Der Be­ginn ei­ner neu ent­deck­ten Freund­schaft

Rheinische Post Moenchengladbach - - WEITSICHT - VON THO­MAS SEI­BERT

ISTANBUL Nach jah­re­lan­ger Eis­zeit ge­hen Tür­kei und Is­ra­el wie­der auf­ein­an­der zu. In Ge­sprä­chen hoch­ran­gi­ger Ver­tre­ter ar­bei­ten bei­de Sei­ten an ei­ner Über­win­dung der seit mehr als fünf Jah­ren dau­ern­den Kri­se in den Be­zie­hun­gen. In der Tür­kei gibt Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan – bis­her der obers­te Scharf­ma­cher in Sa­chen Is­ra­el – mit ver­söhn­li­chen Wor­ten den Ton an. Der plötz­li­che Kurs­wech­sel An­ka­ras hat vor al­lem mit dem Sy­ri­en-Kon­flikt und mit der tür­kisch-rus­si­schen Kri­se zu tun: Die Tür­kei braucht al­le Part­ner, die sie fin­den kann.

In den 1990er Jah­ren wa­ren die Tür­kei und Is­ra­el en­ge Ver­bün­de­te und ver­stan­den sich als Vor­pos­ten des Wes­tens im un­ge­müt­li­chen Na­hen Os­ten. Die selbst­be­wuss­te­re und pro-pa­läs­ti­nen­si­sche Au­ßen­po­li­tik der Tür­kei un­ter Er­do­gan und das ri­go­ro­se Vor­ge­hen Is­ra­els ge­gen die Pa­läs­ti­nen­ser brach­ten die­se Freund­schaft ins Wan­ken. Der Bruch kam im Jahr 2010, als is­rae­li­sche Sol­da­ten neun tür­ki­sche Ak­ti­vis­ten an Bord des Schif­fes „Ma­vi Mar­ma­ra“tö­te­ten, das Hilfs­gü­ter in den ab­ge­rie­gel­ten Ga­za-Strei­fen brin­gen soll­te.

Auf Druck der USA ent­schul­dig­te sich Is­ra­el bei der Tür­kei zwar für den blu­ti­gen Mi­li­tär­ein­satz, doch tür­ki­sche For­de­run­gen nach Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen und ei­nem En­de der Ga­za-Blo­cka­de so­wie ein tür­ki­scher Straf­pro­zess ge­gen is­rae­li­sche Mi­li­tärs ver­hin­der­ten bis­her ei­ne Aus­söh­nung. Mit­te De­zem­ber über­rasch­te Er­do­gan je­doch mit der Be­mer­kung, die gan­ze Re­gi­on kön­ne von ei­ner Wie­der­an­nä­he­rung zwi­schen der Tür­kei und Is­ra­el pro­fi­tie­ren. Die is­rae­li­sche Re­gie­rung ant­wor­te­te, auch sie sei an ei­ner Nor­ma­li­sie­rung in­ter­es­siert. An­ka­ra be­stä­tig­te, bei­de Staa­ten ver­han­del­ten über ei­ne Be­en­di­gung der Kri­se, wenn die Tür­kei auch is­rae­li­sche Me­dien­be­rich­te de­men­tier­te, wo­nach es be­reits ei­ne Ei­ni­gung gibt. In den Meldungen ist von is­rae­li­schen Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen von 20 Mil­lio­nen Dol­lar die Re­de. Zu­dem wol­le Er­do­gan den lau­fen­den Straf­pro­zess ge­gen Is­ra­el we­gen der „Ma­vi Mar­ma­ra“-Ak­ti­on be­en­den und die Un­ter­stüt­zung für die ra­di­ka­le Pa­läs­ti­nen­ser-Grup­pe Ha­mas her­un­ter­fah­ren. Un­ter an­de­rem soll dem­nach ein rang­ho­her Ha­mas-Ver­tre­ter aus der Tür­kei aus­ge­wie­sen wer­den. An­schlie­ßend sei der er­neu­te Aus­tausch von Bot­schaf­tern ge­plant.

Der po­li­ti­sche Kli­ma­wan­del be­ruht vor al­lem auf der tür­kisch-rus­si­schen Kri­se we­gen des Ab­schus­ses ei­nes rus­si­schen Kampf­jets durch die Tür­kei am 24. No­vem­ber. Seit­her geht in An­ka­ra die Be­fürch­tung um, Mos­kau könn­te den Gas­hahn zu­dre­hen. Des­halb be­müht man sich ei­lig um Al­ter­na­ti­ven, et­wa in Aser­bai­dschan und Ka­tar. Auch Is­ra­el, vor des­sen Küs­te gro­ße Erd­gas­vor­kom­men ent­deckt wur­den, kommt als Lie­fe­rant in­fra­ge. Es geht der Tür­kei aber nicht nur um ei­ne si­che­re Ener­gie­ver­sor­gung. Der Sy­ri­enKon­flikt und zu­letzt der Streit mit Russ­land ha­ben das Land in ei­ne schwie­ri­ge La­ge ge­bracht. An­ka­ra ist ein Erz­feind des sy­ri­schen Prä­si­den­ten Ba­schar al As­sad, und die tür­ki­schen Be­zie­hun­gen zum Irak und zum Iran so­wie zu Ägyp­ten sind eben­falls pro­blem­be­la­den.

FOTO: DPA

Ein Pla­kat in An­ka­ra zeigt 2013 die Re­gie­rungs­chefs Ne­tan­ja­hu (l.) und Er­do­gan. Der Text lau­tet: „Lie­ber Mi­nis­ter­prä­si­dent, wir dan­ken Ih­nen, dass Sie un­ser Land die­sen Stolz emp­fin­den las­sen. Die Groß­stadt­ge­mein­de An­ka­ra. Is­ra­el hat sich bei der Tür­kei ent­schul­digt...“.

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