Die Sto­nes keh­ren heim

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

DÜS­SEL­DORF Die­se herr­li­che Plat­te hört man nicht bloß, man fühlt sie, und das liegt an der Ge­schich­te, die sie er­zählt. Sie han­delt von zwei Jungs, die sich 1961 am Bahn­hof von Dart­ford tra­fen. Keith Richards war auf dem Weg ins Sid­cup Art Col­le­ge in Lon­don, als er Mick Jag­ger auf dem Bahn­steig ent­deck­te. Der muss schon da­mals ein Fai­b­le für dra­ma­ti­sches Auf­tre­ten ge­habt ha­ben, auf sei­ner Fahrt zur Lon­don School Of Eco­no­mics trug er je­den­falls ei­nen auf­fäl­lig ge­strei­fen Schal. Richards er­zählt die­se Ur-Sze­ne des Pop sehr lie­be­voll in sei­ner Au­to­bio­gra­fie „Li­fe“, und er be­rich­tet, dass er Jag­ger an­sprach, ob­wohl der so wi­der­lich ge­strie­gelt aus­ge­se­hen ha­be. Jag­ger trug näm­lich LPs un­ter dem Arm, es wa­ren Blues-Plat­ten, und Blues hör­te Richards auch: „Hal­lo, ich bin Keith.“

Die Sto­nes ha­ben nach elf Jah­ren War­te­zeit ein neu­es Al­bum ver­öf­fent­licht, es heißt „Blue & Lo­ne­so­me“, es ist ein Blues-Al­bum und be­steht aus Co­ver­ver­sio­nen der al­ten Hel­den How­lin’ Wolf, Wil­lie Di­xon und Litt­le Wal­ter. Bin­nen drei Ta­gen spiel­ten sie die Stü­cke ein, es ist das ers­te Al­bum seit 1967, das kom­plett in Lon­don ent­stand, und weil Eric Clap­ton ne­ben­an auf­nahm, kam er hin­zu und mach­te ein­fach mit.

Die At­mo­sphä­re ist schwül wie am hei­ßes­ten Tag des Som­mers in Loui­sia­na, und der Hö­he­punkt der Plat­te ist „All Of Your Love“von Ma­gic Sam. Das Stück be­ginnt mit ei­nem Juch­zen Jag­gers, der sich hier oh­ne­hin ver­flixt gut an­hört, und drückt sich dann lang­sam und kör­per­warm durch die Laut­spre­cher. Der Sound ist toll, kör­nig und roh, die Mund­har­mo­ni­ka seufzt schwer­mü­tig und hofft auf ein Ge­wit­ter, nur das Pia­no ist gut drauf, und al­les flirrt und glänzt dun­kel­gol­den.

Die Plat­te ist ei­ne Ver­nei­gung, und über­haupt sind die Sto­nes ja im­mer ehr­fürch­tig mit dem Blues um­ge­gan­gen, im Ge­gen­satz zu Led Zep­pe­lin, die ihn aus­ge­wei­det ha­ben. Die Sto­nes keh­ren mit die­ser pas­sio­nier­ten Kum­pel- und Her­zens­plat­te heim in die Ju­gend, sie schlie­ßen ei­nen Kreis. Wenn man das hört, seufzt man die gan­ze Zeit, denn das hier ist die Voll­en­dung, das ist die Ver­wirk­li­chung des al­ten Jungs­traums, dass man näm­lich Freund­schaf­ten we­gen mu­si­ka­li­scher Vor­lie­ben grün­det, und dass man die Welt er­obert und sie ve­rän- Rol­ling Sto­nes: dert, und da­bei nie al­lei­ne ist, weil man ja Mu­sik hat und Freun­de. Die­se Plat­te ist der Be­weis, dass es so et­was wie ewi­ge Freund­schaft tat­säch­lich gibt.

Mick und Keith, so wol­len wir sie jetzt ein­fach mal nen­nen, weil sie in all den Jah­ren ja auch un­se­re Freun­de ge­wor­den sind, Mick und Keith tra­fen da­mals als­bald Bri­an Jo­nes und wur­den ei­ne Band. Be­vor sie ih­ren ers­ten Auf­tritt hat­ten, rief Jo­nes bei der Zeit­schrift „Jazz News“an, um den Gig an­kün­di­gen zu las­sen. Er wur­de nach dem Na­men der Band ge­fragt, aber dar­über hat­ten die Jungs gar nicht ge­spro­chen. Sein Blick fiel auf ei­ne Sing­le von Mud­dy Wa­ters: Das ers­te Lied war „Rol­lin’ Sto­ne“. Wie hei­ßen sie denn nun, frag­te die Da­me am Ap­pa­rat un­ge­dul­dig. „Rol­ling Sto­nes.“

Die­se eng­li­schen Lüm­mel ha­ben den Ame­ri­ka­nern den Blues in neu­er Ver­pa­ckung ver­kauft, und nun sind sie alt und keh­ren heim in den Blues, den Sound der al­ten Män­ner. Und da­mit ent­he­ben sie den Pop, der ja wie kei­ne an­de­re Kunst­form an die Ge­gen­wart ge­kop­pelt ist, al­ler Zeit­lich­keit und jeg­li­cher Mo­de. Die Rol­ling Sto­nes sind nicht mehr nur Mu­si­ker, sie schwe­ben über al­lem, sie sind als Freun­de eben­so be­deu­tend wie als Künst­ler. Nun ha­ben sie das Größ­te ge­schafft: Sie ha­ben die Zeit be­siegt.

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