Was bei Zwei­feln am Stu­di­um zu tun ist

Vie­le Stu­den­ten bre­chen ihr Stu­di­um ab. Ob auf­grund ent­täusch­ter Er­war­tun­gen in­halt­li­cher Art oder aus per­sön­li­chen Grün­den – be­ste­hen Zwei­fel, soll­te ge­han­delt wer­den. Die Uni Köln hat da­zu ei­ne In­fo­ver­an­stal­tung or­ga­ni­siert.

Rheinische Post Moenchengladbach - - HOCHSCHULE - VON SAS­KIA NO­T­HO­FER *Na­men von der Re­dak­ti­on ge­än­dert

KÖLN Nach fünf Se­mes­tern Rechts­wis­sen­schaf­ten an der Uni Köln hat die 22-jäh­ri­ge Mi­ri­am Kel­ler* kei­ne Lust mehr. „Das Stu­di­um bringt mir nichts. Die Be­treu­ung ist schlecht, es gibt we­nig Feed­back – das Kon­zept mei­nes Stu­di­en­gangs stimmt ein­fach nicht“, sagt sie. Sie will nun ent­we­der Psy­cho­lo­gie stu­die­ren oder ei­ne Aus­bil­dung zur Lo­go­pä­din ma­chen. Auch Ka­dir­can Gü­ney ist un­zu­frie­den mit sei­nem Stu­di­um. „Mich stört die An­ony­mi­tät in der Uni.“Es feh­le der Kon­takt zu den Do­zen­ten. Ge­ra­de wenn man frisch aus der Schu­le kom­me und noch ori­en­tie­rungs­los sei, wä­re ein per­sön­li­che­res Ver­hält­nis zu den Leh­ren­den hilf­reich. „Ich füh­le mich hier wie ein Mas­sen­pro­dukt“, sagt der 19-Jäh­ri­ge. Er plant nun, an ei­ner Fach­hoch­schu­le zu stu­die­ren.

Die bei­den jun­gen Leu­te sind nicht al­lein mit ih­rer Ent­schei­dung. 30 Pro­zent al­ler Stu­den­ten in Deutsch­land ha­ben im ver­gan­ge­nen Jahr ihr Stu­di­um ab­ge­bro­chen, teilt die Zen­tra­le Stu­di­en­be­ra­tung der Uni­ver­si­tät zu Köln an­läss­lich der Ver­an­stal­tung „Zwei­fel am Stu­di­um“mit. „Die Grün­de da­für sind viel­schich­tig“, sagt Ste­fan Her­zig, Pro­rek­tor für Leh­re und Stu­di­um. So kön­nen fal­sche Er­war­tun­gen in­halt­li­cher Art, ein zu ho­her Leis­tungs­druck oder per­sön­li­che An­ge­le­gen­hei­ten, wie zu we­nig Geld oder Krank­heit ei­ner Person selbst oder in der Fa­mi­lie, ei­ne Rol­le spie­len.

Doch egal, was ei­nen Stu­di­en­ab­bruch ver­ur­sacht, wich­tig ist, sich ein­zu­ge­ste­hen, dass et­was nicht stimmt, dass et­was ver­än­dert wer­den muss. „Man soll­te ei­ne sol­che Ent­schei­dung nicht vor sich her­schie­ben“, sagt Pe­ter Pio­let von der Zen­tra­len Stu­di­en­be­ra­tung. „Je län­ger man war­tet, des­to schlim­mer wird es.“Wer am Stu­di­um zwei­felt, sol­le al­so et­was un­ter­neh­men.

„Man muss das Stu­di­um nicht di­rekt ab­bre­chen“, rät Pio­lot. Ei­ne al­ter­na­ti­ve Op­ti­on ist, wei­ter­zu­stu­die­ren – je­doch an­ders als zu­vor, näm­lich ef­fi­zi­en­ter und ziel­ori­en­tier­ter. Da­für kann es zu­nächst hilf­reich sein, Hemm­nis­se, wie et­wa ei­ne wei­te An­rei­se zur Uni­ver­si­tät oder ei­nen zu zeit­in­ten­si­ven Ne­ben­job, zu be­sei­ti­gen. Auch ver­schie­de­ne Lern­tech­ni­ken und ein be­wuss­tes Zeit­ma­nage­ment hel­fen da­bei, bes­ser mit dem Lern­pen­sum vor­an­zu­kom­men.

Läuft der Stu­di­en­gang nicht auf ein be­stimm­tes Be­rufs­bild hin­aus und fragt der Stu­dent sich da­her, was er ei­gent­lich mal da­mit an­fan­gen soll, kann es hel­fen, sich kon­kre­te Vor­stel­lun­gen von ei­nem mög­li­chen Be­ruf zu ma­chen. „Es kann star­ke Mo­ti­va­ti­ons­schü­be aus­lö­sen, wenn man sich ein kla­res Ziel setzt“, sagt Pio­lot. Ge­lingt es ei­nem Stu­den­ten aber nicht, die Mo­ti­va­ti­on zu stei­gern und gibt es kein Be­rufs­ziel, das die Zwei­fel am Stu­di­um kom­pen­siert, ist ein Fach­wech­sel sinn­voll. Hier gibt es ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten. So muss die Fach­rich­tung nicht kom­plett ge­än­dert, son­dern sie kann auch nur kor­ri­giert wer­den – wie et­wa ein Wech­sel von Me­di­zin zu Zahn­me­di­zin.

Oder aber es steht ein ra­di­ka­ler Fach­wech­sel an. Da­bei kann gleich­zei­tig auch an ei­ne an­de­re Art von Hoch­schu­le ge­wech­selt wer­den. Fach­hoch­schu­len et­wa bie­ten im Ge­gen­satz zu klas­si­schen Uni­ver­si­tä­ten ei­nen stär­ke­ren Pra­xis­be­zug. Auch pri­va­te Hoch­schu­len sind meist pra­xis­nä­her und bie­ten zu­dem oft spe­zi­fi­sche­re Stu­di­en­gän­ge an. Hier sind aber die ho­hen Kos­ten zu be­ach­ten.

Doch aus wel­chen Stu­di­en­gän­gen kom­men die meis­ten Ab­bre­cher? „Zum ei­nen sind das die har­ten Na­tur­wis­sen­schaf­ten wie Phy­sik, In­ge­nieur­wis­sen­schaf­ten oder In­for­ma­tik“, sagt Pio­lot. „Oder aber die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, die den meis­ten Stu­den­ten vor al­lem man­gels Be­rufs­per­spek­ti­ven Sor­ge be­rei­ten.“In bei­den Fäl­len lie­ge die Ab­bre­cher­quo­te bei et­wa 50 Pro­zent. Bei Stu­den­ten der Me­di­zin da­ge­gen bei le­dig­lich rund neun Pro­zent.

Bei Ba­dr Lah­mik aus Köln gab es ein an­de­res Pro­blem: „Ich woll­te Ju­ra stu­die­ren, aber für die Uni Köln hat mein NC nicht ge­reicht“, er­zählt er. Da­her hat er sich ent­schie­den, zu­nächst ein Bio­lo­gie­stu­di­um zu be­gin­nen. „Das Fach ge­fällt mir aber nicht, da­her wer­de ich zum nächs­ten Se­mes­ter wie­der ver­su­chen, in Ju­ra rein­zu­kom­men“, sagt der 19-Jäh­ri­ge. Ob sein Nu­me­rus Clau­sus dann aus­reicht, ist noch un­klar. Ein Stadt­wech­sel kommt für Ba­dr Lah­mik aber kaum in­fra­ge. „Even­tu­ell wür­de ich noch nach Bonn ge­hen, wei­ter weg aber nicht.“

Ist al­ler­dings we­der der Wech­sel in ei­ne ver­wand­te Fach­rich­tung noch in ein ganz an­de­res Fach oder an ei­ne an­de­re Hoch­schu­le ei­ne Op­ti­on, bleibt nur noch der Aus­stieg. „Wer sich an die­sem Punkt be­fin­det, soll­te über sei­ne be­ruf­li­chen Zie­le nach­den­ken und sich dann über al­ter­na­ti­ve Bil­dungs­we­ge in­fo­mie­ren“, rät Pro­rek­tor Her­zig.

Die 22-jäh­ri­ge Clau­dia Stroh* hat dies schon ge­tan. Trotz ei­nes Abitur­durch­schnitts von 1,4 hat sie kei­nen Stu­di­en­platz in Psy­cho­lo­gie be­kom­men. Ihr Aus­weich­fach So­zi­al­wis­sen­schaf­ten liegt ihr je­doch gar nicht. „Der Fo­kus im Stu­di­um liegt zu sehr auf ge­sell­schaft­li­chen Aspek­ten. Lie­ber möch­te ich mich mit dem In­di­vi­du­um aus­ein­an­der­set­zen“, sagt sie. Der Ab­bruch des Stu­di­ums ist für Clau­dia Stroh un­um­gäng­lich. Sie kann sich vor­stel­len, sich nun selbst­stän­dig zu ma­chen.

Vor al­lem Stu­den­ten der Na­tur- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten bre­chen ihr Stu­di­um vor­zei­tig ab,

Me­di­zi­ner sel­ten. Wenn auch der Wech­sel in ei­ne ähn­li­che Fach

rich­tung nicht hilft, bleibt nur die be­ruf­li­che

Neu­ori­en­tie­rung

FOTO: IMAGO

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