Gregor Schnei­der pul­ve­ri­siert Go­eb­bels

Die ers­te Über­sichts­schau des Rhe­ydters läuft in der Bun­des­kunst­hal­le. „Wand vor Wand“lehrt al­ler­dings die Düs­ter­nis.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON AN­NET­TE BO­SET­TI

BONN Man weiß nicht, wo­von man zu­erst be­rich­ten soll: von der Düs­ter­nis, die sich dort aus­brei­tet, wo tra­di­tio­nell die schö­nen Küns­te zu Hau­se sind und in freund­li­chen Far­ben an den Wän­den er­strah­len. Von Des­ori­en­tie­rung, Klaus­tro­pho­bie oder Be­klem­mung, die fast je­den beim Durch­wan­deln der Räu­me um­fan­gen. Oder von dem zar­ten Hin­weis der Ver­an­stal­ter, dass kör­per­lich un­fit­te Men­schen den von Gregor Schnei­der er­rich­te­ten Par­cours nicht durch­lau­fen soll­ten.

Schnei­ders Aus­stel­lung „Wand vor Wand“er­öff­net ei­ne neue Di­men­si­on im Mu­se­um mit ih­rer Ideo­lo­gie der nach­ge­bau­ten Räu­me. Man tas­tet sich durch ei­ne un­de­fi­nier­te stock­fins­te­re Land­schaft, vor­bei an der Lie­bes­lau­be durch ei­ne Ga­ra­ge und ei­nen muf­fi­gen Kel­ler. Man durch­quert ei­ne Kühl­zel­le und ei­nen an Guan­ta­na­mo ge­mah­nen­den Ort der Iso­la­ti­on. Man kriecht durch en­ge Ein­gän­ge oder auf­ge­schnit­te­ne Röh­ren. An ei­ner Stel­le wur­de ein Not­aus­gang für Pa­nik­her­zen ein­ge­zo­gen. Ir­gend­wann glaubt man vi­el­leicht, den Bo­den un­ter den Fü­ßen zu ver­lie­ren.

Das Mu­se­um ist kein Mu­se­um mehr. Der In­ten­dant der Bun­des­kunst­hal­le, Rein Wolfs, hat Jah­re der Vor­be­rei­tung ge­braucht, um die ers­te gro­ße Über­sichts­aus­stel­lung des Rhe­ydter Bild­hau­ers und Kunst­pro­fes­sors vor­zu­be­rei­ten. Sie­ben Lkw mit Bau­stoff und Ori­gi­nal­bau­ten muss­ten her­an­ge­karrt wer­den, ei­ne Groß­bau­stel­le ging der Er­öff­nung vor­aus. „Sie wer­den das Mu­se­um ver­ges­sen, ver­lie­ren, nicht mehr wis­sen, wo Sie sind. Es ist ei­ne sehr emo­tio­na­le Aus­stel­lung.“

In ei­nem gro­ßen Ge­fühl der Ein­sam­keit, der ver­geb­li­chen Ver­or­tung, in den Schrei­en ei­nes Her­an­wach­sen­den liegt ver­mut­lich auch der An­trieb des Bild­hau­ers, ei­ne Art von Kunst zu ent­wi­ckeln, die so ab­sei­tig ist, dass vie­le sie nicht so­gleich ver­ste­hen, gleich­wohl sie sich von die­sem Schnei­der­schen Raum­er­leb­nis ma­gisch an­ge­zo­gen füh­len. In Bonn brei­tet der mit dem Gol­de­nen Lö­wen von Ve­ne­dig aus­ge­zeich­ne­te jun­ge Star auch frü­he Wer­ke aus wie ei­ne Zeich­nung sei­ner selbst mit weit auf­ge­ris­se­nem Mund. Vi­el­leicht sein Ur­schrei. Auf­schluss­reich ist der von ihm selbst da­zu­ge­stell­te Kom­men­tar: „Ich ha­be dau­ernd wei­ter­ge­zeich­net . . . sehr stark auf­ge­la­de­ne Din­ge, ha­be auch un­ter­schied­li­che Tech­ni­ken ein­ge­setzt und auf die Kunst­ge­schich­te ge­schaut.“Das al­les hat nicht aus­ge- reicht, sei­nen Schaf­fens­druck zu mil­dern. Er woll­te sich stei­gern, sicht­bar ma­chen, was sich jen­seits al­ler Sicht­bar­keit ver­birgt. Al­lei­ne durch die Ah­nung des­sen, was ver­bor­gen bleibt, funk­tio­niert die Be­wer­tung sei­nes Wer­kes.

Mit 16 be­gann Schnei­der mit der Ar­beit an sei­nem Haus an der Un­ter­he­yde­ner Stra­ße 12 in Rhe­ydt, dem „Haus u r“, das ihn be­rühmt mach­te. Sei­ne El­tern hat­ten den pu­ber­tie­ren­den Sohn dort­hin ver­bannt, auf dass er in Ru­he sei­ne künst­le­ri­schen Am­bi­tio­nen ent­wi­ckeln soll­te. Doch statt zu ma­len, bau­te er die glei­chen Räu­me in die vor­han­de­nen ein, in Kin­der- und Schlaf­zim­mer, Kü­chen und Flu­re. Er zog De­cken un­ter De­cken, er­rich­te­te Wän­de vor Wän­den. Es fließt viel Fan­ta­sie in sol­che Ar­bei­ten, die die größt­mög­li­che In­fra­ge­stel­lung von Iden­ti­fi­zier­bar­keit be­deu­ten. „Was ich tue, ist den­ken“, sagt der Künst­ler, „drei­di­men­sio­nal und kon­kret. Es denkt für sich, geht dann in der Sa­che wei­ter . . . Ich glau­be, dass das Den­ken in den Din­gen steckt, dass die­se wie­der­um spre­chen und mein Ge­dächt­nis sind.“

Au­ßer ver­schie­de­nen Räu­men aus „Haus u r“ist auch der Ster­be­raum zu se­hen – hell er­leuch­tet, doch oh­ne ster­ben­den Mensch, so wie sich der Künst­ler das vor­ge­stellt hat­te. Kri­tik hat­te er ein­ste­cken müs­sen für das Pro­jekt, To­des­dro­hun­gen er­reich­ten ihn. Da­bei hat­te er den Tod ent­ta­bui­sie­ren wol­len, er könn­te sich vor­stel­len, sein ei­ge­nes Ster­ben öf­fent­lich zu in­sze­nie­ren.

Das Le­ben an­de­rer le­ben und so be­wer­ten, wo­mög­lich das Bö­se da­von aus­lö­schen. Die­se In­ten­ti­on un­ter­stellt man bei Go­eb­bels’ Ge­burts­haus, das Schnei­der in Rhe­ydt aus­fin­dig ge­macht und er­wor­ben hat­te. Be­vor er es bis auf die Au­ßen­mau­ern pul­ve­ri­sier­te und den Schutt für ei­ne Aus­stel­lung nach Po­len brach­te, setz­te er sich an den Tisch und leg­te sich in das Bett, in dem einst Hit­lers Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter schlief oder ge­zeugt wor­den war. Ein Vi­deo bleibt für das Ge­dächt­nis.

Zwei glei­che, to­tal iso­lier­te Kis­ten brin­gen ei­nen bei der En­t­rät­se­lung des Künst­lers und sei­ner Hin­wen­dung zum Un­be­kann­ten wei­ter. 1986 klei­de­te er die­se mit Iso­la­ti­ons­ma­te­ri­al aus, stell­te sich vor, dass ein Mensch da­rin sit­zen, schrei­en und ster­ben könn­te. Gibt es vi­el­leicht ein Or­gan, fragt er, mit dem sich ei­ne ent­zo­ge­ne Prä­senz au­ßer­halb von Wahr­neh­mung und Er­kennt­nis re­gis­trie­ren lässt? Gibt es stum­me Schreie?

Fer­ner gibt es Do­ku­men­te sei­nes 30-jäh­ri­gen Schaf­fens in dem ein­zig hel­len Raum, Fo­tos, Zeich­nun­gen, ek­lig an­mu­ten­de Kör­perskulp­tu­ren.

Schnei­der ist ein mo­der­ner Si­sy­phos. Dass der Korin­ther Kö­nig auf sei­ne Qu­al an­ge­wie­sen war, mein­te Ul­la Hahn, auch, dass er zu le­ben nicht ge­lernt hat­te. Schnei­der soll­te sich an Ca­mus hal­ten, der sagt, dass der Kampf ge­gen Gip­fel ein Men­schen­herz aus­zu­fül­len ver­mag.

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