Der Mor­gen bei Pol­leys ist rot-weiß-pink

Die Fa­mi­lie Pol­ley muss täg­lich vier Kin­der für die Grund­schu­le und zwei für die Ki­ta vor­be­rei­ten. Wir ha­ben den Ablauf früh­mor­gens aus der Nä­he be­ob­ach­ten dür­fen. Zum Fest konn­ten sich die El­tern Ka­ri­na und In­go­mar Pol­ley ent­span­nen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - STADTTEILE - VON DIRK RICHERDT UND JÖRG KNAP­PE (FOTOS)

WIND­BERG 5.30 Uhr: Der We­cker klin­gelt im Schlaf­zim­mer. Ka­ri­na Pol­ley dreht sich noch ein­mal auf die an­de­re Sei­te – doch dann ruft ei­ne in­ne­re Stim­me sie zur Ord­nung. Drei Mi­nu­ten spä­ter steht sie im Bad und be­ginnt ihr Tag­werk. So still wie jetzt bleibt es nicht, denn die Pol­leys sind ei­ne Fa­mi­lie mit sechs Kin­dern im Al­ter zwi­schen drei und acht Jah­ren. Das er­for­dert Stra­te­gie, Aus­dau­er und Schwung: Je­der Schul­tag be­ginnt bei den Pol­leys mit ei­nem mi­nu­zi­ös durch­ge­tak­te­ten Ablauf von Ak­ti­vi­tä­ten, Hand­rei­chun­gen und aus­ge­feil­ter Lo­gis­tik. Die Zie­le: Vier Kin­der müs­sen um 8.15 Uhr in der An­na-Schu­le Wind­berg ein­ge­trof­fen sein, zwei jün­ge­re – Au­re­lia (5) und Ju­li­us (3) – wer­den um 9 Uhr in ei­ne Kin­der­ta­ges­stät­te ge­bracht. Wie schafft man so et­was je­den Mor­gen? Wir durf­ten kurz vor Be­ginn der Weih­nachts­fe­ri­en da­bei zu­schau­en.

5.50 Uhr: Ka­ri­na Pol­ley (41) be­tritt die Kü­che im Erd­ge­schoss des Hau­ses. Nicht um Kaf­fee zu ko­chen und die Schul­bro­te für Dia­na (8) und die Dril­lin­ge Alex­an­dra, An­to­nia und Aria­na (6) zu be­le­gen, das kann noch war­ten. Zu­erst gilt es, Schnit­zel­chen, Hack­fleisch­klop­se oder Bio­würst­chen zu bra­ten, Kar­tof­feln, Spätz­le und Ge­mü­se zu ko­chen. Ge­gen 7 Uhr wer­den die Spei­sen schul­kind­ge­recht por­tio­niert und in prak­ti­sche Be­häl­ter ge­füllt. „Die Do­sen neh­men die Kin­der mit in die Schu­le, das ist ihr Mit­tag­es­sen, das sie nach Un­ter­richts­schluss in der Mit­tags­be­treu­ung zu sich neh­men“, er­läu­tert die Arzt­hel­fe­rin.

6.30 Uhr: In­zwi­schen hat auch Fa­mi­li­en­va­ter In­go­mar das Ehe­bett ver­las­sen und geht zum Du­schen ins Bad. Da­nach hat der 53-jäh­ri­ge Heil­prak­ti­ker Zeit, in der Kü­che Kaf­fee und Tee zu ko­chen, den Tisch für sechs Per­so­nen zu de­cken, Corn­flakes in klei­ne Scha­len zu schüt­ten, Grau­brot zu schnei­den, Milch aus

Va­ter In­go­mar Pol­ley dem Kühl­schrank zu ho­len. „Da un­se­re ein­ei­igen Dril­lin­ge nicht nur ge­ne­tisch iden­tisch sind, son­dern auch über­wie­gend gleich­ar­ti­ge Ge­schmä­cker ha­ben, schä­le ich auch für al­le Äp­fel und Gur­ken“, er­klärt Pol­ley. Kurz vor sie­ben reicht er sei­ner Ka­ri­na ei­ne frisch ge­zapf­te Tas­se Cap­puc­ci­no. „Ich ko­che meis­tens den Kaf­fee und ma­che das Früh­stück für mei­ne Frau“, sagt Pol­ley. Der­weil hat Ka­ri­na am Herd wei­ter mit der Her­stel­lung des Mit­tag­es­sens zu kämp­fen. „Das ist des­we­gen be­son­ders auf­wen­dig, weil ich nach Mög­lich­keit ver­su­che, Ein­zel­wün­sche zu be­rück­sich­ti­gen“, sagt die 41-Jäh­ri­ge. „Die Dril­lin­ge es­sen zum Bei­spiel gern Pfann­ku­chen, Dia­na hat nichts ge­gen Hähn­chen ein­zu­wen­den.“

7.01 Uhr: Ka­ri­na ver­staut die Schul­bro­te, da­zu por­tio­nier­te Ba­na­nen und Äp­fel, in vier Tup­per­do­sen, drei sind durch auf­ge­kleb­te Her­zen für die Dril­lings­mäd­chen re­ser­viert. Alex­an­dra be­kommt die Do­se mit dem wei­ßen, An­to­nia den Be­häl­ter mit dem pink­far­be­nen Her­zen, Aria­nas ist rot. Ent­spre­chend wer­den auch die Lunch­pa­ke­te für den Mit­tag ver­packt und in die Tor­nis­ter ver­frach­tet. „Wir ha­ben un­se­re ei­ge­ne Tri­ko­lo­re ge­stal­tet, rot-weiß­pink“, sagt Ka­ri­na Pol­ley la­chend.

7.10 Uhr: Ent­schlos­sen be­tritt Ka­ri­na das Zim­mer, in dem groß­äu­gi­ge „Glup­schies“auf ei­nem Bal­ken­fries ho­cken und ein Hoch­re­gal vol­ler kun­ter­bunt durch­ein­an­der­ge­pur­zel­ter Bar­bie­pup­pen und -foh­len auf ein­schlä­gi­ge Mäd­chen-Sam- mel­lei­den­schaft ver­weist. Ge­dimm­tes Licht er­hellt den Raum de­zent, in ei­ner Ecke steht ein Dop­pel­stock­bett, da­ne­ben ein ein­zel­nes un­ter der Dach­schrä­ge. Alex­an­dra, An­to­nia und Aria­na schla­fen noch, An­to­nia im un­te­ren Teil des Eta­gen­betts hält ih­re Knud­del-Eu­le im Arm. So ein Stoff­tier liegt auch in den bei­den an­de­ren Bet­ten, das Bett­zeug ist mit Mo­ti­ven aus Dis­neys „Eis­kö­ni­gin“be­druckt. „Ich will noch schla­fen, lass mich“, pro­tes­tiert Aria­na. Doch Mut­ter dimmt das Licht wei­ter her­auf und for­dert, erst lei­se, dann ver­nehm­li­cher: „Zeit zum Auf­ste­hen! Habt ihr gut ge­schla­fen?“Die Mäd­chen set­zen sich auf, rei­ben ih­re Au­gen – und plap­pern drauf­los. Auf ei­nen Schlag sind sie mun­ter, das lässt den Gast stau­nen. Die Dril­lin­ge stau­nen zu­rück, ob­wohl die El­tern ih­nen am Vor­abend den Be­such des Gas­tes von der RP an­ge­kün­digt hat­ten. „Guck mal, mei­ne Eu­le“, er­klärt mir Aria­na, „die möch­te ich mit in die Schu­le neh­men“. Ih­re Schwes­ter Alex­an­dra er­läu­tert: „Wir sind näm­lich in der Eu­len-Klas­se.“

7.14 Uhr: Wäh­rend Va­ter In­go­mar im Ober­ge­schoss noch die acht­jäh­ri­ge Dia­na, die das drit­te Grund­schul­jahr be­sucht, weckt, tau­meln die sechs­jäh­ri­gen Dril­lin­ge mau­lend und noch schlaf­trun­ken in ih­ren Py­ja­mas ins Bad. Auf dem Rand des Wasch­be­ckens ste­hen sechs elek­tri­sche Zahn­bürs­ten auf- ge­reiht. Schon er­füllt gleich­mä­ßi­ges Sur­ren das Ba­de­zim­mer. Mut­ter hilft bei der Mor­gen­wä­sche, dann geht‘s zu­rück ins Kin­der­zim­mer. Es folgt das An­klei­den. Al­le drei be­kom­men gleich­ar­ti­ge Kleid­chen ver­passt, heu­te sind sie aus ro­ter Baum­wol­le; bei der Far­be der Strumpf­ho­se be­rück­sich­tigt die Mut­ter per­sön­li­che Vor­lie­ben. Dann steht die Kern­fra­ge des Ta­ges zur Ent­schei­dung an: Haa­re flech­ten oder nach dem Bürs­ten of­fen las­sen? Kur­ze De­bat­te, dann die Ab­stim­mung. Zwei sind fürs Fest­ste­cken, ei­ne will das mit­tel­blon­de Haar of­fen tra­gen, Alex­an­dra beugt sich schmol­lend der Mehr­heits­ent­schei­dung. Ka­ri­na bringt Schleif­chen – pas­send und für die Iden­ti­fi­zie­rung hilf­reich in weiß, rot und pink – und Haar­span­gen in An­schlag. „Das ma­chen wir für die Leu­te drau­ßen, für Leh­re­rin­nen und Mit­schü­ler, die die drei sonst nicht aus­ein­an­der­hal­ten kön­nen“, be­grün­det die Mut­ter die­se Ge­wohn­heit. „Ich er­ken­ne im­mer, wer wer ist“, ver­si­chert sie, „an De­tails der Ge­sichts­zü­ge und na­tür­lich an Un­ter­schie­den im We­sen.“Va­ter In­go­mar er­gänzt: „Ich kann je­de auch an der Stim­me er­ken­nen.“

7.36 Uhr: Ab in die Kü­che. Nun wird es eng hier, vier Mäd­chen neh­men auf der Eck­bank Platz am Früh­stücks­tisch. Der Duft fri­schen To­ast­brots durch­zieht den Raum. Die Kin­der un­ter­bre­chen ih­ren Re­de­schwall, klei­ne Ne­cke­rei­en und Rem­pe­lei­en hö­ren vor­über­ge­hend auf. Al­le be­kom­men ein Fläsch­chen Trink­jo­ghurt, löf­feln ih­re Corn­flakes in Milch, ver­zeh­ren ei­nen Drei­ecks-To­ast, hauch­zart mit Kon­fi­tü­re be­stri­chen. Aria­na isst die Gur­ken­schei­ben oh­ne Salz, die an­de­ren neh­men ei­ne klei­ne Pri­se. Dia­na wählt ein Brot mit Schin­ken­wurst, sie wird als Ers­te fer­tig mit dem Früh­stück, eilt zum Si­de­board und holt ei­nen Spie­le­kar­ton her­aus. „Spitz pass auf“, das gibt‘s tat­säch­lich noch. Alex­an­dra und An­to­nia kom­men hin­zu, dann spie­len sie

„Ich ko­che meis­tens den Kaf­fee und ma­che das Früh­stück für mei­ne

Frau“ „Ich er­ken­ne im­mer, wer wer ist. An De­tails der Ge­sichts­zü­ge und Un­ter­schie­den im We­sen“

Mut­ter Ka­ri­na Pol­ley ei­ne Run­de mit Pa­pa.

7.55 Uhr: Im Haus­flur ste­hen be­reits die ge­pack­ten Schul­tor­nis­ter be­reit. Ka­ri­na hilft den Dril­lin­gen in die bun­ten Ja­cken und beim Schuhe­an­zie­hen, Dia­na hin­ge­gen braucht kei­ne Hil­fe. Der Va­ter drängt: „Ab­marsch, wir dür­fen nicht zu spät kom­men.“Er sperrt die Haus­tür auf, und jetzt ha­ben es al­le plötz­lich sehr ei­lig. Am Tor stoppt In­go­mar Pol­ley die vier Ran­gen, die ei­nen Wett­streit ver­an­stal­ten, wer zu­erst am Au­to ist.

8.02 Uhr: Der Mo­tor springt an, Ka­ri­na winkt den Ab­fah­ren­den nach, at­met tief durch, tritt ins Haus zu­rück und füllt die Was­ser­näp­fe für die Hun­de En­zo (5) und Ar­tus (4). Kur­ze Ver­schnauf­pau­se. Aber der Mor­gen ist noch nicht ge­schafft. Jetzt geht sie die bei­den Jün­ge­ren, Au­re­lia (5) und Ju­li­us (3), we­cken. Die Ki­ta-Ge­schwis­ter bringt sie ge­gen 9 Uhr, auch mit dem Au­to, zum Kin­der­gar­ten. Ab­ho­len muss sie spä­ter üb­ri­gens al­le sechs Kin­der. „Wenn In­go es mit­tags schafft, über­nimmt er ei­ne Ab­hol­fuh­re“, trös­tet sich Ka­ri­na.

8.31 Uhr: Kurz nach­dem der Fa­mi­li­en­va­ter mit dem lee­ren Van zu­rück ist und sich am Früh­stücks­tisch nie­der­lässt, ha­ben schon die ers­ten Pa­ti­en­ten im War­te­zim­mer der Na­tur­heil­pra­xis Platz ge­nom­men. Die be­fin­det sich gleich ne­ben­an. „We­nigs­tens ha­be ich kei­nen wei­ten Weg zum Ar­beits­platz“, sagt In­go­mar Pol­ley kau­end und trinkt sei­nen Be­cher grü­nen Tee aus. Die Ar­beit ruft.

Auf­bruch: Dia­na (8) so­wie Alex­an­dra, An­to­nia und Aria­na (6) müs­sen zur Grund­schu­le. Mut­ter Ka­ri­na hilft den Dril­lin­gen in die bun­ten Ja­cken und beim Schuhe­an­zie­hen, Dia­na hin­ge­gen braucht kei­ne Hil­fe.

Al­le ha­ben die Tor­nis­ter auf, jetzt geht’s los. Pa­pa bringt das Quar­tett zur An­na-Schu­le. Spä­ter wird Ma­ma die klei­ne­ren Kin­der zur Kin­der­ta­ges­stät­te fah­ren.

Vor dem Früh­stück ha­ben die Dril­lin­ge über ih­re Fri­sur dis­ku­tiert. Die Mehr­heit ent­schied sich für Zöp­fe. Die wur­den in un­ter­schied­li­chen Far­ben zu­sam­men­ge­bun­den, da­mit Mit­schü­ler und Leh­re­rin­nen die drei Mäd­chen un­ter­schei­den kön­nen.

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