rus­sia bin ich über das In­ter­net na­tür­lich auf dem neu­es­ten Stand“, sagt mein Freund, als wir durch den Nord­park fah­ren. Selbst­re­dend hat er sich im Ho­tel am von Bank­ge­bäu­den um­ge­be­nen Sta­di­on ein­ge­mie­tet, das seit 2022 Santan­der-Park heißt. Un­ter dem lang­jäh­ri­gen Trai­ner Mar­tin Stranzl liegt der Ver­ein zum En­de der Halb­se­rie (die gu­te al­te Win­ter­pau­se ist der end­gül­ti­gen Kom­mer­zia­li­sie­rung des in­ter­na­tio­na­len Fuß­ball­ka­len­ders zum Op­fer ge­fal­len) hin­ter Se­ri­en­meis­ter Leip­zig auf Platz zwei. Bay­ern und Dort­mund ha­ben sich schließ­lich schon vor Jah­ren in die neue UE­FA Su­per Le­ague ver­ab­schie­det. Die di­gi­ta­len Kon­zert­pla­ka­te deu­ten an, wer 2026 in der nord­rhein-west­fä­li­schen Kon­zert­haupt­stadt Mön­chen­glad­bach al­les auf­tre­ten wird: Die Sto­nes (82 ist der Jag­ger jetzt!) spie­len im Fuß­ball­sta­di­on; im Ho­ckey­sta­di­on, wo seit zig Jah­ren kein Schlä­ger mehr ge­schwun­gen wur­de, steht un­ter an­de­rem die frisch wie­der­ver­ei­nig­te Band Sil­ber­mond auf der Büh­ne. „Und Marek Lie­ber­berg über­legt noch im­mer, ein gro­ßes Fes­ti­val in Mön­chen­glad­bach an­zu­sie­deln“, sa­ge ich.

Mein Freund schnaubt auf. „Als ob das JHQ das nö­tig hät­te“, sagt er, als wir am neu­en Glad­ba­cher Wein-An­bau­ge­biet im Süd- park, den die Bri­ten vor fünf Jah­ren end­gül­tig ver­las­sen ha­ben, und den im­mer grö­ßer und im­po­san­ter wer­den­den Weg­wei­sern Rich­tung Sea­sons-The­men­park vor­bei­glei­ten. Der hat schließ­lich bis nach Ame­ri­ka für Fu­ro­re ge­sorgt. Vom Wüs­ten- oder Dschun­gel­aben­teu­er bis zum Tief­see­tau­chen und Ski­fah­ren ist dort al­les mög­lich, was nun, da die Al­pen gänz­lich schnee­frei sind, auch die Win­ter­sport­ver­bän­de be­merkt ha­ben: 2027 soll das tra­di­ti­ons­rei­che Neu­jahrs­sprin­gen der Vier­schan­zen­tour­nee erst­mals von Gar­misch-Par­ten­kir­chen nach Glad­bach ver­legt wer­den. Elf Mil­lio­nen Men­schen ha­ben den The­men­park die­ses Jahr be­sucht, Ten­denz: stei­gend.

Bleibt zu gu­ter Letzt ein Ab­ste­cher in den Sü­den der Stadt, wo das En­sem­ble aus frei­ge­leg­tem Glad­bach und neu an­ge­leg­ten Glad­see zum Trio wird. Nach­dem das kli­ma­schutz­be­ding­te Aus für den Ta­ge­bau Garz­wei­ler frü­her kam als ge­dacht, wird auch der Rest­see zwi­schen Ja­ckerath und Wan­lo, im Volks­mund „Glad­meer“ge­nannt, zei­ti­ger ge­füllt. „Es dau­ert aber noch gut 40 Jah­re, bis er kom­plett mit Was­ser voll­ge­lau­fen sein wird“, sa­ge ich. „Es be­steht al­so noch kei­ne Ei­le, sich ei­nen An­le­ge­platz für ei­ne Jacht zu si­chern.“Bis da­hin, hat die Rats­mehr­heit, der erst­mals wie­der ei­ne aus Rui­nen au­fer­stan­de­ne FDP an­ge­hört, zu­ge­si­chert, soll auch der neue Ver­kehrs­ent­wick­lungs­plan fer­tig sein, der dann auch das nigel­na­gel­neue Mön­chen­glad­ba­cher Was­ser­stra­ßen­netz be­inhal­tet. Wir las­sen uns in ei­nem Ca­fé am re­vi­ta­li­sier­ten Al­ten Markt nie­der und blin­zeln in die Son­ne des 31. De­zem­ber 2025. Und er­in­nern uns an den Sil­ves­ter­tag vor zehn Jah­ren. Wie wir uns da­mals wünsch­ten, dass 2016 ein we­nig bes­ser wer­den mö­ge als die­ses Ter­ror­an­schlag-Flug­zeug­ab­stur­zJahr 2015. Es hat funk­tio­niert. In die­sem Sin­ne: Gu­ten Rutsch!

Seit 2024 gibt es wie­der ei­ne Stra­ßen­bahn­li­nie in Glad­bach – und end­lich auch Rad

schnell­we­ge Marek Lie­ber­berg über­legt 2026 im­mer noch, ein gro­ßes Mu­sik­fes­ti­val in Mön­chen­glad­bach

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Links: Der Glad­bach-To­wer, wie ihn sich die Mas­ter­pla­ner vor­stel­len. Run­de Bil­der, von oben nach un­ten: Elek­tro-Bus­se, In­door-Ski­sprin­gen, das nach Plä­nen von Hans Hollein er­wei­ter­te Mu­se­um Ab­tei­berg und Rad­schnell­we­ge wie in Ko­pen­ha­gen oder Mel­bourne ma­chen Mön­chen­glad­bach in zehn Jah­ren aus. Bis das „Glad­meer“(un­te­res Foto) voll­ge­lau­fen ist, dau­ert es aber noch 40 Jah­re.

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