IN­TER­VIEW IN­GO KRA­MER „Deutsch­land ist ein Hort der Sta­bi­li­tät“

Der Ar­beit­ge­ber­prä­si­dent be­grüßt die vier­te Kanz­ler­kan­di­da­tur An­ge­la Mer­kels und pro­phe­zeit der AfD ein kur­zes Le­ben. In der Ren­ten­po­li­tik warnt er vor stark stei­gen­den Lohn­ne­ben­kos­ten, beim di­gi­ta­len Um­bau vor zu star­ren Ar­beits­zei­ten.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT - BIR­GIT MAR­SCHALL UND EVA QUAD­BECK FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH.

Herr Kra­mer, An­ge­la Mer­kel tritt ein vier­tes Mal als CDU-Kanz­ler­kan­di­da­tin an. Ist das ein Zei­chen der Sta­bi­li­tät oder des Still­stands? KRA­MER In die­ser un­ru­hi­gen Welt, in der wir uns be­fin­den, ist Sta­bi­li­tät ein Fak­tor, nach dem sich die Be­völ­ke­rung zu Recht sehnt. Von da­her, glau­be ich, ist die Kanz­ler­kan­di­da­tur von Frau Mer­kel ein der Zeit an­ge­mes­se­nes Lö­sungs­an­ge­bot. Je­man­den, der heu­te Hü und mor­gen Hott sagt und in Kri­sen­fäl­len kei­nen kla­ren Kurs führt, wür­de ich lie­ber nicht vor­ne se­hen. Nach dem Br­ex­it und Trump – wie wirkt der Sie­ges­zug der Rechts­po­pu­lis­ten auf die Wirt­schaft 2017? KRA­MER Die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on für Deutsch­land wird 2017 noch ähn­lich gut sein wie in die­sem Jahr. Der Br­ex­it trifft uns we­ni­ger als Groß­bri­tan­ni­en. Der niedrige Eu­roKurs hilft un­se­rer Ex­port­wirt­schaft. Wir ha­ben uns schon ein biss­chen auf die po­li­ti­schen Um­brü­che ein­ge­stellt. Von au­ßen be­trach­tet gel­ten wir in der Welt wei­ter­hin als ein Hort der Sta­bi­li­tät. Was wir nicht wis­sen, ist, wel­che Aus­wir­kun­gen die po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen von Trump und an­de­ren neu Ge­wähl­ten in der Zu­kunft ha­ben wer­den. Auch in Deutsch­land wird 2017 ge­wählt. Wel­che Fol­gen hat der Auf­stieg der AfD für die Wirt­schaft? KRA­MER Die AfD ist ei­ne Momentaufnahme. Dass die AfD im ope­ra­ti­ven Ge­schäft die Po­li­tik in die fal­sche Rich­tung be­ein­flus­sen kann, er­war­te ich nicht. Kaum sind sie im Par­la­ment, fan­gen sie an, sich zu zer­le­gen. Ich kann mir auch nicht vor­stel­len, dass die AfD in der La­ge wä­re, Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Viel wich­ti­ger ist die Fra­ge: Was kön­nen die üb­ri­gen Par­tei­en tun, um nicht noch mehr Wäh­ler an die AfD zu ver­lie­ren? Ich bin mir si­cher, dass sehr vie­le Wäh­ler zu­rück­ge­holt wer­den könn­ten. Da­mit mei­ne ich: ih­re Ängs­te und Pro­blem­be­schrei­bun­gen ernst neh­men und sich mit ih­nen aus­ein­an­der­set­zen. Da­zu muss man nicht so ra­di­kal wie die AfD wer­den. Ei­ne Mehr­heit könn­te es für Rot-Ro­tG­rün ge­ben. Ein ro­tes Tuch für Sie? KRA­MER Rot-Rot-Grün wür­de Deutsch­land nicht gut tun. Das ist kei­ne Per­spek­ti­ve – we­der in­nen­noch au­ßen- noch wirt­schafts­po­li­tisch. Und Schwarz-Grün? KRA­MER In Ba­den-Würt­tem­berg und Hes­sen ist Schwarz-Grün nicht er­folg­los. Auf Bun­des­ebe­ne wä­re das aber ein No­vum. Die Um­set­zung der Be­schlüs­se der Grü­nen auf ih­ren letz­ten Par­tei­tag wür­de dem Wirt­schafts­stand­ort Deutsch­land nicht gut tun. Wie be­wer­ten Sie die jüngs­ten Ren­ten­be­schlüs­se der Ko­ali­ti­on? KRA­MER Es gibt gu­te Grün­de für die Er­hö­hung der Er­werbs­min­de­rungs­ren­te. Die An­he­bung hier ist al­so grund­sätz­lich in Ord­nung. Pro­ble­ma­ti­scher ist die An­pas­sung der Os­tRen­ten. Die Ost-An­glei­chung, wenn sie denn po­li­tisch ge­wollt ist, muss für die Ren­ten­ver­si­che­rung un­be­dingt kos­ten­neu­tral blei­ben. Was hal­ten Sie da­von, das Ren­ten­ni­veau bei 46 Pro­zent ein­zu­frie­ren? KRA­MER Wir müs­sen mit Blick auf die De­mo­gra­fie und das Ren­ten­ni­veau auf­pas­sen, dass uns nicht der Ren­ten­bei­trags­satz völ­lig aus dem Ru­der läuft. Je­der Ren­ten­bei­trags­punkt zu­sätz­lich kos­tet uns mehr als elf Mil­li­ar­den Eu­ro jähr­lich und da­mit auch Jobs. Das ist un­wei­ger­lich so, weil vie­le Un­ter­neh­men bei stei­gen­den Per­so­nal­kos­ten nicht neue Jobs schaf­fen kön­nen. Die Hö­he des Ren­ten­ni­veaus hängt doch maß­geb­lich von der Ba­lan­ce von Bei­trags­zah­lern und Ren­ten­emp­fän­gern ab. Hier liegt noch Po­ten­zi­al. Das darf die Po­li­tik nicht ver­ges­sen. Was muss die Po­li­tik in der nächs­ten Wahl­pe­ri­ode un­be­dingt an­pa­cken? KRA­MER Wir müs­sen un­ser Ar­beits­zeit­ge­setz an die Di­gi­ta­li­sie­rung an­pas­sen. Es war ei­ne gu­te Ent­schei­dung von Ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les, dass sie das the­ma­ti­siert hat und auch zu ei­ner Öff­nung der star­ren Ar­beits­zeit be­reit ist. Ins­ge­samt brau­chen wir mehr Fle­xi­bi­li­tät in der di­gi­ta­len Ar­beits­welt – vor al­lem mehr Gestal­tungs­spiel­raum für die So­zi­al­part­ner in der Ta­rif­po­li­tik, statt im­mer neue ge­setz­li­che Re­gu­lie­run­gen und im­mer neue bü­ro­kra­ti­sche Auf­la­gen. Wird die Di­gi­ta­li­sie­rung Jobs kos­ten? KRA­MER Nein, im Ge­gen­teil. Die Di­gi­ta­li­sie­rung bringt gra­vie­rend mehr Ar­beits­plät­ze. Auf der ei­nen Sei­te fal­len spe­zi­fi­sche Jobs et­wa in ein­zel­nen Sek­to­ren weg, aber auf der an­de­ren ent­steht ei­ne Fül­le neu­er Jobs in neu­en Bran­chen, in Star­tUps, im Di­enst­leis­tungs­sek­tor, im Ge­sund­heits­sek­tor. Un­ser Pro­blem wird eher sein, dass wir nicht mehr ge­nü­gend Men­schen fin­den, die die Ar­beit künf­tig er­le­di­gen kön­nen.

FO­TO: DPA

In­go Kra­mer steht seit 2013 an der Spit­ze der Bun­des­ver­ei­ni­gung der deut­schen Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de.

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