Je­der ge­gen je­den und al­le ge­gen ei­nen

Auf Ko­ali­ti­ons­aus­sa­gen wol­len die Par­tei­en im Wahl­kampf ver­zich­ten. Die­se Ent­schei­dung birgt Ri­si­ken und kann der AfD hel­fen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON EVA QUAD­BECK

BER­LIN In den Par­tei­zen­tra­len in Ber­lin sit­zen die Stra­te­gen und Be­ra­ter schon in Hab-acht-Stel­lung. Al­le rech­nen da­mit, dass sich der Bun­des­tags­wahl­kampf 2017 von den Aus­ein­an­der­set­zun­gen der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te mas­siv un­ter­schei­den wird. Der Ton wird schär­fer, die Kon­kur­renz grö­ßer und der Ein­fluss so­zia­ler Me­di­en un­be­re­chen­ba­rer.

Auch Ver­bün­de­te wird es nicht mehr ge­ben. Die Par­tei­en wer­den vor­aus­sicht­lich al­le­samt oh­ne Ko­ali­ti­ons­aus­sa­ge in den Wahl­kampf zie­hen. Zu­letzt kann­te die Re­pu­blik zwei La­ger: Rot-Grün und Schwar­zGelb. Wenn es da­für nicht reich­te, schloss man sich zur gro­ßen Ko­ali­ti­on zu­sam­men. Mit dem Wan­del der Par­tei­en und dem Auf­kom­men der AfD sind die Lan­des­re­gie­run­gen schon bun­ter ge­wor­den: Rot-Ro­tG­rün in Thü­rin­gen und Ber­lin, Ro­tG­rün-Gelb in Rhein­land-Pfalz, Schwarz-Rot-Grün in Sach­sen-An­halt und Grün-Schwarz in Ba­denWürt­tem­berg.

Die al­ten La­ger ha­ben sich auf­ge­löst. Auch auf Bun­des­ebe­ne sind nach der Bun­des­tags­wahl völ­lig neue Kon­stel­la­tio­nen von ei­nem rot-rot-grü­nen Bünd­nis über ei­ne schwarz-grü­ne Re­gie­rung oder auch ei­ne Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on – Schwarz-Grün ge­mein­sam mit der FDP – denk­bar. Nun will je­de Par­tei für sich kämp­fen. Die Fra­ge ist: Geht das gut? Zwar wäh­len nicht all­zu vie­le Bür­ger tak­tisch, nach dem Mot­to: Ich wün­sche mir fol­gen­de Ko­ali­ti­on, da­her ma­che ich mein Kreuz bei die­ser oder je­ner Par­tei. Aber die Bür­ger schau­en schon dar­auf, ob ihr Fa­vo­rit ei­ne Macht­per­spek­ti­ve hat, al­so die Chan­ce, in ei­nem Re­gie­rungs­bünd­nis die Wei­chen für das Land zu stel­len.

Der feh­len­de La­ger­wahl­kampf al­ler Art ist al­so vor al­lem für die klei­nen eta­blier­ten Par­tei­en ein Ri­si­ko: Lin­ke, Grü­ne und Li­be­ra­le. Der Wäh­ler weiß bei­spiels­wei­se nicht, ob die Lin­ke sich ei­gent­lich wei­ter­hin nur als Op­po­si­ti­ons­par­tei wäh­len lässt oder be­reit ist, sich in rot­grü­ne Re­gie­rungs­dis­zi­plin ein­bin­den zu las­sen. Der Wäh­ler weiß auch nicht, ob die Grü­nen lie­ber ei­nem Links­bünd­nis in die Stie­fel hel­fen oder An­ge­la Mer­kel das Kanz­ler­amt si­chern wol­len.

Da es die al­ten La­ger nicht mehr gibt, bahnt sich viel­mehr ein La­ger- wahl­kampf der neu­en Art an: Auf der ei­nen Sei­ten ste­hen die eta­blier­ten Par­tei­en und auf der an­de­ren Sei­te die AfD, die mit schein­bar ein­fa­chen Lö­sun­gen die Eta­blier­ten alt aus­se­hen las­sen will.

Die eta­blier­ten Par­tei­en ste­cken in ei­nem Di­lem­ma: Im Wahl­kampf kommt es auf Wahr­nehm­bar­keit an. Mit po­pu­lis­ti­schen Pa­ro­len und ge­ziel­ten Pro­vo­ka­tio­nen, wie sie zum Re­per­toire der AfD ge­hö­ren, ist die­ses Ziel leicht zu er­rei­chen. Wenn die eta­blier­ten Par­tei­en sich nicht mehr als Teil po­li­ti­scher La­ger zu er­ken­nen ge­ben wol­len, müs­sen sie für sich al­lein um­so pro­fi­lier­ter wer­den. Soll­ten sie da­bei nicht schril­ler wer­den wol­len als die AfD, wird es für sie schwie­rig, auf­zu­fal­len und durch­zu­drin­gen.

Die Uni­on könn­te noch am ehes­ten von die­ser Art des La­ger­wahl­kampfs pro­fi­tie­ren. Sie hat trotz der bei AfD-An­hän­gern ver­brei­te­ten Mer­kel-muss-weg-Stim­mung nach wie vor ei­ne kla­re Macht­per­spek­ti­ve. Ko­ali­ti­ons­fä­hig ist sie mit SPD, Grü­nen und FDP. Dass sich auch die Grü­nen nicht mehr zwin­gend im lin­ken La­ger ver­or­ten, nutzt al­so vor al­lem der Uni­on.

Wäh­rend es Mer­kel ge­lun­gen war, die Wahl­kämp­fe 2009 und 2013 so ru­hig zu ge­stal­ten, dass Tei­le ih­rer Geg­ner ganz ver­ga­ßen, zur Wahl zu ge­hen, ist 2017 mit ei­ner deut­lich hö­he­ren Wahl­be­tei­li­gung zu rech­nen. Mehr noch: Die Ge­sell­schaft ist so po­li­ti­siert, wie sie es wohl seit En­de der 60er Jah­re nicht mehr war. Die Par­tei­en müs­sen im Wahl­kampf 2017 da­mit um­ge­hen.

Bei den ver­gan­ge­nen Bun­des­tags­wahl­kämp­fen war es für die meis­ten Hel­fer un­ter den Schir­men mit Par­tei­lo­go das schlimms­te Er­leb­nis, wenn sie ein­fach igno­riert wur­den. Die Par­tei­zen­tra­len rech­nen da­mit und be­rei­ten ih­re Wahl­kampf­hel­fer dar­auf vor, dass ih­re ak­ti­ven Mit­glie­der 2017 be­schimpft oder an­ge­grif­fen wer­den.

Und nicht nur die Ton­la­ge der po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung hat sich ver­schärft, auch die Zahl der po­li­tisch mo­ti­vier­ten Ge­walt­ta­ten, von rechts wie von links, ist ge­stie­gen. Im Wahl­kampf kann sich ei­ne sol­che Stim­mung wei­ter auf­la­den. Das wie­der­um kann da­zu füh­ren, dass die eta­blier­ten Par­tei­en, die aus Ach­tung vor der de­mo­kra­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung be­stimm­te Gren­zen nicht über­schrei­ten, doch en­ger zu­sam­men­rü­cken. Die Ton­la­ge in den so­zia­len Netz­wer­ken wird den Trend der ag­gres­si­ven po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung be­feu­ern. Ob es ge­lingt, die au­to­ma­ti­schen Mei­nungs­ma­cher „Bots“aus dem Wahl­kampf her­aus­zu­hal­ten, ist of­fen.

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