Ar­beit­ge­ber: Wir brau­chen bis 2030 drei Mil­lio­nen Zu­wan­de­rer

Die Wirt­schaft schlägt Alarm: Um den So­zi­al­staat er­hal­ten zu kön­nen, müs­se Deutsch­land sei­ne To­re für Ein­wan­de­rer weit öff­nen. Doch die Po­li­tik dis­ku­tiert nur noch über ei­ne Be­gren­zung.

Rheinische Post Moenchengladbach - - VORDERSEITE - VON BIR­GIT MAR­SCHALL

BER­LIN Deutsch­land braucht nach An­sicht von Ar­beit­ge­ber­chef In­go Kra­mer ei­ne grund­le­gen­de Neu­ori­en­tie­rung bei der Zu­wan­de­rung. Bis 2030 sind nach Be­rech­nun­gen der Ar­beit­ge­ber­ver­ei­ni­gung drei Mil­lio­nen neue Zu­wan­de­rer im er­werbs­fä­hi­gen Al­ter nö­tig, um Wett­be­werbs­fä­hig­keit und So­zi­al­staat zu er­hal­ten: „2030 wer­den wir nach den Pro­gno­sen schon sechs Mil­lio­nen Er­werbs­fä­hi­ge we­ni­ger ha­ben als heu­te“, sag­te Kra­mer un­se­rer Re­dak­ti­on. „Zwei, drei Mil­lio­nen Er­werbs­tä­ti­ge kön­nen wir hof­fent­lich aus ei­ge­nen Res­sour­cen durch mehr Er­werbs­tä­tig­keit von Frau­en und Äl­te­ren so­wie bes­se­re Qua­li­fi­zie­rung von Jün­ge­ren re­kru­tie­ren. Für die rest­li­che Lü­cke brau­chen wir mehr sys­te­ma­ti­sche Zu­wan­de­rung, die sich am Ar­beits­markt ori­en­tiert.“Doch da­vor scheue die Po­li­tik we­gen der Flücht­lings­kri­se zu­rück. „Aber die ar­beits­markt­po­li­ti­sche Zu­wan­de­rung darf kein Ta­bu sein.“

Der Ap­pell kommt zu ei­ner Zeit, in der die mas­sen­haf­te Flücht­lings­mi­gra­ti­on des ver­gan­ge­nen Jah­res Bür­ger und Par­tei­en zu­tiefst ver­un­si­chert: Die zum Teil un­kon­trol­lier­te Ein­wan­de­rung Hun­dert­tau­sen­der, die se­xu­el­len Über­grif­fe von Asyl­be­wer­bern auf Frau­en in der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht und der is­la­mis­ti­sche Ter­ror ha­ben ei­nen Stim­mungs­um­schwung aus­ge­löst. Die an­fäng­li­che Will­kom­mens­kul­tur ist wach­sen­dem Miss­trau­en ge­wi­chen.

Die CSU for­dert des­halb seit Mo­na­ten ei­ne Ober­gren­ze von 200.000 Flücht­lin­gen pro Jahr. Zu­dem will sie auch die qua­li­fi­zier­te Zu­wan­de­rung eng be­gren­zen. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) lehnt ei­ne Ober­gren­ze ab, doch auch die CDU sucht auf ih­rem Par­tei­tag kom­men­de Wo­che nach We­gen, die Zu­wan­de­rung in en­ge­ren Gren­zen zu hal­ten.

Das ent­spricht al­ler­dings nicht den In­ter­es­sen der deut­schen Wirt­schaft, wie Kra­mer dar­leg­te. „Je frü­her wir an­fan­gen, den Men­schen zu er­klä­ren, dass wir spä­tes­tens ab 2030 nicht nur ein gra­vie­ren­des Pro­blem mit der Ren­te ha­ben wer­den, son­dern auch mit der Pfle­ge, mit der Kran­ken­ver­si­che­rung, mit der In­fra­struk­tur, ja mit der ge­sam­ten Volks­wirt­schaft, ge­winnt die Zu­wan­de­rung mehr ge­sell­schaft­li­che Ak­zep­tanz“, sag­te er. Zu­wan­de­rung sei „kei­ne Fra­ge von Ober- oder Un­ter­gren­ze, son­dern von Be­darf“. Deutsch­land ste­he in­ter­na­tio­nal im har­ten Wett­be­werb um Fach­kräf­te. „Es ist nicht so, dass die Com­pu­ter­spe­zia­lis­ten Schlan­ge ste­hen, um ein­zu­wan­dern“, sag­te Kra­mer.

Über ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz, das die ge­ziel­te Zu­wan­de­rung nach dem Fach­kräf­te­be­darf re­geln soll, konn­ten sich Uni­on und SPD je­doch bis­lang nicht ei­ni­gen. Soll­te die nächs­te Bun­des­re­gie­rung ei­nen Kom­pro­miss er­zie­len, be­steht den­noch die Ge­fahr, dass da­durch zu we­nig qua­li­fi­zier­te Ein­wan­de­rer nach Deutsch­land kä­men. In den Par­tei­en ist die Re­de vom Zu­zug ei­ni­ger Zehn­tau­send Mi­gran­ten pro Jahr durch ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz. Be­nö­tigt wür­den aber Hun­dert­tau­sen­de. Nach der Pro­gno­se des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes wür­de die er­werbs­fä­hi­ge Be­völ­ke­rung bis 2060 selbst dann um ein Fünf­tel schrump­fen, wenn jähr­lich net­to 200.000 Aus­län­der ein­wan­dern. Wirt­schaft

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