Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Der Kell­ner brach­te das Osso­bu­co, und Jo­nas be­stell­te zur Fei­er des Ta­ges, ach was, al­ler kom­men­den Ta­ge, ei­ne Fla­sche Ti­gna­nel­lo. Die Kalb­s­ha­xe war so, wie sie sein muss­te: zart und mit frisch­ge­rie­be­ner Zi­tro­nen­scha­le in der Gre­mo­la­ta. Der Ti­gna­nel­lo hat­te ein Bou­quet wie ein sorg­fäl­tig ge­pfleg­tes an­ti­kes Mö­bel, Clau­dio Vil­la sang Cor­de del­la mia chi­tar­ra, die Bran­dung der Stim­men wog­te auf und ab, und die Un­tröst­li­che ihm ge­gen­über wein­te laut­los vor sich hin. Jetzt fehl­te nur noch Ma­ri­na.

Jo­nas nahm sein Han­dy aus der Ta­sche und wähl­te ih­re Num­mer. Sie mel­de­te sich so­fort.

„Stö­re ich bei der Be­sche­rung?“, frag­te er. „Nein, beim Es­sen.“„Was gibt es?“„Fon­due chi­noi­se.“„Siehst du, das ist ei­ner der Grün­de, wes­halb ich Weih­nach­ten nicht mag.“Sie lach­te, ant­wor­te­te aber nichts. „Willst du das Ver­rück­tes­te wis­sen, was mir je im Le­ben pas­siert ist?“„Wenn es rasch er­zählt ist.“„Ich ma­che Mon­te­cris­to.“„Hä?“„Heu­te ha­be ich Mit­tag ge­ges­sen mit Jeff Rebstyn.“„Von der Nem­bus?“„Ge­nau der.“„Nimmst du mich auf den Arm?“„Nein. Wür­de ich aber ger­ne. In den Arm.“

Als er auf­leg­te, merk­te er, dass die Un­tröst­li­che nicht mehr wein­te und mit­ge­hört hat­te. Sie fühl­te sich er­tappt und lä­chel­te ver­le­gen. Dann sag­te sie: „Ver­zei­hen Sie. Sie klan­gen so glück­lich.“– „Das bin ich auch“, ant­wor­te­te schung.

Sie hob das Glas und stieß mit ihm an. „Gra­tu­lie­re“, sag­te sie. Dann wein­te sie wie­der.

Das Glücks­ge­fühl war et­was ge­dämpft durch die Nach­wir­kun­gen des Ti­gna­nel­lo. Er war mit sei­nen Tisch­ge­nos­sen ins Ge­spräch ge­kom­men und hat­te noch ei­ne Fla­sche be­stellt. Und die­se hat­ten sich nicht lum­pen las­sen und nach­ge­dop­pelt. Das al­les wä­re halb so schlimm ge­we­sen, wenn der Kell­ner an­ge­sichts der Rech­nung nicht noch ei­ne Run­de Grap­pa del­la ca­sa ge­bracht hät­te. Je­den­falls hat­ten sie sich mit „Fro­he Weih­nach­ten“von­ein­an­der ver­ab­schie­det.

Als er aus dem Cesa­re ge­tre­ten war, hat­te es ge­schneit. In den Licht­ke­geln der Stra­ßen­la­ter­nen wir­bel­ten Schnee­flo­cken, und die Pfos­ten der Vor­gar­ten­zäu­ne tru­gen wei­ße Hüt­chen.

Jo­nas Brand war glück­lich nach Hau­se ge­schlen­dert, hat­te die Flo­cken mit der Zun­ge auf­ge­fan­gen wie ein Kind und ver­sucht, die Leucht­mit­tel der La­ter­nen mit Schnee­bäl­len zu tref­fen.

Das Te­le­fon hat­te ihn ge­weckt. Er sah auf den We­cker: Zehn Uhr zwölf. Auf dem Dis­play stand „Max“an­statt „Ma­ri­na“. Er räus­per­te sich. „Max?“„Ha­be ich dich ge­weckt?“„Ja. Ha­be ge­fei­ert.“„Das Christ­kind?“„Nein, Mon­te­cris­to.“„Dein ge­schei­ter­tes Film­pro­jekt?“„Mein Film­pro­jekt. Rebstyn macht es. Hat Geld auf­ge­trie­ben. Wes­halb rufst du an?“

„Ich ha­be ein we­nig zu Pao­lo Con­ti­ni re­cher­chiert.“

Nach ei­ner Pau­se sag­te Jo­nas: „Con­ti­ni hat, of­fen ge­stan­den, seit ges­tern nicht mehr ers­te Prio­ri­tät.“ er zu sei­ner Über­ra- „Ver­ste­he“, schnauz­te Max. „Klingt aber nicht da­nach.“„Ich ha­be ge­lernt, dass man et­was zu En­de führt, be­vor man et­was Neu­es an­fängt.“

„Ge­nau das ha­be ich vor. Mon­te­cris­to ist das Al­te, Con­ti­ni das Neue.“

„Ver­ste­he. Willst du nicht ein­mal wis­sen, was ich her­aus­ge­fun­den ha­be?“„Sag schon.“„Pao­lo Con­ti­ni galt als der größ­te Drauf­gän­ger des Tra­ding Floors, spiel­te im­mer auf Höchs­t­ri­si­ko. Er küm­mer­te sich nicht um das Risk Ma­nage­ment und kam da­mit nur durch, weil er un­glaub­li­che Ge­win­ne ein­fuhr. Mein Ge­währs­mann sagt, es sei nur ei­ne Fra­ge der Zeit ge­we­sen, bis er ei­nen eben­so un­glaub­li­chen Ver­lust ein­fah­ren wür­de. Sein Tod ha­be die Bank wo­mög­lich vor ei­ner Ka­ta­stro­phe be­wahrt.“„Wer ist dein Ge­währs­mann?“„Das sa­ge ich dir vi­el­leicht dann, wenn Con­ti­ni wie­der dei­ne ers­te Prio­ri­tät ist.“

„Wenn ich zu­rück bin aus Bang­kok. In et­wa zehn Ta­gen. So lan­ge muss das war­ten kön­nen.“„Du gehst nach Bang­kok?“„Re­cher­chie­ren, re­ko­gnos­zie­ren, scou­ten.“Max sag­te nichts. „Max? Bist du noch da?“Er mel­de­te sich wie­der. „Weißt du, wie das für mich aus­sieht? Als woll­te dich je­mand von der Con­ti­ni-Sa­che ab­len­ken.“

Jo­nas über­leg­te. „Weißt du was: Wenn er mir da­für den Film fi­nan­ziert, soll es mir recht sein.“

Aber ganz so leicht nahm er den Ein­wand sei­nes Men­tors nicht. Auch ihm war der Ge­dan­ke schon ge­kom­men: Es war ein be­mer­kens­wer­ter Zu­fall, dass in die bri­san­tes- ten Re­cher­chen sei­ner Kar­rie­re plötz­lich die Er­fül­lung sei­nes gro­ßen Trau­mes hin­ein­schnei­te. Er konn­te sich zwar nicht vor­stel­len, wie das mit­ein­an­der ver­knüpft sein moch­te, aber um es aus­zu­schlie­ßen, wä­re es vi­el­leicht sau­be­rer, die Con­ti­ni-Sa­che ab­zu­schlie­ßen und dann erst nach Bang­kok zu rei­sen.

Er war mit die­sen Zwei­feln be­schäf­tigt, als es klin­gel­te. Es war kurz nach elf am nächs­ten Vor­mit­tag, und er saß im Py­ja­ma in der Kü­che beim zwei­ten Glas Mi­ne­ral­was­ser und dem drit­ten Es­pres­so.

Er sah schon von wei­tem durch das Mus­se­linglas der Woh­nungs­tür ei­ne Sil­hou­et­te, die er so­fort als die von Ma­ri­na er­kann­te. Sie konn­te nicht her­ein, weil sein Schlüs­sel von in­nen steck­te.

Er öff­ne­te, und sie fiel ihm in die Ar­me. Dann hielt sie ihn mit ge­streck­ten Ar­men von sich und mus­ter­te ihn. „Das Fei­ern hast du of­fen­bar schon selbst be­sorgt“, stell­te sie fest. „Gib mir ei­nen Kaf­fee, ich bin seit sechs Uhr auf den Bei­nen.“

In der Kü­che er­zähl­te Jo­nas ihr von Jeff Rebstyn und Mo­vie­fonds und dem Zeit­plan und Rebstyns Vor­schlag, die Re­cher­chen in Bang­kok vor­zu­zie­hen, weil jetzt so­wie­so al­le, die für die Pro­duk­ti­on in Fra­ge kä­men, in den Fe­ri­en sei­en. „Klingt lo­gisch. Wann fliegst du?“„Wir.“Ma­ri­na leg­te die Ar­me um sei­nen Hals und küss­te ihn. „Süß, dass du das sagst, aber es ist un­mög­lich, ich bin bei zwei Events fest ein­ge­plant.“

„Ich bin auch nicht si­cher, ob ich ge­he.“„War­um, um Him­mels wil­len?“Er er­zähl­te ihr von Max’ Skep­sis und sei­nen ei­ge­nen Zwei­feln. (Fort­set­zung folgt)

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