Braun­koh­le-Geg­ner at­ta­ckie­ren RWE-Au­to

Die Aus­schrei­tun­gen im Ham­ba­cher Forst ha­ben ges­tern ei­ne neue Stu­fe er­reicht. Vier Men­schen wur­den ver­letzt, als ein RWE-Wa­gen von St­ei­nen ge­trof­fen wur­de und sich über­schlug. Aus ei­nem Baum­haus flog Py­ro­tech­nik auf Po­li­zis­ten.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON EMI­LY SENF

AA­CHEN/DÜREN Im Ham­ba­cher Forst ru­mort es. Schwe­re Ma­schi­nen rum­peln über die We­ge, Ket­ten­sä­gen krei­schen, Bäu­me fal­len zu Bo­den. San­dra kann die Ma­schi­nen, mit de­nen der Wald um sie her­um zer­stört wird, von ih­rem Baum­haus aus hö­ren. Sie kennt den Lärm gut. Seit Ok­to­ber schon lebt die 23-Jäh­ri­ge im Ham­ba­cher Forst, di­rekt ne­ben dem Braun­koh­le-Ta­ge­bau des Ener­gie­kon­zerns RWE. Dort spitzt sich die Si­tua­ti­on zu. Ges­tern Mor­gen war­fen Un­be­kann­te St­ei­ne auf ein Fahr­zeug des Ta­ge­bau-Be­trei­bers RWE. Der Fah­rer ver­lor die Kon­trol­le, das Au­to kam von der Stra­ße ab und über­schlug sich mehr­fach. Die vier In­sas­sen wur­den ver­letzt. Da­mit er­reich­te die Ge­walt im Ham­ba­cher Forst ih­ren vor­läu­fi­gen Hö­he­punkt.

Dem­ent­spre­chend an­ge­spannt ist die Stim­mung. Ein­satz­kräf­te durch­kämm­ten ges­tern das Wald­ge­biet und nah­men von je­dem, der ih­nen über den Weg lief, die Per­so­na­li­en auf. Wer sich wei­ger­te oder kei­nen Aus­weis bei sich hat­te, wur­de vor­läu­fig fest­ge­nom­men. Nur die Baum­häu­ser lie­ßen sie an die­sem Tag in Ru­he. San­dra, die ih­ren rich­ti­gen Na­men für sich be­hält, gibt sich kämp­fe­risch: „Es wä­re kein Pro­blem, ei­ne Wo­che im Baum­haus zu blei­ben, oh­ne den Bo­den zu be­rüh­ren“, sagt die Braun­koh­le-Geg­ne­rin übers Te­le­fon. Mit Ker­zen und De­cken hält sich die jun­ge Frau bei Tem­pe­ra­tu­ren un­ter null Grad warm. Von der Atta­cke auf das Au­to ha­be sie nichts mit­be­kom­men. „Zu der Zeit ha­be ich noch ge­schla­fen“, sagt sie.

Schon am Di­ens­tag­abend war ein Po­li­zist von ei­nem St­ein an der Schlä­fe ge­trof­fen so­wie in den Na­cken ge­schla­gen wor­den. Zu­vor hat­ten Un­be­kann­te meh­re­re Brän­de ge­legt. Ein Bag­ger­füh­rer­haus brann­te voll­stän­dig aus, drei Tra­fo­sta­tio­nen stan­den in Flam­men. Laut Po­li­zei ent­stand ein Sach­scha­den von meh­re­ren Zehn­tau­send Eu­ro. Nach dem gest­ri­gen An­griff aus das RWE-Fahr­zeug rück­te sie mit ei­nem Groß­auf­ge­bot an. Ein­satz­kräf­te sperr­ten den Wald ab, lie­ßen nie­man­den hin­aus und nie- man­den hin­ein. Nach­mit­tags kam es zu ei­nem wei­te­ren Über­griff. Aus ei­nem Baum­haus in Sicht­wei­te der Stra­ße, von der das Au­to ab­ge­kom­men war, flo­gen Feu­er­werks­kör­per. Ver­letzt wur­de nie­mand. „Zum Glück“, sagt der Aa­che­ner Po­li­zei­prä­si­dent Dirk Wein­s­pach, den Blick in den Wald ge­rich­tet. Bis­lang ha­be er auf Dee­s­ka­la­ti­on und Ver­mitt­lung ge­setzt. Jetzt aber sagt er: „Die Zeit der Ge­sprä­che ist vor­bei. Es darf kein ein­zi­ger St­ein mehr flie­gen. Wir sind auf al­les ein­ge­stellt.“

Für den Ener­gie­kon­zern ist seit An­fang No­vem­ber wie­der Ro­dungs­sai­son am Braun­koh­le­ta­ge­bau. Bis März sol­len 70 Hekt­ar Wald wei­chen. Doch die Ar­beits­si­tua­ti­on der Wald­ar­bei­ter gleicht ei­nem Aus­nah­me­zu­stand. Die Po­li­zei schützt sie mit ei­nem mas­si­ven Auf­ge­bot an Be­am­ten. Denn für die Ak­ti­vis­ten un­ter den Braun­koh­le-Geg­nern ist am Mon­tag ei­ne sym­bo­li­sche Gren­ze über­schrit­ten wor­den: Es fie­len die ers­ten Bäu­me süd­lich der al­ten Au­to­bahn 4 zwi­schen Aa­chen und Köln. Da­mit miss­ach­tet RWE nach An­sicht der Ak­ti­vis­ten die „ro­te Li­nie“, die vor ei­nem Mo­nat von 1000 Per­so­nen ent­lang der al­ten Au­to­bahn­tras­se mit ei­ner Men­schen­ket­te ge­zo­gen wur­de und si­gna­li­sier­te: „bis hier­hin und nicht wei­ter“.

Für RWE ha­ben die Aus­schrei­tun­gen mit be­rech­tig­tem Pro­test nichts mehr zu tun. „Die Ge­walt muss auf­hö­ren“, sagt ein Spre­cher. Ab­rü­cken wol­le man von den Ro­dungs­plä­nen in dem Wald­ge­biet nicht. „Dann müss­ten wir den Ta­ge­bau an­hal­ten“, sagt der Spre­cher. „Wir kön­nen nicht ein­fach drum­her­um bag­gern.“Das sieht die Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Gu­drun Zen­tis (Grü­ne), die den Ta­ge­bau re­gel­mä­ßig be­sucht, an­ders: „RWE könn­te auch erst an­de­re Wald­stü­cke ro­den, die so­wie­so bald dran sind“, sagt sie und seufzt. „War­um ge­ra­de hier, wo die Ak­ti­vis­ten sind? Das ist ei­ne Pro­vo­ka­ti­on.“

Ant­je Gro­thus von der Bür­ger­initia­ti­ve „Bui­rer für Buir“, de­ren Ort­schaft an den Ta­ge­bau grenzt, steht zwi­schen den Par­tei­en. „Über­grif­fe auf Men­schen sind nicht rich­tig“, sagt sie. „Doch ich wün­sche mir, dass die Po­li­zei und RWE ein­se­hen, dass nicht je­der Braun­koh­le-Geg­ner ge­walt­tä­tig ist.“

FOTO: PO­LI­ZEI

Ak­ti­vis­ten war­fen St­ei­ne auf ein Fahr­zeug des Ta­ge­bau-Be­trei­bers RWE. Der Fah­rer ver­lor die Kon­trol­le über das Fahr­zeug, das Au­to über­schlug sich mehr­fach. Al­le vier In­sas­sen wur­den ver­letzt. Nach den Tä­tern wird noch ge­sucht.

FOTO: BRETZ

Ant­je Gro­thus von der Bür­ger­initia­ti­ve „Bui­rer für Buir“to­le­riert Über­grif­fe auf Men­schen nicht, ist grund­sätz­lich aber ge­gen das Pro­jekt.

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