Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Noch nicht“, sag­te ich. „Ich woll­te ei­gent­lich noch gar nicht auf­ste­hen, ich bin nur raus­ge­kom­men, um nach mei­ner Ta­sche zu su­chen, so ei­ne schma­le, lan­ge, wei­ße Un­ter­arm­ta­sche, hast du sie viel­leicht ir­gend­wo ge­se­hen? Ich brau­che sie drin­gend.“

„Das hast du mich vor­hin schon mal ge­fragt, und ich ha­be dir be­reits ge­sagt, dass ich sie nir­gends ge­se­hen ha­be.“

„Tut mit leid“, sag­te ich. „Mein Ge­dächt­nis ist völ­lig hin­über.“

„Werd erst mal so alt wie ich, ehe du über dein Ge­dächt­nis klagst“, sag­te Gran­ny, und da­für ließ ich sie wie­der in mein Herz, für die­se Of­fen­heit und die­ses Ver­ständ­nis, und auch in mein Ver­trau­en. War­um auch nicht, schließ­lich ist sie un­se­re Groß­mut­ter, Ja­nes Mut­ter, sie hat ein Recht dar­auf zu wis­sen, wie es steht. Al­les ei­ne Fa­mi­lie.

„Du woll­test wis­sen, wor­über wir uns ges­tern Abend un­ter­hal­ten ha­ben“, sag­te ich.

„Es klang so, als wür­det ihr euch präch­tig amü­sie­ren“, sag­te Gran, und ich muss­te war­ten, bis sie fer­tig war, was dau­er­te. „Erst ha­be ich dei­ne Stim­me ge­hört, du hast ir­gend­was ge­sagt, was ich nicht ver­stan­den ha­be, dann ha­be ich Ju­dy herz­lich la­chen hö­ren, so wie im­mer, wenn du et­was sagst –“

„Wo­her willst du denn wis­sen, dass nicht sie ge­re­det hat und ich ge­lacht ha­be?“

„Du lachst an­ders“, sag­te Gran­ny. „Ju­dys La­chen wür­de ich im­mer und übe­r­all er­ken­nen. Ich lag im Bett und muss­te selbst la­chen, ein­fach nur weil ich sie ha­be la­chen hö­ren. Und dann ha­be ich ge­hört, wie ihr raus­ge­gan­gen und erst nach ei­ner gan­zen Wei­le wie­der rein­ge­kom­men seid.“

„Wir sind zum Au­to ge­gan­gen, um nach mei­ner Ta­sche zu su­chen“, sag­te ich.

„Ich hat­te den Ein­druck, dass ihr auch ein paar­mal in der Kü­che wart“, sag­te Gran.

„Ja“, be­stä­tig­te ich. „Um Eis zu ho­len. Es war so heiß ges­tern Abend. In Ber­ke­ley war es in letz­ter Zeit re­la­tiv kühl. Ich hat­te schon fast ver­ges­sen, wie es zu Hau­se sein kann. Nicht nur die Hit­ze, al­les. Wir ha­ben uns bis nach Mit­ter­nacht mit Pa­pa un­ter­hal­ten.“

„Über die Hoch­zeit?“, frag­te Gran­ny, und ich er­wi­der­te, um die Hoch­zeit sei es höchs­tens am Ran­de ge­gan­gen, aus ir­gend­ei­nem Grun­de hät­ten wir über mei­ne Ex­amens­ar­beit ge­spro­chen, und Pa­pa ha­be ei­ne Par­al­le­le zwi­schen Exis­ten­tia­lis­mus und klas­si­schem Skep­ti­zis­mus ge­zo­gen.

„Das möch­te ich ver­wen­den. Es könn­te das Gan­ze ret­ten.“

Ich war froh, dass mir die Un­ter­hal­tung mit Pa­pa wie­der ein­ge­fal­len war. Es ist durch­aus mög­lich, dass ich mich doch noch für mei­ne Ex­amens­ar­beit zu in­ter­es­sie­ren be­gin­ne und et­was dar­in sa­ge, das sa­gens­wert ist – ein biss­chen was er­hel­le, ein paar of­fe­ne phi­lo­so­phi­sche Fra­gen klä­re.

Rich­tig gut fühl­te ich mich nicht, das konn­te man nicht sa­gen, aber im­mer­hin ging es mir bei dem Ge­dan­ken an Ar­beit, an Ide­en und Un­ter­stüt­zung doch deut­lich bes­ser. Ich tät­schel­te mei­ner Groß­mut­ter den Arm.

„Gran­ny“, sag­te ich, „wir ha­ben – nach dem Ge­spräch mit Pa­pa – über vie­les ge­re­det, haupt­säch­lich über uns und dar­über, wie schlimm das letz­te Jahr war, als ich in Ber­ke­ley war und Ju­dy in New York.“

Ich blick­te auf und sah, dass Mrs. Ab­bott den Mund öff­ne­te, um et­was zu sa­gen, ver­mut­lich et­was, was in ih­ren Au­gen äu­ßerst be­deut­sam war, in mei­nen hin­ge­gen voll­kom­men ir­re­le­vant, al­so kam ich ihr rasch zu­vor.

„Weißt du, du hast recht mit uns – mit dem, was du im­mer über uns ge­dacht hast, dass wir nicht mit al­ler Macht ver­su­chen soll­ten, ge­trenn­te We­ge zu ge­hen; wir ha­ben das jetzt be­grif­fen – es ist un­mög­lich. Wir kön­nen es nicht.“

Ich hielt den Blick ei­ne gan­ze Wei­le ge­senkt. Sie soll­te das erst mal in sich auf­neh­men, es wir­ken las­sen, und mich dann ein­ge­hend be­fra­gen, die Ant­wor­ten hö­ren, ei­ne Er­klä­rung ab­ge­ben, ei­ne Er­wi­de­rung er­hal­ten.

Sie sah mich an, kam ganz nah her­an und wand­te den Blick da­bei nicht von mir ab, als woll­te sie in mei­nen Kopf hin­ein­schau­en.

„Ich woll­te es dir zual­ler­erst sa­gen, vor Pa­pa oder sonst je­man­dem“, sag­te ich, „denn du warst im­mer so ver­ständ­nis­voll, und wenn du das Sa­gen ge­habt hät­test, wä­re vie­les an­ders ge­lau­fen.“

Sie blin­zel­te und warf mir ei­nen ko­mi­schen Blick zu, ei­nen Blick der An­teil­nah­me und Über­ein­stim­mung, wie mir schien, al­ler­dings war ich mir da nicht si­cher.

„Denk an die Ak­kor­de­ons, die wir letzt­lich nie be­kom­men ha­ben“, sag­te ich. „Statt­des­sen muss­te Ju­dith Kla­vier ler­nen, und ich ha­be die­se däm­li­che Flö­te ge­kriegt.“

„Was ist ei­gent­lich aus dei­ner Flö­te ge­wor­den, Schatz?“, frag­te Gran.

Was ist ei­gent­lich aus mir ge­wor­den, dach­te ich, aber ich hat­te jetzt et­was in Gang ge­setzt und wuss­te, dass ich dran­blei­ben soll­te.

„Ich will bloß sa­gen, dass ich jetzt ver­ste­he, was du woll­test und wie du das al­les ge­se­hen hast – dass wir uns selbst treu sein und zu­sam­men­blei- ben und das Pro­blem stolz und ernst an­neh­men soll­ten, an­statt uns sei­ner zu schä­men oder uns da­vor zu drü­cken.“

Ich hol­te tief Luft, schau­te in mei­ne Tee­tas­se und schloss: „Al­so, wir ha­ben es ak­zep­tiert. Wir ha­ben uns ges­tern Abend ent­schie­den. Wir blei­ben zu­sam­men.“

Es war stark. Ich hat­te al­les ge­ge­ben, be­son­ders wenn man mei­nen Zu­stand be­denkt, aber ir­gend­wie drang es nicht zu ihr durch. Schon nach et­wa der Hälf­te mei­ner Re­de hör­te Gran­ny auf, mich so in­ten­siv zu be­trach­ten, und als ich bei Stolz und Ernst an­ge­langt war, merk­te ich, dass sie nicht mehr rich­tig zu­hör­te. Sie schau­te über mich hin­weg, ein klei­nes Lä­cheln auf den Lip­pen, ein flat­te­ri­ges klei­nes Will­kom­mens­lä­cheln, sehr zart und lie­bens­wür­dig. Ich hat­te sie ver­lo­ren – nach die­sem Kraft­akt. Nach all der Mü­he.

„Ge­ra­de spra­chen wir da­von, dass du heu­te hof­fent­lich rich­tig aus­schläfst, Ju­dy, dir ei­nen aus­gie­bi­gen Schön­heits­schlaf gönnst, be­vor dein Prinz wie­der­kommt. Stimmt’s, Cas­sie?“Ich dreh­te mich auf mei­nem Bar­ho­cker um und sah Ju­dy die zwei Stu­fen vom un­te­ren Wohn­zim­mer her­auf­kom­men. Ihr Haar war ge­kämmt, und sie trug wei­ße Lei­nens­horts und ei­ne blaue Seer­su­cker­blu­se, al­les schön frisch und sau­ber. Sie nahm die Stu­fen mit fe­dern­dem Schritt.

„Ja“, sag­te ich. „Ge­nau dar­über ha­ben wir ge­re­det, über Prin­zen und Schön­heit und lau­ter sol­ches Zeug. Dar­über tau­schen wir uns hier schon die gan­ze Zeit aus. Wor­auf du dich ver­las­sen kannst.“

(Fort­set­zung folgt)

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