Die Ge­win­ner und Ver­lie­rer der Maut

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON JAN DREBES, MAR­KUS GRA­BITZ UND BIR­GIT MAR­SCHALL

BRÜS­SEL/BER­LIN Die Pkw-Maut be­gann 2013 als Wahl­kampf­schla­ger der CSU, brach­te der Bun­des­re­pu­blik drei Jah­re spä­ter hef­ti­gen Streit mit der EU-Kom­mis­si­on ein und könn­te nun doch noch kom­men. Für die ei­nen ist sie das zen­tra­le Ver­kehrs­pro­jekt die­ser Le­gis­la­tur­pe­ri­ode, für die an­de­ren schlicht Un­sinn. Aber wer pro­fi­tiert am meis­ten da­von, und auf wen kom­men Mehr­be­las­tun­gen zu? Und was könn­te den Plä­nen doch noch im We­ge ste­hen? Hier die Ant­wor­ten auf die wich­tigs­ten Fra­gen. Wer sind die Ge­win­ner bei der Ein­füh­rung ei­ner Pkw-Maut? Kommt der Kom­pro­miss, wie er ges­tern Abend in Brüs­sel be­schlos­sen wur­de, sol­len Hal­ter schad­stoff­ar­mer Pkw in Deutsch­land stär­ker von der Kfz-Steu­er ent­las­tet wer­den, als sie Maut­be­trä­ge zah­len müss­ten. Ins­ge­samt rech­net die Bun­des­re­gie­rung mit ei­ner Ent­las­tung der be­trof­fe­nen Hal­ter in Hö­he von 100 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr. Wer al­so ein Au­to mit der Schad­stoff­klas­se 6 be­sitzt, dürf­te fi­nan­zi­ell pro­fi­tie­ren. Da­mit ent­steht je nach Hö­he der Ent­las­tung ein An­reiz für Au­to­fah­rer, auf emis­si­ons­är­me­re Pkw um­zu­stei­gen. Die EU-Kom­mis­si­on, die auf die­sem Ra­batt-Sys­tem be­stand, er­hofft sich al­so auch für die Um­welt ei­nen po­si­ti­ven Ef­fekt durch die Pkw-Maut. Zu den Ge­win­nern ge­hö­ren aber po­li­tisch vor al­lem die CSU und der ihr an­ge­hö­ren­de Ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt. Er hat es nach ei­nem zeit­wei­se aus­sichts­lo­sen Kampf doch noch ge­schafft, das Wahl­kampf­ver­spre­chen durch­zu­drü­cken – auch wenn das ur­sprüng­li­che Kon­zept völ­lig an­ders aus­sah. Wer sind die Ver­lie­rer der Maut? Klar ist, dass aus­län­di­sche Fahr­zeug­hal­ter, die künf­tig ei­ne deut­sche Au­to­bahn oder Bun­des­stra­ße be­fah­ren wol­len, da­für erst­mals in die Ta­sche grei­fen müs­sen. Nach ak­tu­el­lem Stand sind fünf Preis­stu­fen für Kurz­zeit­vi­gnet­ten ge­plant. Je nach Fahr­zeug­ei­gen­schaf­ten kos­tet ei­ne Zehn-Ta­ges-Maut dem- nach 2,50 Eu­ro, vier Eu­ro, acht Eu­ro, 14 Eu­ro oder 20 Eu­ro. Ei­ne Zwei-Mo­nats­Maut soll dem­nach sie­ben, elf, 18, 30 oder 40 Eu­ro kos­ten. Bis­lang wa­ren nur drei Preis­stu­fen ge­plant, die EU-Kom­mis­si­on hat­te das mo­niert. Auf deut­sche Au­to­fah­rer kom­men den bis­he­ri­gen Plä­nen zu­fol­ge bis zu 130 Eu­ro pro Jahr zu – je nach Hu­b­raum und Ver­brauch des Fahr­zeugs. Die voll­stän­di­ge Ent­las­tung er­folgt für deut­sche Hal­ter dann über die Kfz-Steu­er. Rech­net sich die Maut? Hier sind größ­te Fra­ge­zei­chen an­ge­bracht. Ur­sprüng­lich soll­te die Ab­ga­be 500 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr ein­spie­len. Die­ses Geld wür­de auch nur aus­rei­chen, um 50 Ki­lo­me­ter neue Stra­ßen zu bau­en. Do­brindt hofft nun dar­auf, dass an­ge­sichts der neu­en Preis­struk­tur bei den Vi­g­net­ten und des er­war­te­ten Ver­kehrs­auf­kom­mens aus­län­di­scher Fahr­zeu­ge doch noch so viel Geld in der Staats­kas­se hän­gen­bleibt, ob­wohl die zu­sätz­li­che Ent­las­tung spar­sa­mer deut­scher Fahr­zeu­ge um rund 100 Mil­lio­nen Eu­ro zu­nächst nicht ge­plant war. 3,7 Mil­li­ar­den Eu­ro woll­te Do­brindt ur­sprüng­lich ein­neh­men, da­von soll­ten vor­aus­sicht­lich drei Mil­li­ar­den Eu­ro an die deut­schen Kfz-Hal­ter über die Steu­er zu­rück­flie­ßen. Wei­te­re 200 Mil­lio­nen müs­sen wohl für die Ver­fah­ren ab­ge­zo­gen wer­den. Wie re­agie­ren Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) und Fi­nanz­po­li­ti­ker auf die neu­en Maut-Plä­ne? „Wir ge­hen da­von aus, dass es durch die Maut für den Staats­haus­halt net­to mehr Ein­nah­men ge­ben wird“, sag­te ein Spre­cher Schäu­bles. Der Fi­nanz­mi­nis­ter ha­be die Ge­sprä­che Do­brindts in Brüs­sel „kon­struk­tiv be­glei­tet“. Schäu­b­le hat­te al­ler­dings stets dar­auf ge­pocht, dass sich die Maut für den Fis­kus am En­de loh­nen müs­se. Er hat­te al­ler­dings kei­ne Min­destein­nahme­sum­me ge­nannt. Im Bun­des­haus­halt 2017 und der mit­tel­fris­ti­gen Fi­nanz­pla­nung bis 2021 sei­en bis­her noch kei­ne Maut-Ein­nah­men ein­ge­plant, sag­te der Spre­cher. Sie fie­len zu­sätz­lich zu den üb­ri­gen Steu­er­ein­nah­men an, wenn die Maut kom­me. „Aus fi­nanz­po­li­ti­scher Sicht zäh­len bei den Maut­über­le­gun­gen vor al­lem Auf­wand und Er­trag“, be­ton­te al­ler­dings Uni­ons­frak­ti­ons­vi­ze Ralph Brink­haus. „Ei­ne Maut, die un­ter dem Strich nur mehr kos­tet und da­mit den Bun­des­haus­halt be­las­tet, wä­re kei­ne sinn­vol­le Fort­ent­wick­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on“, sag­te der CDU-Po­li­ti­ker aus Nord­rhein-West­fa­len. Was sa­gen nun die Geg­ner der Maut? Grü­nen-Frak­ti­ons­chef An­ton Ho­frei­ter hat den Kom­pro­miss als un­sin­nig ver­ur­teilt. „Es wird die ers­te Pkw-Maut welt­weit sein, die Ge­fahr läuft, dass sie den Staat mehr Geld kos­tet, als sie ihm ein­bringt“, sag­te er. Die Bun­des­re­gie­rung sol­le das Pro­jekt stop­pen und sich um den Kli­ma­schutz und um Zu­sam­men­halt in der EU küm­mern, „aber nicht ihr po­li­ti­sches Ge­wicht ver­bren­nen in ei­nem of­fen­sicht­li­chen Un­sinns­pro­jekt“. Wenn sich be­wahr­hei­te, was sich jetzt ab­zeich­ne, dann er­rei­che die Maut „ein neu­es Le­vel des Irr­sinns“. Auch die SPD war nie für die Maut, trug sie als Ko­ali­ti­ons­part­ne­rin der Uni­on aber mit. Nun sag­te der Vor­sit­zen­de des Ver­kehrs­aus­schus­ses, Mar­tin Bur­kert (SPD): „Auch wenn die Maut jetzt eu­ro­pa­rechts­kon­form sein soll­te, sind mei­ne grund­sätz­li­chen Be­den­ken nicht aus dem Weg ge­räumt.“So müs­se Do­brindt den Nach­weis er­brin­gen, dass deut­sche Au­to­fah­rer nicht be­las­tet wer­den. Wann wird die Maut „scharf­ge­stellt“? Ver­mut­lich nicht vor 2018. Wenn die Ei­ni­gung be­sie­gelt ist, soll ei­ne Aus­schrei­bung er­fol­gen. Auch pri­va­te Un­ter­neh­men sol­len bei der Er­he­bung der Maut und dem Ver­trieb der Vi­g­net­ten be­tei­ligt wer­den. Be­ob­ach­ter ge­hen je­doch da­von aus, dass die Aus­schrei­bung schwie­rig wer­den könn­te. Es gibt noch kei­ne Rechts­si­cher­heit. Die Kla­ge der Kom­mis­si­on soll zu­nächst nur auf Eis ge­legt, ie na­tio­na­len Ge­set­ze sol­len an­ge­passt wer­den. Denk­bar ist da­bei, dass sich die SPD quer­stellt und die Ge­setz­ge­bung im bald an­bre­chen­den Bun­des­tags­wahl­kampf hin­aus­zö­gert. Zu­dem droht Ös­ter­reich be­reits, ge­gen den Kom­pro­miss ju­ris­tisch vor­zu­ge­hen.

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