Ein Wör­ter­buch ge­gen Ko­reas sprach­li­che Tei­lung

Sechs Jahr­zehn­te Ab­schot­tung von Nord und Süd ha­ben da­zu ge­führt, dass ein Drit­tel des Wort­schat­zes über­setzt wer­den muss.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WEITSICHT - VON FE­LIX LILL

SEO­UL Wie vie­le sei­ner Rei­sen schon in letz­ter Mi­nu­te ab­ge­sagt wur­den, kann Kim Wan-seo nicht mehr zäh­len. Die letz­te war im Früh­jahr die­ses Jah­res. Ein Tref­fen in Nord­ko­reas Haupt­stadt Pjöngjang war an­ge­setzt, mit füh­ren­den Sprach­wis­sen­schaft­lern der Re­gie­rung. Aber als der Nor­den ei­nen Atom­waf­fen­test mach­te, der Re­gie­rungs­chef Kim Jong-un da­zu mit ei­nem hei­li­gen Krieg ge­gen die Fein­de Nord­ko­reas droh­te, stor­nier­te der Sü­den Kim Wan-se­os Ti­cket. „Mir macht das nichts mehr aus“, sagt er und zuckt mit sei­nen Schul­tern. „Das, was man an­ders­wo Nor­ma­li­tät nennt, wä­re bei uns ei­gent­lich ein Aus­nah­me­zu­stand.“Da­bei geht es ihm nur um ein Wör­ter­buch.

Ein be­son­de­res al­ler­dings. Der Lin­gu­ist ar­bei­tet an ei­nem Werk, das das ers­te of­fi­zi­el­le nord­ko­rea- nisch-süd­ko­rea­ni­sche Le­xi­kon wer­den soll. Seit 1989 sit­zen je zehn Kol­le­gen im Sü­den und im Nor­den an die­sem Pro­jekt. Von den 300.000 Wör­tern In­halt be­darf ein Drit­tel ei­ner in­ner­ko­rea­ni­schen Über­set­zung. Drei Vier­tel da­von sind er­le­digt. Fast al­les fer­tig, könn­te man den­ken. Nur un­ter­stüt­zen die Re­gie­run­gen bei­der Län­der das Vor­ha­ben je nach po­li­ti­scher La­ge mehr oder we­ni­ger. Im Mo­ment sind die Ar­beits­be­din­gun­gen mal wie­der schwie­ri­ger ge­wor­den. Die Ver­bin­dung ist ab­ge­bro­chen.

Sein mit Aus­dru­cken und For­mu­la­ren voll­ge­stopf­tes Bü­ro in Seo­ul konn­te Kim Wan-seo die­ses Jahr noch nicht gen Nor­den ver­las­sen. Auf die neu­es­ten frem­den Wör­ter aus dem Nor­den, die er in mit Son­der­ge­neh­mi­gung im­por­tier­ten Ma­ga­zi­nen und Bü­chern ge­le­sen hat, muss er sich sei­nen ei­ge­nen Reim ma­chen. Und es gibt so vie­le. „Im- mer, wenn ich in Zei­tun­gen le­se, dass sich Nor­den und Sü­den nicht ver­ste­hen, fra­ge ich mich: Ist die Po­li­tik oder die Spra­che ge­meint?“Bei­des, glau­ben Kim Wan-seo und sein Kol­le­ge Kim Hak-muk. „Wir wol­len, dass sich al­le Ko­rea­ner wie­der ver­ste­hen“, sagt Kim Hak-muk, eben­falls ein Lin­gu­ist.

Mehr als 60 Jah­re, seit dem Aus­bruch des Ko­rea­kriegs 1950, der 1953 in ei­nem Waf­fen­still­stand en­de­te, hat es kaum kul­tu­rel­len Aus­tausch ge­ge­ben. Rund 29.000 Flücht­lin­ge aus dem Nor­den le­ben heu­te im Sü­den. Ein Groß­teil der In­for­ma­ti­on über den Nor­den kommt von ih­nen. Auf in­ter­na­tio­na­len Sport­ver­an­stal­tun­gen er­wär­men sel­te­ne Ver­stän­di­gungs­be­mü­hun­gen die Ge­mü­ter, zum Bei­spiel ge­mein­sa­me Spie­le im Tisch­ten­nis. In Süd­ko­rea stu­diert die Schau­spiel­schu­le Set­net, be­ste­hend aus jun­gen Nord­und Süd­ko­rea­nern, Thea­ter­stü­cke ein und führt sie in­ter­na

tio­nal vor. Was im Nor­den an Ver­stän­di­gungs­kul­tur ge­pflegt wird, ist kaum be­kannt. Und viel ist es auch im Sü­den nicht. Es ist schließ­lich ein heik­les The­ma. Das war nicht im­mer so. In den Nul­ler­jah­ren wag­te die da­mals links­li­be­ra­le süd­ko­rea­ni­sche Re­gie­rung ei­ne An­nä­he­rung an den Nor­den, be­kannt als „Son­nen­schein­po­li­tik“. Mi­nis­ter und Re­gie­rungs­chefs be­such­ten sich, lie­ßen sich mit­ein­an­der fo­to­gra­fie­ren. In die­ser Zeit durf­ten sich auch die Lin­gu­is­ten Kim Wan-seo und Kim Hak-muk re­gel­mä­ßig mit ih­ren Kol­le­gen im Nor­den aus­tau­schen. Als im Sü­den die Re­gie­rung wech­sel­te, schlie­fen die Initia­ti­ven ein. Und mit der Nach­fol­ge von Kim Jong-un auf des­sen 2011 ver­stor­be­nen Va­ter Kim Jong-il hat sich auch die Hal­tung des Nor­dens ge­gen­über dem Sü­den ver­schärft.

Es gibt nicht mehr viel, was die bei­den Ko­reas eint. Die Spra­che aber ha­ben sie noch ge­mein, teil­wei­se zu­min­dest. „Wenn wir die Ent­wick­lung nicht ge­nau ver­fol­gen, ver­ste­hen wir uns ir­gend­wann auch sprach­lich gar nicht mehr“, fürch­tet Kim Hak-muk. „In den Jahr­zehn­ten der Tren­nung hat sich der Sprach­ge­brauch in bei­den Län­dern sehr stark ver­än­dert.“Phä­no­me­ne, die durch die Di­gi­ta­li­sie­rung ent­stan­den, wer­den im Sü­den durch An­gli­zis­men be­schrie­ben, im Nor­den durch ko­rea­ni­sche Neo­lo­gis­men. Smart­pho­ne heißt „tatchi“im Nor­den, aber „hand­pho­ne“im Sü­den.

Un­ter Miss­ver­ständ­nis­sen, glaubt Kim Hak-muk, hat die ko­rea­ni­sche Halb­in­sel in den letz­ten Jah­ren zu sehr ge­lit­ten. Die Fer­tig­stel­lung des Wör­ter­buchs ist für 2019 ge­plant. Ob es dann auch er­schei­nen darf, dürf­te aber ganz ent­schei­dend von der po­li­ti­schen La­ge ab­hän­gen.

FO­TO: LILL

Kim Wan-seo (l.) und Kim Hak-muk ar­bei­ten ge­mein­sam am Le­xi­kon.

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