Neu­an­fang in Frank­reich

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON MAT­THI­AS BEER­MANN UND CHRIS­TI­NE LON­GIN

PA­RIS Lan­ge galt in Frank­reichs Po­li­tik die De­vi­se: Wir neh­men die­sel­ben und ma­chen wei­ter. Das po­li­ti­sche Spit­zen­per­so­nal, vor­wie­gend aus­ge­bil­det auf den Eli­te-Aka­de­mi­en der Na­ti­on, wech­sel­te kaum. Die ewig glei­chen Ge­sich­ter mach­ten ei­ne sich ewig glei­chen­de Po­li­tik. Doch das hat sich ge­än­dert. In­ner­halb von nur zwei Wo­chen muss­ten gleich meh­re­re Schwer­ge­wich­te der po­li­ti­schen Klas­se ih­re Plät­ze räu­men. Das vor­läu­fig letz­te Op­fer die­ses Ele­fan­tenster­bens war nie­mand Ge­rin­ge­rer als der am­tie­ren­de Staats­prä­si­dent François Hol­lan­de. Am Don­ners­tag­abend hat­te der So­zia­list über­ra­schend an­ge­kün­digt, er wer­de im kom­men­den Jahr nicht für ei­ne zwei­te Amts­zeit kan­di­die­ren. Ein Prä­si­dent, der das Hand­tuch wirft – das ist ei­ne Pre­mie­re in der einst von Charles de Gaul­le be­grün­de­ten Fünf­ten Re­pu­blik.

Kurz zu­vor hat­ten schon zwei Ma­ta­do­re der Kon­ser­va­ti­ven das Hand­tuch wer­fen müs­sen. Ni­co­las Sar­ko­zy, Prä­si­dent von 2007 bis 2012, schei­ter­te schon in der ers­ten Run­de der Vor­wahl sei­ner Par­tei. Alain Jup­pé, einst Pre­mier­mi­nis­ter un­ter Jac­ques Chi­rac, wur­de in der Stich­wahl ge­schla­gen. Für Jup­pé be­deu­tet das das Aus sei­ner na­tio­na­len po­li­ti­schen Kar­rie­re und für Sar­ko­zy wohl auch, ob­wohl man bei ihm nie ganz si­cher sein kann.

Es ist ei­ne Zä­sur in der fran­zö­si­schen Po­li­tik, das steht fest. „Der Ab­gang von drei Per­sön­lich­kei­ten, die un­se­rem po­li­ti­schen Le­ben ver­traut wa­ren, in­ner­halb von zehn Ta­gen be­deu­tet ei­ne Er­neue­rung der po­li­ti­schen Klas­se“, schreibt der Po­li­to­lo­ge Do­mi­ni­que Reynié in „Le Mon­de“. Po­li­ti­sche Er­fah­rung, ei­ne po­li­ti­sche Ver­gan­gen­heit mit dem Pres­ti­ge höchs­ter Staats­äm­ter, die frü­her ein­mal gro­ßes Ge­wicht be­sa­ßen – sie schei­nen plötz­lich nicht mehr viel wert zu sein. Auch in Frank­reich nimmt die Kri­tik an den Eli­ten zu. Was frei­lich noch nicht heißt, dass das po­li­ti­sche Per­so­nal kom­plett aus­ge­wech­selt wor­den wä­re. Im­mer­hin geht mit François Fil­lon eben­falls ein frü­he­rer Re­gie­rungs­chef für die Kon­ser­va­ti­ven ins Ren­nen um die Prä­si­dent­schaft. Und bei den So­zia­lis­ten wer­den dem am­tie­ren­den Pre­mier­mi­nis­ter Ma­nu­el Valls der­zeit die bes­ten Chan­cen nach­ge­sagt, als Kan­di­dat der So­zia­lis­ten das Er­be von Hol­lan­de an­zu­tre­ten.

Ma­ri­ne Le Pen vom rechts­ex­tre­men Front Na­tio­nal hat schon da­mit be­gon­nen, die­sen Um­stand für ih­re Wahl­kampf­rhe­to­rik zu nut­zen. Sie sprach be­reits von der Kan­di­da­tur der „Dop­pel­gän­ger“: Fil­lon als Al­ter Ego von Sar­ko­zy, un­ter dem er fünf Jah­re lang Pre­mier war. Und Valls für Hol­lan­de. „Die Fra­ge stellt sich, ob François Fil­lon und Ma­nu­el Valls eher als neue Kan­di­da­ten oder eher als ehe­ma­li­ge Pre­mier­mi­nis­ter an­ge­se­hen wer­den“, er­klärt Po­li­to­lo­ge Reynié. Für Fil­lon scheint die Ant­wort klar: Er gilt den meis­ten Fran­zo­sen als ei­gen­stän­di­ger Be­wer­ber, da sei­ne Zeit an der Re­gie­rung be­reits vor fast fünf Jah­ren en­de­te und er da­nach in­ner­par­tei­lich ei­nen teils schar­fen Wahl­kampf ge­gen sei­nen ehe­ma­li­gen Chef Sar­ko­zy mach­te.

Für Valls liegt die Sa­che da­ge­gen kom­pli­zier­ter. Er ist eng mit dem Prä­si­den­ten ver­bun­den, der ihn 2014 zum Re­gie­rungs­chef be­rief. „Wir wer­den die Bi­lanz von François Hol­lan­de ver­tei­di­gen müs­sen. Ich wer­de das tun“, sag­te der ehr­gei­zi­ge 54-Jäh­ri­ge bei sei­nem ers­ten Auf­tritt nach Hol­lan­des Ver­zicht. Die­se Bi­lanz ist al­ler­dings ma­ger. Vor al­lem bei sei­ner wich­tigs­ten Auf­ga­be, dem Kampf ge­gen die Re­kord­ar­beits­lo­sig­keit, ver­sag­te der So­zia­list – ob­wohl er Jahr für Jahr ei­ne Trend­wen­de auf dem Ar­beits­markt an­kün­dig­te, die aber stets aus­blieb. Tat­säch­lich sind heu­te gut 500.000 Fran­zo­sen mehr ar­beits­los als zu Be­ginn sei­ner Amts­zeit. Dass die Zah­len zu­letzt leicht zu­rück­gin­gen, ist vor al­lem ei­nem groß an­ge­leg­ten Wei­ter­bil­dungs­pro­gramm zu ver­dan­ken.

„Wir wer­den die Bi­lanz von François Hol­lan­de ver­tei­di­gen müs­sen. Ich wer­de das tun“

Ma­nu­el Valls Fran­zö­si­scher Pre­mier­mi­nis­ter

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