Re­gio­nal­de­kan Ulrich Clan­cett als Deu­ter

Bo­rus­sia ist ein dau­er­strah­len­der Ko­met. Die Stadt ist ein Del­fin, der viel Le­bens­freu­de ver­sprüht. Und die Öku­me­ne geht wei­ter, weil zwei aus ei­nem brei­ten Rumpf ra­gen­de Ar­me nicht aus­ein­an­der­drif­ten. Die RP lud Re­gio­nal­de­kan Ulrich Clan­cett zum Bl­ei­gieß

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON DIE­TER WE­BER

Die Um­ge­bung war über­haupt nicht pas­send. Die Son­ne schien von hin­ten in den Kon­fe­renz­raum. Es stand auch kein Gläs­chen Wein für die wich­tigs­te Person auf dem Tisch. Und un­se­re Stüh­le sind al­les an­de­re als ge­müt­lich – Bü­ro­stüh­le halt. Nein, zum Bl­ei­gie­ßen ge­hö­ren die Dun­kel­heit, der Wein, der al­le ein biss­chen lo­cke­rer wer­den lässt, wei­che So­fas oder Ses­sel. Aber schön war’s trotz­dem.

Re­gio­nal­de­kan Ulrich Clan­cett, Pfar­rer von St. Ja­ko­bus Jü­chen, war un­ser Gast. Wir ha­ben vor ihm un­se­re Uten­si­li­en auf­ge­baut: ei­ne ro­te Ker­ze aus Dä­ne­mark, ge­borgt von ei­nem hei­mi­schen Ad­vents­kranz („Ei­ne durch­ge­färb­te Ker­ze, ein gu­tes Stück“– so Clan­cett); ei­ne Sa­lat­schüs­sel mit kal­tem Was­ser, in der die Kol­le­gen nor­ma­ler­wei­se ih­ren Eis­berg­sa­lat schnib­beln; je­de Men­ge Blei­stück­chen mit den da­zu­ge­hö­ri­gen Löf­feln.

Und um es Ulrich Clan­cett bei sei­nen Deu­tun­gen der er­starr­ten Blei­fi­gu­ren nicht so leicht zu ma­chen, ha­ben wir The­men auf Kar­tei­kar­ten ge­schrie­ben: Er muss­te ein­zel­ne Kar­ten wie aus ei­nem Kar­ten­spiel zie­hen und dann die Blei­for­ma­ti­on ent­spre­chend in­ter­pre­tie­ren. Der Mann war der Auf­ga­be ge­wach­sen. Wir neh­men Sie mit in die ge­heim­nis­vol­le Welt der Clan­cett’schen In­ter­pre­ta­tio­nen. Wo se­hen Sie die größ­ten Ge­fah­ren für ein fried­vol­les Zu­sam­men­le­ben? Ei­ne total ver­kopf­te Fra­ge. Und der ers­te Bleik­loß, der ins kal­te Was­ser plumpst, zer­springt in meh­re­re klei­ne Pfeil­spit­zen. Und tat­säch­lich: Da taucht ei­ne läng­li­che Fi­gur auf. „Das Ding könn­te ei­ne Ma­schi­nen­pis­to­le sein. Und die Pfei­le ste­hen für ver­ba­le Pfeil­spit­zen, die Un­heil ver­kün­den“, fin­det Clan­cett. Dumm­heit und Ar­ro­ganz, so der ka­tho­li­sche Pries­ter, sei­en die größ­ten Ge­fah­ren für den Frie­den. „Ich stim­me da un­se­rem Au­ßen­mi­nis­ter Fran­kWal­ter St­ein­mei­er zu, der die geis­ti­gen Brand­stif­ter an­ge­pran­gert hat, die mit­ver­ant­wort­lich sind, dass Asyl­be­wer­ber­hei­me bren­nen. Wir soll­ten uns be­wusst­ma­chen, wo wir her­kom­men. Dann ver­lie­ren ei­ni­ge von uns auch ih­re Über­heb­lich­keit.“ Was wün­schen Sie als Re­gio­nal­de­kan den Men­schen? Zwei neue Blei­stück­chen ko­chen im Löf­fel. Schwupps, sie lan­den in der Schüs­sel. Und bil­den – „ei­nen Tan­nen­baum“. Zwar ist Weih­nach­ten vor­bei, „aber der im­mer­grü­ne Tan­nen­baum steht für das Le­ben, er ist ei­ne Art Bot­schaf­ter des Le­bens.“Clan­cett sieht ihn als „Er­in­ne­rungs­mar­ke“, die den Men­schen die Be­deu­tung des Le­bens und die Hin­wen­dung zu die­sem Be­wusst­ma­chen soll. Clan­cett, der „vor et­wa 20 Jah­ren oder so“das letz­te Mal Bl­ei­gie­ßen ge­macht hat, ist ver­blüfft: „Mei­ne Kol­le­gen wer­den ver­mut­lich sa­gen: ,Was macht der wie­der für ei­nen Ho­kus­po­kus!’ Aber das mit dem Tan­nen­baum ist in­ter­es­sant.“ Setzt sich der Auf­schwung der Stadt Mön­chen­glad­bach fort? Das Blei ver­wan­delt sich wie­der in et­was Läng­li­ches. Die­ses Mal ist es et­was Schwung­vol­les mit ei­ner Art Häk­chen. Clan­cett ist si­cher: „Das ist ein Fisch. Und zwar ein Del­fin, der ge­ra­de ei­ne Fon­tä­ne bläst.“Der Del­fin passt zu Mön­chen­glad­bach, fin­det er. „Er strahlt Le­bens­freu­de, gu­te Lau­ne, et­was Lie­bens­wer­tes aus. Und ge­nau das ver­kör­pert Mön­chen­glad­bach zur Zeit.“Clan­cett ist sich si­cher: „Mit der Stadt geht’s wei­ter­hin steil berg­auf.“

Hoff­nung Die­ses Mal ist es nur ein Be­griff. Das kal­te Was­ser ver­wan­delt das hei­ße Blei in ei­ne Höh­le. „Ei­ne Grot­te. Mit Ma­don­nen­fi­gur“, fin­det Clan­cett. Und stutzt. Und dann phi­lo­so­phiert er, spricht von Lem­my Kil­mis­ter von der Band Motörhead, der plötz­lich ge­stor­ben ist. Und vom Kon­zert der Band Cold­play in der Schal­ke-Are­na, für das er ei­ne Kar­te „ganz weit vor­ne“hat. Und da­nach er­kennt er in dem Ge­bil­de der eins­ti­gen Grot­te („von der bin ich total weg“) ei­ne „Bot­schaft, die Men­schen be­wegt“. Wie sieht die Zu­kunft der christ­li­chen Kir­chen aus? Es er­scheint ein Ge­bil­de mit win­zi­gen Er­he­bun­gen. Ei­ne Stadt-Sil­hou­et­te, fin­det Clan­cett. Und sieht ei­ne Ver­bin­dung zum „himm­li­schen Je­ru­sa­lem“aus dem Neu­en Tes­ta­ment: „Die christ­li­chen Kir­chen ha­ben Ant­wor­ten, die an­de­re nicht ha­ben. Das himm­li­sche Je­ru­sa­lem ist ei­ne Zu­kunfts­per­spek­ti­ve für uns. An der müs­sen wir ar­bei­ten.“Puh.

Wie geht’s mit Bo­rus­sia wei­ter? Ulrich Clan­cett, be­ken­nen­der Fan der wah­ren Bo­rus­sia, gießt wie­der ei­ne läng­li­che Fi­gur mit ei­ner Art Kopf am En­de. „Ein Ko­met, mit ei­nem Schweif hin­ten“, stellt er fest und spricht von der „un­ge­heu­ren Be­geis­te­rung“, die ein Ko­met aus­lö­sen kann. Und wie der „al­le mit­reißt“. Dann zö­gert er. „Ein Ko­met kann aber auch ver­glü­hen“, sagt Clan­cett und fin­det die Kur­ve: „Den Hal­ley­schen Ko­me­ten gibt es seit vie­len hun­dert Jah­ren. Und der strahlt im­mer noch.“

Glück Der Bleik­loß ent­puppt sich als Schiff, in dem je­mand sitzt. Ho­he Wel­len schla­gen an den Bug des Schif­fes. „Aber sie kön­nen dem Schiffs­füh­rer nichts an­ha­ben. Und er weiß das, er fühlt sich re­la­tiv si­cher“, fin­det Clan­cett. Und sieht das Glück dar­in, „mit Zu­ver­sicht durch die stür­mi­sche See und da­mit gut durchs Le­ben“zu kom­men. Was wird sich in Mön­chen­glad­bach im nächs­ten Jahr ver­än­dern? Das kal­te Was­ser ge­biert ein Le­be­we­sen. Fest­le­gen will sich Clan­cett nicht, was es ist. „Aber es streckt ei­nen Arm oder ein Bein aus. Wenn man pa­the­tisch ist, könn­te man das als die Will­kom­mens­kul­tur deu­ten.“Aber Clan­cett sieht mehr in der Ges­te: „Sie steht für ein of­fe­nes Mön­chen­glad­bach. Und die Stadt wird noch of­fe­ner, noch in­ter­es­san­ter, welt­städ­ti­scher mit zahl­rei­chen kul­tu­rel­len Er­eig­nis­sen wer­den.“

Wie geht’s mit der Öku­me­ne wei­ter? Ein di­cker Klops un­ten. Zwei par­al­lel lau­fen­de, na­he­zu gleich lan­ge Ar­me mit un­ter­schied­li­chen Struk­tu­ren, die schein­bar nach oben grei­fen. Und die am En­de ei­nen „Strauß Ro­sen oder Blü­ten­blät­ter“hal­ten. Clan­cetts In­ter­pre­ta­ti­on: „Wir ha­ben da am Fuß – das ist der Bleik­nub­bel – ei­nen ge­mein­sa­men Ur­sprung. Die Ar­me ha­ben ei­ne ge­mein­sa­me Rich­tung. Sie ge­hen auf je­den Fall nicht aus­ein­an­der, sind aber auch noch nicht eins.“

Wün­sche Der letz­te Bleik­loß spritzt ins Was­ser. Und wie­der ent­steht et­was, das ei­nem Schiff äh­nelt. „Das ist ein Prunk­boot mit ei­ner sehr schwung­vol­len Form. Wer in die­sem Boot sitzt, er­fährt Ge­bor­gen­heit. Die Form steht für Be­we­gung und macht deut­lich, dass Still­stand ge­fähr­lich ist. Und selbst wenn sich das Boot in ei­nem ru­hi­gen Ge­wäs­ser be­fin­det, braucht es Ener­gie und Im­pul­se, da­mit es vor­an­kommt.“ Dann war die einst di­cke Ker­ze nur noch ein Stum­mel­chen, das sei­ne letz­ten St­un­den auf dem Ad­vents­kranz ver­brin­gen wird. Auch das Blei war al­le. Die Stüh­le drück­ten ins Kreuz. Und Wein war eh kei­ner da.

RP-FOTOS (5): DETLEF ILGNER

Re­gio­nal­de­kan Ulrich Clan­cett beim Bl­ei­gie­ßen. Er ent­deckt ei­ne Fi­gur, die ei­nen Arm aus­streckt. Ein Sinn­bild für die Will­kom­mens­kul­tur? Zu pa­the­tisch, fin­det Clan­cett. Er ist statt­des­sen si­cher, dass die Fi­gur für ein of­fe­nes, sich wei­ter po­si­tiv ent­wi­ckeln­des Mön­chen­glad­bach steht.

Der Tan­nen­baum – ein „Bot­schaf­ter für das Le­ben“, sagt Clan­cett. Er sieht ihn als wich­ti­ge „Er­in­ne­rungs­mar­ke“für die Men­schen.

Ein Lurch? Nein. Wenn man das Ge­bil­de auf­rich­tet, wirkt es wie ein Ko­met. Ein dau­er­strah­len­der. Clan­cett sieht dar­in die Zu­kunft Bo­rus­si­as.

Die Grot­te, die am En­de doch kei­ne mehr ist.

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