Zwei Jah­re Welt­rei­se mit der Fa­mi­lie

We­gen sei­ner Kar­rie­re hat­te Wolf Kü­per kaum Zeit für sei­ne Kin­der. Toch­ter Ni­na wünsch­te sich des­halb ei­ne Mil­li­on Mi­nu­ten von ihm. Mit Er­folg. Die Fa­mi­lie ging auf gro­ße Tour. Und weiß seit­her, dass man Träu­me ver­wirk­li­chen kann.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON JÖRG ISRINGHAUS

BONN Ni­na Kü­per ist Mil­lio­nä­rin – Zeit-Mil­lio­nä­rin. Weil ihr die zehn Mi­nu­ten, die ihr Va­ter abends ins Vor­le­sen in­ves­tier­te, nicht aus­reich­ten, for­der­te sie mehr: „Ach Pa­pa, ich wünsch­te, wir hät­ten mor­gen ei­ne Mil­li­on Mi­nu­ten. Nur für die gan­zen schö­nen Sa­chen, weißt du?“Ni­nas Va­ter Wolf ge­riet ins Grü­beln. Und ent­schied mit sei­ner Frau Ve­ra, den Wunsch der da­mals vier­jäh­ri­gen Toch­ter zu er­fül­len. Ei­ne Mil­li­on ge­mein­sa­me Mi­nu­ten als Ge­schenk für die Kin­der, nur für die schö­nen Din­ge – Strand­spa­zier­gän­ge, Dra­chen stei­gen las­sen, in der Hän­ge­mat­te lie­gen. Zwei Jah­re war die Fa­mi­lie un­ter­wegs, in Thai­land, Aus­tra­li­en und Neu­see­land. Nach 694 Ta­gen wa­ren die Mil­li­on Mi­nu­ten vor­bei – und Ni­na stink­sau­er. „Sie hat ein­fach nicht da­mit ge­rech­net, dass das ei­ne end­li­che Grö­ße ist“, er­zählt Wolf Kü­per. „Und wir hat­ten Glück, dass sie die Mil­li­ar­de da­mals noch nicht kann­te.“

Ei­ne tol­le Ge­schich­te, wer­den jetzt vie­le den­ken, aber wie soll das ge­hen? Was ist mit dem Be­ruf, der Woh­nung, den Freun­den, dem Geld? Als Wolf Kü­per ins Grü­beln ge­riet, rund sechs Jah­re ist das jetzt her, lief es kar­rie­re­tech­nisch ge­ra­de gut für ihn. In Nie­der­krüch­ten auf­ge­wach­sen (der Va­ter war Ba­ri­ton an der Deut­schen Oper am Rhein und von Bre­mer­ha­ven ins Rhein­land ge­zo­gen), hat­te er fürs Lehr­amt stu­diert, in Bio­lo­gie pro­mo­viert und es erst zum Tro­pen­for­scher ge­bracht, dann zum Gut­ach­ter für die Ver­ein­ten Na­tio­nen, ein Traum­job. Top be­zahlt, welt­weit ge­fragt. Zeit für die Fa­mi­lie: ge­gen null.

Nur dass sei­ne Toch­ter viel Zu­wen­dung braucht – Ni­na lei­det an Ata­xie, ei­ner schwe­ren Be­we­gungs­und Ko­or­di­na­ti­ons­stö­rung mit Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­run­gen. Kü­per re­agier­te, warf den Job hin, wur­de Leh­rer in Bonn. „Ich hät­te mir sonst nicht mehr in die Au­gen se­hen kön­nen“, sagt er. Die Fa­mi­lie ver­such­te, in Bonn ein nor­ma­les Le­ben zu füh­ren, aber Ni­nas Rhyth­mus, er­zählt Kü­per, las­se sich eben mit Nor­ma­li­tät nicht ver­ein­ba­ren. Und dann bat sie um die Mil­li­on.

Die vier­köp­fi­ge Fa­mi­lie – Sohn Si­mon war da­mals ein hal­bes Jahr alt – ver­kauf­te ih­ren Haus­stand und zog los. Ni­nas Re­ak­ti­on: na end­lich! „Sie hat­te lan­ge dar­auf war­ten müs­sen, dass auch Er­wach­se­ne ver­ste­hen, was wich­tig ist“, sagt der 43-Jäh­ri­ge. Je­de Mi­nu­te ist kost­bar, heißt es. Man­che mehr, an­de­re we­ni­ger. Kü­per hat über­schla­gen, dass ihn ei­ne Mi­nu­te der bes­ten Zeit sei­nes Le- bens sie­ben Cent ge­kos­tet hat. Aus­ge­hend von den 75.000 Eu­ro, die er für die zwei Jah­re auf­wen­den muss­te. Seit­her rech­net er An­schaf­fun­gen, et­wa teu­re Au­tos, in Mi­nu­ten um. „Was will man mit den Din­gen, wenn man kei­ne Zeit da­für hat?“, fragt er. Le­bens­qua­li­tät wer­de heu­te falsch de­fi­niert: Wenn man sich ein teu­res Au­to leis­te, fra­ge nie­mand da­nach, aber wenn man sei­nen Kin­dern ei­ne tol­le Zeit be­rei­te, hei­ße es: Wie habt ihr das fi­nan­ziert?

Sei­ne Ge­schich­te zei­ge, dass man die ver­meint­li­che Nor­ma­li­tät im­mer hin­ter­fra­gen kön­ne, sagt Kü­per. Dass es Aus­we­ge aus der All­tags­müh­le ge­be. „Wenn man Träu­me hat, soll man die­se auch ver­wirk­li­chen. Was wir für nor­mal hal­ten, ist nur ei­ne fan­ta­sie­ar­me Fik­ti­on.“Die Kü­pers lern­ten auf ih­rer Rei­se dann ei­ne an­de­re Rea­li­tät ken­nen, ei­ne, in der die Res­sour­ce Zeit unend­lich er­schien. Wäh­rend­des­sen sei­en al­le so zu­frie­den ge­we­sen, er­zählt Wolf Kü­per, der die­se Er­fah­run­gen in ein amü­san­tes Buch ge­packt hat („Ei­ne Mil­li­on Mi­nu­ten“). Die­se Zuf­rie­den­heit zu­rück im All­tag bei­zu­be­hal­ten, war die Her­aus­for­de­rung. „Wir sind jetzt hier, weil wir es wol- len“, sagt Kü­per, was nichts an­de­res heißt, als dass man es auch ei­nes Ta­ges nicht mehr wol­len könn­te.

Al­les nur ei­ne Fra­ge der Fan­ta­sie. Die ist ge­ra­de bei Ni­na sehr aus­ge­prägt. Auf die Fra­ge ei­nes Psy­cho­lo­gen „Was ist nass und fällt vom Him­mel?“ant­wor­te­te sie, es han­de­le sich ga­ran­tiert um ei­nen Hund. Man kön­ne Tep­pi­che oder ein Bäl­le­bad un­ter­le­gen, da­mit er nicht zu hart auf­pral­le, oder ihn föh­nen, falls ihm zu kalt sei. Für die­se Ant­wort ha­be sie da­mals null Punk­te er­hal­ten, schreibt Kü­per. Da­zu hat Ni­na ein an­de­res Kon­zept von Zeit, ist oft die Letz­te. „,Kei­ne Has­tik’, sagt sie im­mer, wenn ich sie an­trei­be“, er­zählt der Va­ter. Das ha­be er sich auf ein T-Shirt dru­cken las­sen. Heu­te ist Ni­na elf und hat die Grund­schu­le ab­sol­viert. „Zu­letzt hat sie ge­sagt, sie möch­te nicht mehr län­ger als bis 12 Uhr zur Schu­le ge­hen.“

Zeit und wie man sie ge­stal­tet bleibt al­so das gro­ße The­ma in der Fa­mi­lie. Kü­per regt da­bei zum Nach­den­ken an. Et­wa: Man sol­le spa­ßes­hal­ber in Re­de­wen­dun­gen das Wort Zeit durch Le­ben er­set­zen. „Dann heißt es et­wa: ,Ich ha­be in den letz­ten Wo­chen über­haupt kein Le­ben ge­habt’.“So ein Satz müss­te doch so­fort nach­denk­lich stim­men. Denn un­se­re Zeit sei be­grenzt und da­mit die wert­volls­te Res­sour­ce.

Kü­pers Bu­ch­erfolg knab­bert aber eif­rig dar­an her­um, der Ter­min­ka­len­der droht schon wie­der voll­zu­lau­fen. Gut mög­lich al­so, dass die Fa­mi­lie bald wie­der die Reiß­lei­ne zieht. Das der­zei­ti­ge Le­ben in Bonn sei ei­ne Etap­pe, sagt Kü­per. Die nächs­te Rei­se kom­me be­stimmt. Und Ni­na ha­be ihm fest ver­spro­chen, dass sie ihn mit­nimmt. Wolf Kü­per, „Ei­ne Mil­li­on Mi­nu­ten“, Al­brecht Kn­aus Ver­lag, 256 Sei­ten, 19,99 Eu­ro

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