Le­bens­abend hin­ter Git­tern

Die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung macht auch vor dem Ge­fäng­nis nicht Halt. Rund 500 In­sas­sen in NRW sind mitt­ler­wei­le über 60 Jah­re alt – Ten­denz stei­gend. Die JVA Rhein­bach hat in ei­nem Mo­dell­pro­jekt ei­ne neue Ab­tei­lung ein­ge­rich­tet.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON JO­RIS HIEL­SCHER

RHEIN­BACH Ein Flur mit Li­n­ole­um­bo­den, Ne­on­röh­ren und ein paar Pflan­zen; ein Ge­mein­schafts­raum mit Mö­beln, die an das In­ven­tar von Ju­gend­her­ber­gen er­in­nern, ein Fern­se­her, ei­ne Dart-Schei­be und gro­ße Kühl­schrän­ke; da­zu ei­ne klei­ne Kü­che. Be­son­ders spek­ta­ku­lär sieht die neue Ab­tei­lung der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt (JVA) Rhein­bach nicht aus, doch für Tho­mas Wolf be­deu­tet sie ei­ne „Rück­kehr in die Zi­vi­li­sa­ti­on“, wie er es be­schreibt. Der Düs­sel­dor­fer, der et­li­che Ban­ken aus­raub­te, mehr­fach aus dem Ge­fäng­nis aus­brach so­wie in Wies­ba­den die Frau ei­nes lei­ten­den Bank­an­ge­stell­ten ent­führ­te und für sie Lö­se­geld kas­sier­te, kann sich nun die Bei­ne ver­tre­ten, ein Pläusch­chen mit dem Wär­ter hal­ten oder sich et­was zu es­sen ma­chen. Be­vor er auf die Sta­ti­on kam, war er 23 St­un­den am Tag in sei­ner Zel­le ein­ge­sperrt.

„Im Ge­fäng­nis al­tern die Men­schen viel schnel­ler“

An­net­te Em­scher­mann Lei­te­rin der Ab­tei­lung für „le­bens­äl­te­re Ge­fan­ge­ne“in der JVA Rhein­bach

Die­se Pri­vi­le­gi­en hat Wolf sei­nem Al­ter zu ver­dan­ken. Der 63-jäh­ri­ge Schwer­kri­mi­nel­le sitzt in der Ab­tei­lung für „le­bens­äl­te­re Ge­fan­ge­ne“. Im Be­hör­den­deutsch sind da­mit In­haf­tier­te ge­meint, die äl­ter sind als 60 Jah­re. Als Re­ak­ti­on auf die Ent­wick­lung, dass es da­von im­mer mehr gibt, hat das Land NRW spe­zi­el­le Ab­tei­lun­gen für äl­te­re Ge­fan­ge­ne ein­ge­rich­tet – wenn­gleich die Mehr­zahl der über 60-Jäh­ri­gen wei­ter­hin im nor­ma­len Straf­voll­zug un­ter­ge­bracht ist.

Seit 2007 gibt es in der JVA Det­mold die ers­te Ab­tei­lung im ge­schlos­se­nen Voll­zug. Im of­fe­nen Voll­zug bie­ten die Ge­fäng­nis­se At­ten­d­orn, Bie­le­feld-Sen­ne und Castrop-Rau­xel ins­ge­samt 82 Haft­plät­ze. In der JVA Hö­vel­hof bei Pa­der­born hat sich ei­ne Sta­ti­on auf pfle­ge­be­dürf­ti­ge und de­men­te Häft­lin­ge spe­zia­li­siert. „Vie­le der äl­te­ren In­sas­sen, die in Fra­ge ka­men, woll­ten nicht nach Det­mold ver­legt wer­den“, er­klärt An­net­te Em­scher­mann, die zu­stän­di­ge Ab­tei­lungs­lei­te­rin in Rhein­bach. So sei die Idee ent­stan­den, solch ein An­ge­bot auch im Rhein­land an­zu­bie­ten. Seit ei­nem Jahr gibt es nun die Ab­tei­lung in der JVA Rhein­bach, in der mo­men­tan elf Ge­fan­ge­ne un­ter­ge­bracht sind und die ma­xi­mal 16 Plät­ze be­sitzt.

Sie ist als Mo­dell­pro­jekt kon­zi­piert und soll die be­son­de­ren Her­aus­for­de­run­gen des Al­terns hin­ter Git­tern be­rück­sich­ti­gen. „Im Ge­fäng­nis al­tern die Men­schen viel schnel­ler“, sagt Em­scher­mann. Denn Men­schen bau­en in Ge­fan- gen­schaft kör­per­lich und geis­tig stär­ker ab, ty­pi­sche Al­ters­be­schwer­den set­zen dort frü­her ein. Hin­zu kommt, dass vie­le lang­jäh­ri­ge In­haf­tier­te kaum noch Kon­takt nach drau­ßen, zu Freun­den und Fa­mi­lie hät­ten, er­klärt Em­scher­mann.

„Die Ab­tei­lung soll das Al­tern er­leich­tern“sagt Ge­fäng­nis­di­rek­tor Heinz-Jür­gen Bin­nen­bruck. Die äl­te­ren Ge­fan­ge­nen le­ben in ei­ner Art Wohn­grup­pe und ha­ben zahl­rei­che Pri­vi­le­gi­en im Ver­gleich zu den an­de­ren Ge­fan­ge­nen: Die Zel­len­tü­ren sind tags­über of­fen, es gibt ei­nen Ge­mein­schafts­raum, in dem die Ge­fan­ge­nen zu­sam­men es­sen oder fern­se­hen, und ei­nen ei­ge­nen Hof mit ei­nem klei­nen Gar­ten, in dem sie wer­keln kön­nen. Und weil die Ab­tei­lung deut­lich klei­ner ist (üb­lich sind 40Plät­ze), ist der Kon­takt zu den Wach­leu­ten en­ger. Auch ei­ne So­zi­al­ar­bei­te­rin hat auf dem Gang ihr Bü­ro. Vor­aus­set­zung für die Auf­nah­me in die Ab­tei­lung ist, dass die Häft­lin­ge nicht durch Dro­gen­kon­sum oder ag­gres­si­ves Ver­hal­ten auf­ge­fal­len sind. Au­ßer­dem müs­sen sie sich in die Ge­mein­schaft in­te­grie­ren. Wer sich nicht an die Re­geln hält, wird zu­rück­ge­schickt. „Häft­lin­ge ho­len hier im Al­ter Er­leb­nis­se nach, die sie ihr Le­ben lang nicht ge­macht ha­ben“, sagt der An­stalts­psy­cho­lo­ge Andre­as War­nek. Man­che der Häft­lin­ge hät­ten – au­ßer mal ei­ne Piz­za im Back­ofen – nie sel­ber ge­kocht, oder wür­den es nicht ken­nen, ge­mein­sam mit an­de­ren am Tisch zu es­sen. „Ein Häft­ling hat­te nie Weih­nach­ten ge­fei­ert“, er­zählt War­nek. Ei­ni­ge hät­ten nie sta­bi­le und ver­trau­ens­vol­le so­zia­le Be­zie­hun­gen er­lebt. „Durch Nä­he wol­len wir hier Si­cher­heit schaf­fen“, sagt der Psy­cho­lo­ge. Und der Ge­fäng­nis­di­rek­tor er­gänzt: „Zwar ma­chen die äl­te­ren Ge­fan­ge­nen in der Re­gel we­ni­ger Dumm­hei­ten und sind ru­hi­ger, aber das sagt nichts über de­ren Ge­fähr­lich­keit aus.“So hat­te ein Häft­ling, der in Rhein­bach un­auf­fäl­lig ist, in der JVA Aa­chen ei­nem Wär­ter ei­ne Sche­re in den Rü­cken ge­rammt.

Fast al­le in der Ab­tei­lung ha­ben noch sehr lan­ge Haft­stra­fen zu ver­bü­ßen. Ent­we­der ha­ben sie ei­ne schwe­re Straf­tat wie et­wa Mord, Tot­schlag oder Raub be­gan­gen oder wa­ren ihr Le­ben lang kri­mi­nell. So wie Tho­mas Wolf, der seit 1980 ent­we­der im Ge­fäng­nis sitzt oder un­ter­ge­taucht war. Mehr­mals ge­lang ihm die Flucht, zeit­wei­se war er der meist­ge­such­te Flüch­ti­ge Deutsch- Heinz-Jür­gen Bin­nen­bruck Ge­fäng­nis­di­rek­tor lands. 2011 wur­de er für zwei Bank­über­fäl­le und die Ent­füh­rung ei­ner Ban­kiers­gat­tin ver­ur­teilt. Das Ur­teil: 13 Jah­re und sechs Mo­na­te.

„Das Schö­ne ist, Men­schen zu ha­ben, mit de­nen ich re­den kann“, be­schreibt Wolf den Vor­teil der Al­ten­ab­tei­lung. Denn da­vor war er in ei­ner ge­schlos­se­nen Ab­tei­lung, ver­brach­te den Groß­teil des Ta­ges in sei­ner Zel­le, da er we­gen ei­ner chro­ni­schen Er­kran­kung nicht ar­bei­tet. „Das Re­den war mir ab­han­den­ge­kom­men“, sagt er und er­in­nert sich an die Ein­sam­keit, die er pro­duk­tiv zu nut­zen wuss­te: Er ver­fass­te und ver­öf­fent­lich­te sei­ne Bio­gra­fie. Auch wei­ter­hin schreibt er Bü­cher.

Das En­de der Haft noch in wei­ter Fer­ne, da­zu ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me – ob er Angst hat, das Ge­fäng­nis nicht zu über­le­ben? „Ich ha­be die Hoff­nung, vor­her her­aus­zu­kom­men“, sagt der 63-jäh­ri­ge Wolf. Er will sich or­dent­lich ver­hal­ten, um vor­zei­tig ent­las­sen zu wer­den.

Es ist ein Wunsch, den er mit den an­de­ren Häft­lin­gen in der Ab­tei­lung teilt. „Al­le ha­ben die Hoff­nung auf Lo­cke­rung oder vor­zei­ti­ge Ent­las­sung“, sagt Ab­tei­lungs­lei­te­rin Em­sche­mann. Al­ler­dings sei an­ge­sichts der Schwe­re der De­lik­te nicht bei al­len die Per­spek­ti­ve auch rea­lis­tisch. Die Kon­se­quenz: „Man­che wer­den aus der Haft nicht le­bend her­aus­kom­men“, sagt Ge­fäng­nis­di­rek­tor Bin­nen­bruck. Denn selbst bei schwe­rer Er­kran­kung wür­den Häft­lin­ge nicht ent­las­sen, sie kom­men höchs­tens in den of­fe­nen Voll­zug. Wenn es den Ge­fan­ge­nen ge­sund­heit­lich zu schlecht geht, müs­sen sie ver­legt wer­den, da die Ab­tei­lung nicht für Pfle­ge­fäl­le aus­ge­rich­tet ist.

Der letz­te Häft­ling, der die Le­ben­s­äl­te­ren-Ab­tei­lung der JVA Rhein­bach ver­ließ, kam auf die Pfle­ge­sta­ti­on in der JVA Hö­vel­hof. Er hat Krebs.

24 MalVor­freu­de „Man­che In­sas­sen wer­den aus der Haft nicht le­bend her­aus­kom­men“

FO­TO: ANDRE­AS BRETZ

Ei­ner der In­sas­sen in der Ab­tei­lung für „le­bens­äl­te­re Ge­fan­ge­ne“ist Tho­mas Wolf. Der 63-Jäh­ri­ge ver­ur­teil­te Bank­räu­ber und Er­pres­ser sitzt seit 1980 im­mer wie­der in Ge­fäng­nis­sen. In der Rent­ner­grup­pe hat er nach lan­ger Zeit wie­der Kon­takt zu Men­schen ge­fun­den.

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