Schei­tert Ita­li­en, schei­tert Eu­ro­pa

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON MAR­TIN KESS­LER UND JU­LI­US MÜL­LER-MEI­NIN­GEN

ROM Die Ita­lie­ner ha­ben Glück, dass ei­ner der Ih­ren Prä­si­dent der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) ist. Wie kein an­de­rer setzt sich Ma­rio Draghi da­für ein, dass sein Hei­mat­land nicht un­ter die Rä­der kommt. Doch auch er ist mit sei­nem Ita­lie­nisch am En­de. Vor ei­ni­ger Zeit prä­sen­tier­te er ei­ner klei­nen Run­de von EU-Fi­nanz­mi­nis­tern in Brüs­sel ver­hee­ren­de Zah­len über Ita­li­ens Wirt­schafts­ver­fas­sung, die feh­len­de Pro­duk­ti­vi­tät, den über­bor­den­den Staats­sek­tor und die schlech­te Aus­bil­dung der Ar­beits­kräf­te. Die Eu­ro­pä­er, so sei­ne in­di­rek­te Schluss­fol­ge­rung, soll­ten sich schon mal Ge­dan­ken ma­chen, den kran­ken Mann vom ita­lie­ni­schen Stie­fel zu ret­ten. Sonst wür­de die Eu­ro­päi­sche Uni­on end­gül­tig zer­fal­len.

Ita­li­ens jun­ger Mi­nis­ter­prä­si­dent Mat­teo Ren­zi (41) von der links­li­be­ra­len De­mo­kra­ti­schen Par­tei weiß um den Zu­stand sei­nes Lan­des. Nach au­ßen gibt er sich im­mer bes­tens ge­launt. Bel­la fi­gu­ra, so nen­nen das die Ita­lie­ner: Was auch pas­siert, man muss ei­ne gu­te Fi­gur da­bei ma­chen. Doch so sehr Ren­zi al­le Kri­sen weg­lä­chelt, dies­mal könn­te es schlim­mer kom­men als je zu­vor in der ita­lie­ni­schen Nach­kriegs­ge­schich­te, in der das schlaue Volk von der Apen­nin-Halb­in­sel im­mer­hin schon 60 Re­gie­rungs­kri­sen über­stan­den hat. Am Sonn­tag stim­men die Ita­lie­ner über die Ver­fas­sungs­re­form der Re­gie­rung ab. Soll­ten sie mit Nein vo­tie­ren, und mehr als die Hälf­te al­ler Um­fra­gen er­war­ten das, könn­te Ren­zi zum Rück­tritt ge­zwun­gen sein.

Und es wä­re nicht nur das En­de des letz­ten de­mo­kra­ti­schen Hoff­nungs­trä­gers, son­dern auch der Auf­takt ei­ner er­neu­ten Fi­nanz- und Wirt­schafts­kri­se – wo­mög­lich mit kol­la­bie­ren­den Ban­ken, ei­nem dro­hen­den Aus­tritt aus dem Eu­ro und Schock­wel­len in ganz Eu­ro­pa. Gut mög­lich, dass der Eu­ro-Raum und die EU den Kol­laps der dritt­größ­ten Volks­wirt­schaft Eu­ro­pas nicht über­le­ben wür­den. Fast al­le wis­sen: Schei­tert Ren­zi, schei­tert Ita­li­en. Und schei­tert Ita­li­en, dann schei­tert auch Eu­ro­pa.

Es steht al­so viel auf dem Spiel beim Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dum am Sonn­tag. Ei­gent­lich ent­schei­den die Ita­lie­ner nur dar­über, ob das par­la­men­ta­ri­sche Sys­tem ver­ein­facht wer­den soll. Stimmt die Mehr­heit für die Re­form, wür­de künf­tig nur noch ei­ne der bei­den Par­la­ments­kam­mern in Rom für den Groß­teil der Ge­setz­ge­bung zu­stän­dig sein. Bis­lang pen­deln Ge­set­ze vor ih­rer end­gül­ti­gen Ver­ab­schie­dung teil­wei­se lan­ge zwi­schen den bei­den Kam­mern hin und her. Re­gie­run­gen bräuch­ten künf­tig nur noch die Be­stä­ti­gung des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses und nicht mehr auch die des Se­nats. Die Re­gio­nen müss­ten Kom­pe­ten­zen an Rom ab­ge­ben.

Ei­ne längst über­fäl­li­ge Re­form, möch­te man mei­nen. Aber Ren­zi hat mit sei­nen Macht­spiel­chen rund um die Re­form so vie­le ge­gen sich auf­ge­bracht, dass es jetzt ei­ne Ab­stim­mung über den sprung­haf­ten Mi­nis­ter­prä­si­den­ten selbst und sei­ne Re­for­men des Ar­beits­markts, der staat­li­chen Ver­wal­tung und des Fi­nanz­sek­tors wird. Schei­tert er, wird mit ihm die­se Re­form­agen­da be­gra­ben. Die Fol­gen wä­ren nicht ab­seh­bar.

Oh­ne Struk­tur­re­for­men, so viel ist si­cher, hat Ita­li­en kei­ne Chan­ce, die exis­ten­zi­el­le Kri­se zu über­win­den, in der es steckt. Seit 2007 schrumpft die Wirt­schafts­leis­tung Jahr für Jahr im Schnitt um 0,5 Pro­zent. Die Pro­duk­ti­on hat den glei­chen Stand wie vor dem Ein­tritt in die Wäh­rungs­uni­on. Zu­gleich drü­cken ge­wal­ti­ge Schul­den das Land. Mit 132 Pro­zent des Brut­to­in­land­pro­dukts ist Ita­li­en die Num­mer zwei un­ter den hoch­ver­schul­de­ten Län­dern der Eu­ro­Zo­ne – nach Grie­chen­land (177 Pro­zent). Der Un­ter­schied ist frei­lich, dass Grie­chen­land nur zwei, Ita­li­en aber 16 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung der Eu­ro-Zo­ne aus­macht. Ent­spre­chend be­sorgt sind auch Ita­li­ens Part­ner.

Und als wä­re das al­les noch nicht ge­nug, stell­ten sich die Ban­ken, al­len vor­an das äl­tes­te Kre­dit­in­sti­tut der Welt, die Mon­te dei Pa­schi aus dem tos­ka­ni­schen Sie­na, als die wack­ligs­ten Kan­di­da­ten beim jüngs­ten Stress­test der eu­ro­päi­schen Ban­ken­auf­sicht her­aus. Gut ein Sechs­tel ih­rer Kre­di­te ist not­lei­dend, ein Vo­lu­men von 360 Mil­li­ar­den Eu­ro. Die vor der In­sol­venz ste­hen­de Bank aus der Tos­ka­na könn­te so­gar zu ei­nem eu­ro­päi­schen Fall Leh­man wer­den. Sie könn­te al­so aus­ge­rech­net für die Bank ste­hen, die 2008 die größ­te Fi­nanz­kri­se der Welt nach dem Zwei­ten Welt­krieg aus­ge­löst hat.

Die meis­ten Öko­no­men sind sich in der Kur für den ita­lie­ni­schen Pa­ti­en­ten ei­nig. „Ge­mes­sen an der Pro­duk­ti­vi­täts­ent­wick­lung sind die Lohn­kos­ten viel zu hoch“, meint Cle­mens Fu­est, der Chef des re­nom­mier­ten Ifo-In­sti­tuts in München. Tat­säch­lich sind die Lohn­stück­kos­ten in Ita­li­en seit 1999 im­mer ge­stie­gen – selbst in der gro­ßen Fi­nan­zund Eu­ro-Kri­se. Da­mit ver­teu­ern sich die Ex­port­gü­ter des Mit­tel­meer­lan­des, wäh­rend sie in Spa­ni­en und selbst in Grie­chen­land bil­li­ger wer­den. Denn dort sin­ken die Lohn­stück­kos­ten seit ei­ni­gen Jah­ren.

Än­dert sich das nicht, ge­rät Ita­li­en wei­ter in ei­nen Teu­fels­kreis. Denn die Kehr­sei­te der über­teu­er­ten Ar­beit sind ei­ne Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit von 40 Pro­zent, ge­rin­ge In­ves­ti­ti­ons­aus­ga­ben und der ge­wal­ti­ge Wert­ver­lust der bör­sen­no­tier­ten Un­ter­neh­men von über 50 Pro­zent seit 2008. Fin­det die Ju­gend kei­ne Jobs, ver­liert sie ih­re Kom­pe­tenz, die nied­ri­gen In­ves­ti­ti­ons­aus­ga­ben las­sen den An­la­gen­be­stand der ita­lie­ni­schen Wirt­schaft al­tern.

Schon den­ken EU-Kom­mis­si­on und Eu­ro-Fi­nanz­mi­nis­ter über groß­an­ge­leg­te Ret­tungs­ak­tio­nen für Ita­li­en nach. Die ma­ro­de Groß­bank Mon­te dei Pa­schi et­wa soll aus dem Ret­tungs­fonds ESM re­fi­nan­ziert wer­den. Doch an­ders als in Grie­chen­land ist dies­mal die Di­men­si­on ei­ne an­de­re. Die Ret­ter in Brüs­sel könn­ten bes­ten­falls Zeit kau­fen. Doch die, fin­det der frü­he­re grie­chi­sche Fi­nanz­mi­nis­ter Gior­gos Pa­pa­kon­stan­ti­nou, sei am En­de teu­rer als al­les an­de­re.

In Brüs­sel wird schon über ei­ne Ret­tung der ma­ro­den ita­lie­ni­schen Ban­ken laut nach­ge­dacht

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