Ja­vier Ma­rías’ kon­stru­iert ein Ge­spinst aus Lug und Trug

Rheinische Post Moenchengladbach - - BLICKPUNKT KULTUR -

(FD) War­um spre­chen wir so gern über Din­ge, die wir gar nicht wis­sen kön­nen? War­um wüh­len wir in Ge­rüch­ten und Lü­gen und prä­sen­tie­ren sie als ver­meint­li­che Wahr­hei­ten? Mit sol­chen Fra­gen zur Psy­cho­lo­gie des po­li­ti­schen und phi­lo­so­phi­schen Er­kennt­nis­in­ter­es­ses be­schäf­tigt sich Ja­vier Ma­rías in sei­nem neu­en Ro­man „So fängt das Schlim­me an“. Schon der Ti­tel des Bu­ches spielt auf Sha­ke­speare an, der ein­mal sag­te: „Thus bad be­gins ans worse re­mains be­hind“. Das Spiel mit Sha­ke­speare ist beim spa­ni­schen Au­tor nichts Neu­es. Dies­mal grinst er so­gar da­bei und gibt sei­nem Ich-Er­zäh­ler ei­nen an­spie­lungs­rei­chen Na­men: Denn Juan trägt den Nach­na­men de Ve­re – ist al­so ein Nach­fah­re von Ed­ward de Ve­re, Earl of Ox­ford, Aben­teu­rer, Du­el­lant und Dich­ter, den man­che für den wah­ren Sha­ke­speare hal­ten.

Wir schrei­ben das Jahr 1980, vor we­ni­gen Jah­ren ist Ge­ne­ral Fran­co ge­stor­ben und die kle­ri­kal-fa­schis­ti­sche Dik­ta­tur sang- und klang­los ver­schwun­den. Um oh­ne Blut­ver­gie­ßen den Auf­bruch in die De­mo­kra­tie zu er­mög­li­chen, wird al­len Tä­tern ei­ne Am­nes­tie ge­währt. In die­sem Mi­lieu des Schwei­gens und Ver­drän­gens ge­dei­hen Ge­rüch­te, de­ren Wahr­heits­ge­halt nie­mand über­prü­fen kann. Hat Dok­tor Jor­ge van Vech­ten sei­ne Kar­rie­re und sei­nen Reich­tum wirk­lich nur der Tat­sa­che zu ver­dan­ken, dass er wil­li­ger Hel­fer der Fa­schis­ten war? Be­nutzt er sein Wis­sen über die Ge­heim­nis­se der Men­schen tat­säch­lich, um sie zu er­pres­sen und Frau­en se­xu­ell zu nö­ti­gen? Juan soll das im Auf­trag sei­nes Chefs her­aus­be­kom­men. Er wird zum Spi­on wi­der Wil­len: Ihm ist das Ge­schnüf­fel wi­der­lich, und pein­lich ist ihm auch, dass er sich auf ei­ne kur­ze Af­fä­re mit Haus­her­rin Bea­triz ein­lässt. Doch als er der Wahr­heit über den du­bio­sen Arzt und die Ehe­höl­le der Mu­ri­els na­he­kommt, ge­bie­tet man ihm zu schwei­gen. Er will das Schlim­me lie­ber nicht wis­sen, um das noch Schlim­me­re zu ban­nen. Dass die ver­wi­ckel­te Ge­schich­te nicht gut aus­ge­hen kann, ist klar. Doch wie Ma­rías auf ein fu­rio­ses Fi­na­le zu­steu­ert, ist ganz gro­ßes Er­zähl-Ki­no. Ja­vier Ma­rías: So fängt das Schlim­me an.

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