An­ce­lot­ti und Bay­ern – ein Miss­ver­ständ­nis?

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON DE­NIS CANALP

MÜN­CHEN/DÜS­SEL­DORF Die bis­he­ri­ge Sai­son der Bay­ern lässt sich in we­ni­gen Wor­ten so zu­sam­men­fas­sen: An­fangs lief es ge­gen schwa­che Geg­ner gut, dann wur­den die Spie­le zu­se­hends schwä­cher, aber die Er­geb­nis­se stimm­ten noch. Nach den jüngs­ten vier Pflicht­spie­len mit drei Nie­der­la­gen stim­men aber auch die teils glück­lich er­reich­ten Re­sul­ta­te nicht mehr. Da hilft auch der knap­pe Sieg ge­gen Le­ver­ku­sen am ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de nur be­dingt.

Der FC Bay­ern ist in der Sai­son 2016/17 nach Jah­ren der Do­mi­nanz wie­der ei­ne ge­wöhn­li­che Bun­des­li­ga-Mann­schaft. Ei­ne ge­wöhn­li­che Mann­schaft mit den bes­ten Ein­zel­spie­lern der Li­ga, zu­ge­ge­ben. Dass dies aber nicht aus­reicht, um die ho­hen sport­li­chen Zie­le zu er­rei­chen, soll­te spä­tes­tens nach der Nie­der­la­ge beim rus­si­schen Au­ßen­sei­ter FK Ros­tow (2:3) in der Cham- pi­ons Le­ague in der Vor­wo­che je­dem klar sein.

Un­ter Trai­ner An­ce­lot­ti fehlt es den Bay­ern, die un­ter sei­nem Vor­gän­ger Pep Guar­dio­la drei Meis­ter­ti­tel in Se­rie hol­ten und drei­mal im Halb­fi­na­le der Cham­pi­ons Le­ague stan­den, an Do­mi­nanz, Kon­trol­le, de­fen­si­ver Ord­nung, Krea­ti­vi­tät, Tem­po, Sprit­zig­keit und Form. Zwi­schen den ein­zel­nen Mann­schafts­tei­len klaf­fen rie­si­ge Lü­cken, ei­ne Spiel­idee ist kaum zu er­ken­nen.

An­ce­lot­ti hat bis­lang kei­nen Spie­ler bes­ser ge­macht. Im Ge­gen­teil, zahl­rei­che Leis­tungs­trä­ger ru­fen ihr zwei­fels­oh­ne vor­han­de­nes Po­ten­zi­al nicht mehr ab. Al­les nur ei­ne Sys­tem­fra­ge? TV-Ex­per­te Oli­ver Kahn ließ sich am Mitt­woch im ZDF zu der Fra­ge hin­rei­ßen, ob es über­haupt ein „Sys­tem An­ce­lot­ti“gibt. An­ce­lot­ti, der von den Bay­ern im Som­mer nicht ver­pflich­tet wur­de, um ei­ne tak­ti­sche Re­vo­lu­ti­on zu star­ten, son­dern um das Er­be der un­ter Lou­is van Gaal, Jupp Heyn- ckes und eben Guar­dio­la vor­an­ge­trie­be­nen Spiel­wei­se zu ver­wal­ten, hält stur an sei­nem 4-3-3 fest. Mit die­sem Sys­tem hat­te er 2014 mit Re­al Ma­drid die Cham­pi­ons Le­ague ge­won­nen. Mit ganz an­de­ren Spie­ler­ty­pen wohl­ge­merkt. Ei­nen tech­nisch be­schla­ge­nen, drib­bel- und sprint­star­ken Ki­lo­me­ter­fres­ser wie An­gel di Ma­ria, für Re­als Sys­tem und Spiel­wei­se da­mals wich­ti­ger als die Aus­nah­me-Au­ßen­stür­mer Cris­tia­no Ro­nal­do und Ga­reth Ba­le, sucht man bei den Bay­ern ver­geb­lich. Es war je­doch An­ce­lot­ti, der vor der Sai­son be­ton­te, dass der Ka­der stark ge­nug sei, er kei­ne Ver­stär­kun­gen mehr brau­che. Die­se Ein­schät­zung fliegt ihm jetzt um die Oh­ren.

Der Ita­lie­ner, dem der Ruf vor­aus­eilt, sich per­fekt auf das vor­han­de­ne Spie­ler­ma­te­ri­al ein­stel­len zu kön­nen, wirkt der­zeit mit der Si­tua­ti­on über­for­dert. In In­ter­views nach den Spie­len wirkt der Trai­ner ge­nau­so hilf­los wie sei­ne Spie­ler auf dem Platz. Der 57-Jäh­ri­ge, der als ein­zi- ger Trai­ner drei Mal die Cham­pi­ons Le­ague ge­wann und in Mün­chen rund 15 Mil­lio­nen Eu­ro Ge­halt pro Jahr ein­strei­chen soll, flüch­tet sich re­gel­mä­ßig in Plat­ti­tü­den. Nach der Bla­ma­ge in Ros­tow sag­te er: „Ich muss die Mann­schaft so schnell wie mög­lich wie­der in die Spur brin­gen.“Wie er das schaf­fen will, ver­riet er nicht. Ge­gen Le­ver­ku­sen half dann auch, dass der Schieds­rich­ter ein kla­res Hand­spiel von Ja­vi Mar­ti­nez im Straf­raum über­sah.

Ge­lingt dem Re­kord­meis­ter, der nun seit zwei Spiel­ta­gen nur noch Platz zwei in der Bun­des­li­ga be­legt, nicht ei­ne über­zeu­gen­de Trend­wen­de, könn­te es für An­ce­lot­ti schon bald un­ge­müt­lich wer­den. Auch wenn es an Al­ter­na­ti­ven für die Trai­ner­bank man­gelt und die Bay­ern sich ein­ge­ste­hen müss­ten, dass die Ver­pflich­tung des Kon­terFans An­ce­lot­ti für ei­ne der bes­ten Ball­be­sitz-Mann­schaf­ten der Welt ein gro­ßes Miss­ver­ständ­nis ge­we­sen ist.

FO­TO: DPA

Carlo An­ce­lot­ti

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