Ver­fas­sungs­schutz soll sei­ne Agen­ten bes­ser über­prü­fen

Nach der Ent­tar­nung ei­nes Is­la­mis­ten in den ei­ge­nen Rei­hen steht der Nach­rich­ten­dienst in der Kri­tik.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ

BERLIN Der ei­ne gab sich nur als Is­la­mist aus, der an­de­re war ei­ner. Was bei­de Män­ner nach ih­rem Chat im In­ter­net al­ler­dings er­fuh­ren, ist in der Ge­schich­te der deut­schen Nach­rich­ten­diens­te oh­ne Bei­spiel: Sie ar­bei­te­ten bei­de für das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz. Al­ler­dings woll­te nur ei­ner von ih­nen ge­walt­be­rei­te Is­la­mis­ten ent­tar­nen. Der an­de­re hat­te sich in das Bun­des­amt ein­ge­schli­chen und ver­such­te, sei­nen Bei­trag zum Dschi­had zu leis­ten, zum „hei­li­gen Krieg“.

Der vor­ver­gan­ge­ne Wo­che fest­ge­nom­me­ne 51-jäh­ri­ge Is­la­mist mit deut­schem Pass hat­te al­le Si­cher­heits­über­prü­fun­gen des Ver­fas­sungs­schut­zes oh­ne Auf­fäl­lig­kei­ten durch­lau­fen und auch da­nach kei­nen An­lass zu be­son­de­rer Sor­ge ge­lie­fert. „Wir ha­ben es hier of­fen­sicht­lich mit ei­nem Fall zu tun, in dem sich ei­ne Per­son von ih­rem per­sön­li­chen Um­feld un­be­merkt ra­di­ka­li­siert hat“, gab Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­dent Hans-Ge­org Maa­ßen zu Pro­to­koll. Er hat­te sich ges­tern den Fra­gen der Ab­ge­ord­ne­ten im ge­heim ta­gen­den Bun­des­tags­Kon­troll­gre­mi­um zu stel­len. Der Grü­nen-Po­li­ti­ker Hans-Chris­ti­an Strö­be­le ging mit der Fra­ge in die Sit­zung, ob der Ver­fas­sungs­schutz vor lau­ter Mas­sen­über­wa­chun­gen sei­ne Auf­ga­be als Spio­na­ge­ab­wehr ver­nach­läs­sigt ha­be.

Wie je­der Nach­rich­ten­dienst sei auch das Bun­des­amt Ziel stra­te­gi- scher Ein­schleu­sungs­ver­su­che, et­wa durch aus­län­di­sche Spio­ne, Ex­tre­mis­ten oder Ter­ro­ris­ten, er­läu­ter­te Maa­ßen. Des­halb sei sei­ne Be­hör­de „be­son­ders wach­sam in Be­zug auf In­nen­tä­ter“. Ei­ne gan­ze Rei­he von Per­so­nen ha­be man bei den in­ten­si­ven Über­prü­fun­gen her­aus­fil­tern kön­nen – we­gen des Ver­dach­tes, für ei­nen aus­län­di­schen Di­enst zu ar­bei­ten.

Für SPD-Ge­heim­dienst­ex­per­te Burk­hard Lisch­ka bleibt da­her die ent­schei­den­de Fra­ge, wie ein Ex­tre­mist trotz­dem ein­ge­stellt wer­den konn­te. „Aus mei­ner Sicht müs­sen die­se Si­cher­heits­über­prü­fun­gen kri­tisch über­ar­bei­tet wer­den, um der­ar­ti­ge Vor­fäl­le künf­tig aus­zu­schlie­ßen“, sag­te Lisch­ka un­se­rer Re­dak­ti­on. Ex­tre­mis­ten in sen­si­blen Be­hör­den­be­rei­chen stell­ten ein „er­heb­li­ches Si­cher­heits­ri­si­ko“dar.

Be­ru­higt zeig­te sich Uni­ons-Ge­heim­dienst­ex­per­te Ste­phan May­er, dass sich ers­te Mel­dun­gen als falsch er­wie­sen hät­ten, wo­nach der 51Jäh­ri­ge auf Ge­heiß des so­ge­nann­ten Is­la­mi­schen Staa­tes ge­han­delt und ei­nen An­schlag auf die Zen­tra­le des Ver­fas­sungs­schut­zes in Köln ge­plant ha­ben soll.

Nach Er­kennt­nis­sen der Staats­an­walt­schaft in Düs­sel­dorf woll­te der Ver­däch­ti­ge in der Tat zwar nicht selbst zu­schla­gen, je­doch warb er im In­ter­net-Chat da­mit, er ar­bei­te für den Ver­fas­sungs­schutz und kön­ne po­ten­zi­el­len At­ten­tä­tern den Zu­gang zu sei­ner Be­hör­de er­mög­li­chen. Bei ei­ner Ge­walt­tat ge­gen „Un­gläu­bi­ge“sei er zu al­lem be­reit. Das sei „si­cher im Sin­ne Al­lahs“, wird der Ver­däch­ti­ge nach ei­nem Teil­ge­ständ­nis zi­tiert. Er ha­be In­ter­na über An­läs­se und Or­te von Ein­sät­zen preis­ge­ge­ben.

Bi­zarr er­scheint der per­sön­li­che Hin­ter­grund des Ver­däch­ti­gen. Er soll nach Me­dien­be­rich­ten aus Tö­nis­vorst im Kreis Vier­sen stam­men, spa­ni­scher Her­kunft und Va­ter von vier Kin­dern sein. Vor zwei Jah­ren soll er zum Is­lam kon­ver­tiert sein. Nach In­for­ma­tio­nen der „Bild“-Zei­tung fan­den die Er­mitt­ler bei ei­ner Durch­su­chung sei­ner Woh­nung auch por­no­gra­fi­sches Ma­te­ri­al mit dem Ver­däch­ti­gen als Darstel­ler. Seit April war er beim Ver­fas­sungs­schutz be­schäf­tigt, der ihn dem Ver­neh­men nach in ei­ner Ob­ser­va­ti­ons­ein­heit ein­setz­te.

CSU-Po­li­ti­ker May­er warn­te vor vor­schnel­len Schluss­fol­ge­run­gen. Es müs­se nun ge­nau auf­ge­ar­bei­tet wer­den, wie der Ver­däch­ti­ge die sehr de­tail­lier­ten Si­cher­heits­über­prü­fun­gen über­lis­ten konn­te und trotz Selbstra­di­ka­li­sie­rung nicht auf­fiel. Zu­nächst müss­ten da­zu die staats­an­walt­schaft­li­chen und dis­zi­pli­nar­recht­li­chen Er­mitt­lun­gen ab­ge­war­tet wer­den. Wich­tig sei, dass die Mecha­nis­men ge­wirkt hät­ten, um den „Maul­wurf“so schnell ent­tar­nen zu kön­nen.

Für die In­nen­po­li­ti­ke­rin der Grü­nen, Ire­ne Mi­ha­lic, geht es nun um die Fra­ge, ob es auch Neo­na­zis ge­lun­gen sein könn­te, Mit­ar­bei­ter beim Ver­fas­sungs­schutz oder in an­de­ren Si­cher­heits­be­hör­den zu plat­zie­ren. Dies müs­se drin­gend ge­klärt wer­den. Die Lin­ke er­neu­er­te ih­re Fun­da­men­tal­kri­tik am Ver­fas­sungs­schutz, der kei­ne Si­cher­heits­lü­cke ha­be, son­dern selbst ei­ne sei.

Das Köl­ner Bun­des­amt war zu­letzt in die Schlag­zei­len ge­kom­men, weil es erst in die­sem Jahr in ei­nem Bü­ro Han­dys und Sim-Kar­ten ge­fun­den hat­te, die dem ehe­ma­li­gen V-Mann „Co­rel­li“zu­zu­ord­nen wa­ren, um den es seit Jah­ren im Zu­sam­men­hang mit der NSU-Auf­klä­rung geht. Auch hier han­del­te es sich um das Ver­sa­gen ei­nes Mit­ar­bei­ters. Ver­bin­dun­gen zum NSU lie­ßen sich je­doch nicht nach­wei­sen.

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