Don­na Le­ons töd­li­cher Ro­sen­ka­va­lier

Ve­ne­digs Kult­au­to­rin ent­führt ih­ren Com­mis­sa­rio Bru­n­et­ti in „End­lich mein“mal wie­der in die Oper.

Rheinische Post Moenchengladbach - - BLICKPUNKT KULTUR - VON FRANK DIETSCHREIT

Die Rück­kehr von Ge­sangs-Di­va Fla­via Pet­rel­li nach Ve­ne­dig gleicht ei­nem Tri­umph. Das Opern­haus La Fe­nice: je­den Abend aus­ver­kauft. Tat­säch­lich scheint Fla­via die Ti­tel­rol­le der „To­s­ca“auf den Leib ge­schnei­dert, und wenn sie beim dra­ma­ti­schen Fi­na­le sich über ih­re Wi­der­sa­cher er­hebt und selbst­be­wusst in den Tod flieht, sind ihr ste­hen­de Ova­tio­nen ge­wiss.

Doch in die Freu­de über die Lie­be der Opern­fans mi­schen sich neu­er­dings Ner­vo­si­tät und Angst. Ei­gent­lich hat sie ge­lernt, mit Ruhm und Rum­mel um­zu­ge­hen und auch noch zu lä­cheln und Au­to­gram­me zu schrei­ben, wenn sie tod­mü­de ist. Aber seit es je­den Abend beim Schluss­ap­plaus gel­be Ro­sen reg­net und ein un­be­kann­ter Ver­eh­rer ih­re Gar­de­ro­be in ein Blu­men­meer ver­wan­delt, ist ihr doch et­was mul­mig zu­mu­te. Wer ist die­ser Ro­sen­ka­va­lier, war­um gibt er sich nicht zu er­ken­nen?

Schon zwei­mal – im „Ve­ne­zia­ni­schen Fi­na­le“und in „Ac­qua Al­ta“– hat Com­mis­sa­rio Bru­n­et­ti das Ver­gnü­gen ge­habt, sich um Fla­via Pet­rel­li zu küm­mern und Scha­den von ihr ab­zu­wen­den. Das ist lan­ge her, aber un­ver­ges­sen: Vor al­lem nicht von der Opern-Ken­ne­rin und Schrift­stel­le­rin Don­na Le­on, die ver­schie­de­ne Ba­rock-En­sem­bles fi­nan­zi­ell un­ter­stützt, als Hän­delSpe­zia­lis­tin ei­nen gu­ten Ruf ge­nießt und sich welt­weit auf dem Opern-Par­kett tum­melt. Wenn sie für ih­ren nun­mehr 24. Bru­n­et­ti-Krimi die lan­ge ver­miss­te Opern-Di­va re­ak­ti­viert und zu ei­nem Gast­spiel

nach Ve­ne­dig ein­lädt, gibt es mi­t­hin nicht nur Wie­der­se­hens­freu­de und opu­len­te Opern­fes­te, son­dern auch ei­nen Kri­mi­nal­fall. Denn was so harm­los mit gel­ben Ro­sen be­ginnt, da ist sich Bru­n­et­ti gleich beim ers­ten Tref­fen mit der an­ge­spannt wir­ken­den Fla­via ziem­lich si­cher, könn­te blu­tig en­den. Wer­den die Lie­bes-Be­kun­dun­gen des Stal­kers nicht er­wi­dert, könn­ten sie schnell in Hass um­schla­gen und könn­te aus dem un­be­kann­ten auch ein töd­li­cher Ro­sen­ka­va­lier wer­den. Oder ist der psy­cho­ti­sche Fan, der an­onym im Dun­keln agiert und be­ginnt, Fla­vi­as Be­kann­te als un­er­wünsch­te Ne­ben­buh­ler zu be­trach­ten und zu at­ta­ckie­ren, gar ei­ne Frau?

Nach dem ei­nen oder an­de­ren eher lang­wei­li­gen Bru­n­et­ti-Ro­man ist die seit vie­len Jah­ren in Ve­ne­dig le­ben­de US-Au­to­rin Don­na Le­on dies­mal wie­der in Hoch­form. Man spürt auf je­der Buch­sei­te, welch Spaß es ihr be­rei­tet, über Schön­heit und Ab­grün­de der Opern­welt zu phi­lo­so­phie­ren.

Und wie trau­rig es sie macht, dass Ve­ne­dig zur bun­ten Ku­lis­se für un­auf­hör­li­che Tou­ris­ten­strö­me ge­wor­den ist: Wo einst klei­ne Lä­den und Bars ih­ren mor­bi­den Charme hat­ten, ha­ben sich längst bil­li­ge Ramsch­lä­den breit­ge­macht. Fla­via Pet­rel­li er­kennt ihr ge­lieb­tes Ve­ne­dig kaum wie­der.

Der sym­pa­thi­sche Me­lan­cho­li­ker Gui­do Bru­n­et­ti und sei­ne wie im­mer kul­ti­vier­te und be­le­se­ne Gat­tin Pao­la schüt­teln nur noch an­ge­wi­dert den Kopf und ver­schan­zen sich bei ei­nem Glas Wein und ei­nem klu­gen Ge­spräch über Mu­sik und Li­te­ra­tur auf ih­rer Dach­ter­ras­se. Doch dann muss Bru­n­et­ti wie­der rein ins rea­le Le­ben. Denn die Lis­te der Op­fer wird im­mer län­ger.

Es ist nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis auch Fla­via zu To­de ge­liebt wird. Bru­n­et­ti, von ei­ni­gen po­li­zei­in­ter­nen In­tri­gen kurz­zei­tig ab­ge­lenkt, braucht jetzt viel Fein­ge­fühl und die Hil­fe sei­ner Com­pu­ter-Fach­frau Si­gno­ri­na Elet­t­ra. Dass es schließ­lich zu ei­nem äu­ßerst span­nen­den Show­down in der Oper von Ve­ne­dig und im Büh­nen­bild von „To­s­ca“kommt, hät­te man sich den­ken kön­nen. Don­na Le­on: End­lich mein.

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