Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Das Geld stamm­te zum Teil aus der Kas­se des Bun­des­amts für Kul­tur und zum Teil aus den Kul­tur­bud­gets ver­schie­de­ner un­ge­nann­ter Un­ter­neh­men. Der Fonds ver­gab die Bei­trä­ge in un­re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den von zwei, drei oder mehr Jah­ren, da­für in sehr groß­zü­gi­gen Por­tio­nen. „Wie viel?“, frag­te Jo­nas Brand. „Eins Kom­ma sechs.“„Wow!“„Da­mit kann ich auch die üb­ri­gen Mit­tel ab­ho­len: Bund, Fern­se­hen, Stadt Zü­rich et ce­te­ra. Viel­leicht nicht die gan­zen drei Kom­ma vier Mil­lio­nen, aber falls noch et­was fehlt, trei­be ich es auf. Selbst wenn ich in die ei­ge­ne Ta­sche grei­fen muss. Wol­len wir et­was zu es­sen be­stel­len?“Er wink­te dem Kell­ner, den er „Vit­to­rio“nann­te, und ließ ihn die Kar­ten brin­gen und Cham­pa­gner nach­schen­ken.

Als Jo­nas das frisch­ge­füll­te Glas zum Mund führ­te, zit­ter­te sei­ne Hand. In den paar Mi­nu­ten, seit de­nen er an die­sem Tisch saß, hat­te sich sein Le­ben kom­plett ver­än­dert. Sein gro­ßer Traum, an dem er nur noch aus al­ter Ge­wohn­heit fest­ge­hal­ten hat­te, war plötz­lich wahr ge­wor­den. Er be­kam die Chan­ce, das zu sein, was er im­mer hat­te wer­den wol­len: Fil­me­ma­cher!

„Ich neh­me das Glei­che wie du“, sag­te er, „ich bin zu auf­ge­regt, um et­was aus­zu­su­chen.“

Rebstyn be­stell­te das Ta­ges­me­nü – ge­füll­te Kalbs­brust mit Kar­tof­fel­pü­ree und Ro­sen­kohl –, öff­ne­te die ab­ge­wetz­te Map­pe, die auf dem Ne­ben­stuhl lag, ent­nahm ihr ein Dos­sier mit der Auf­schrift „Mon­te­cris­to at“und sag­te: „Let’s go.“

Sie wa­ren nicht die Ein­zi­gen, die bis weit in den Nach­mit­tag hin­ein im Sil­ber­nen Frosch sit­zen blie­ben, aber die Ein­zi­gen, die ar­bei­te­ten. Die an­de­ren mach­ten sich ei­nen un­be­schwer­ten Nach­mit­tag, be­vor sie von ih­rer Fa­mi­lie un­ter dem Christ­baum er­war­tet wur­den.

Jo­nas und Jeff – Jo­nas hat­te sich be­reits dar­an ge­wöhnt, Rebstyn beim Vor­na­men zu nen­nen – be­spra­chen die Schlüs­sel­po­si­tio­nen des Teams – Pro­duk­ti­ons­lei­ter, Ka­me­ra­mann, Set, Ko­s­tüm, Script –, stell­ten ei­ne Be­set­zungs­wunsch­lis­te auf und er­stell­ten ei­nen pro­vi­so­ri­schen Ter­min­plan.

Zu­oberst stand die Er­kun­dung der Schau­plät­ze in Thai­land, vor al­lem des Ge­fäng­nis­ses Bang Kwan, wo die Haupt­fi­gur jah­re­lang da­hin­ve­ge­tier­te. Das Dreh­buch war in die­sen Sze­nen noch et­was sehr va­ge.

„Wann kannst du das ma­chen?“, frag­te Jeff.

„Bald“, ant­wor­te­te Jo­nas. „Ich muss noch ein, zwei Jobs ab­schlie­ßen, dann bin ich start­be­reit.“

„Was für Jobs?“, frag­te Jeff et­was ir­ri­tiert.

„Re­por­ta­gen. Ich bin schon ziem­lich weit.“

„Jo­nas, Spiel­fil­me dre­hen ist ein Full­time­job. Was sa­ge ich: ein Hun­dert­fünf­zig-Pro­zent-Job. Das kannst du nicht zwi­schen zwei Re­por­ta­gen ma­chen. Du musst dich schon ent­schei­den.“

„Die Ent­schei­dung ist be­reits ge­fal­len.“

Rebstyns Stirn glät­te­te sich. „Al­so: wann?“Jo­nas über­leg­te. „War­um nicht zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr? Da pro­fi­tierst du von der Zeit, in der so­wie­so die gan­ze Film­sze­ne weg ist, und von den güns­ti­gen Pau­schal­ar­ran­ge­ments. Trotz des Gel­des von Mo­vie­fonds – aus dem Vol­len schöp­fen wir nicht. Braucht man für Thai­land ein Vi­sum?“

Jo­nas schüt­tel­te den Kopf. „Nur ei­nen Pass, der bei der Ein­rei­se noch min­des­tens sechs Mo­na­te gül­tig ist.“„Und dei­ner ist das noch?“Jo­nas nick­te. „Na al­so.“Ma­ri­na ver­brach­te Hei­lig­abend bei ih­rer Mut­ter. Sie hät­te Jo­nas ger­ne mit­ge­nom­men, aber er hat­te sich mit Hän­den und Fü­ßen da­ge­gen ge­wehrt. Fa­mi­li­en­weih­nach­ten wa­ren ihm ein Hor­ror, dem er erst ent­kom­men war, seit sei­ne Mut­ter pen­sio­niert und auf Te­ne­rif­fa war und er sich von sei­ner Frau ge­trennt hat­te.

Aber jetzt be­reu­te er es fast ein we­nig, dass er nicht mit­ge­gan­gen war. Ih­re Mut­ter leb­te in Genf. Ma­ri­na wür­de dort über­nach­ten und frü­hes­tens am Sonn­tag zu­rück­kom­men. Er konn­te es nicht er­war­ten, sie we­nigs­tens an­zu­ru­fen und ihr die Sen­sa­ti­on mit­zu­tei­len.

Aber al­lei­ne zu Hau­se blei­ben woll­te er auch nicht. Er ging ins Cesa­re, wo sich an je­dem Hei­lig­abend der har­te Kern der Weih­nachts­ver­äch­ter der Ge­gend traf und al­les tat, um das Fest zu igno­rie­ren.

Das Cesa­re war gut be­setzt. Es lief in vol­ler Laut­stär­ke ein Sam­pler mit den Sie­ger­ti­teln des Fes­ti­val del­la Can­zo­ne Ita­lia­na San Re­mo, und es roch nach der Spe­zia­li­tät des Hau­ses: Osso­bu­co al­la Mi­la­ne­se.

Jo­nas sah sich su­chend nach ei­nem Platz um, bis ein Kell­ner ihn ent­deck­te und an ei­nen Tisch wink­te, an dem noch ein Platz frei war. Es war hier Usus, dass man sich zu je­man­dem an den Tisch setz­te, auch wenn man sich nicht kann­te. Aber den drei Gäs­ten an die­sem Vie­rer­tisch – zwei Frau­en und ei­nem Mann – war an­zu­se­hen, dass sie sich vom Neu­an­kömm­ling ge­stört fühl­ten.

Jo­nas merk­te auch bald, wes­halb. Er saß bei ei­nem Paar und ei­ner Frau, um de­ren ab­we­sen­den Part­ner oder Ex­part­ner sich das Ge­spräch dreh­te. Sie trank rasch, rühr­te ihr Osso­bu­co kaum an und war stets den Trä­nen na­he. Die bei­den an­de­ren ver­such­ten, sie da­mit zu trös­ten, dass sie kein gu­tes Haar an dem Ab­we­sen­den lie­ßen.

Jo­nas tat, als be­kä­me er nichts mit von dem Ge­spräch, und so war sei­ne An­we­sen­heit bald ver­ges­sen und mit ihr der letz­te Rest von Dis­kre­ti­on.

Er be­kam auch tat­säch­lich kaum et­was mit, er war in Ge­dan­ken bei Mon­te­cris­to. In die Vor­freu­de auf die Ar­beit misch­ten sich be­reits die ers­ten An­zei­chen von Angst vor dem Miss­lin­gen. Dem Traum war er im­mer ge­wach­sen ge­we­sen, aber war er es auch der Auf­ga­be? Er stell­te sich zum ers­ten Mal die Fra­ge, die ihm die Pro­du­zen­ten all die sechs Jah­re ge­stellt hat­ten: War das Gan­ze nicht ein, zwei Num­mern zu groß für ihn?

Quatsch. Wenn Jeff Rebstyn an ihn glaub­te, dann tat er das auch. Der Mann hat­te im­mer­hin ei­nen Os­car in sei­nem Sit­zungs­zim­mer ste­hen. Ei­nen et­was äl­te­ren zwar, aber Fil­me zu pro­du­zie­ren war nicht et­was, das man mit dem Al­ter ver­lern­te. Im Ge­gen­teil. Man den­ke an Cl­int East­wood.

Jeff war ei­ner der we­ni­gen Schwei­zer Pro­du­zen­ten mit in­ter­na­tio­na­lem Flair. Wer sonst hät­te bei Mo­vie­fonds eins Kom­ma sechs Mil­lio­nen lo­cker­ma­chen kön­nen für das Film­pro­jekt ei­nes ci­ne­ma­to­gra­phisch un­be­schrie­be­nen Blat­tes? Jo­nas fiel nie­mand ein.

(Fort­set­zung folgt)

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