Nach dem Zu­sam­men­bruch des So­zia­lis­mus schien die De­mo­kra­tie als end­gül­ti­ger Ge­win­ner aus dem Kampf de her­vor­ge­gan­gen zu sein. Doch jetzt lässt sich ein her­ber Be­deu­tungs­ver­lust be­ob­ach­ten – selbst in ge­fes­tig­ten D

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON MAR­TIN BE­WE­RUN­GE

Un­se­re Ge­schich­te ist auch ei­ne der Irr­tü­mer. Ei­ner der größ­ten han­delt da­von, dass die Mensch­heit, nach­dem sie al­ler­lei Ese­lei­en aus­pro­biert hat, zur Ein­sicht ge­langt: Dies und kein an­de­res Sys­tem ist das bes­te, und des­halb blei­ben wir in Zu­kunft da­bei.

Der Letz­te, der sich hin­rei­ßen ließ, die­se wa­cke­li­ge The­se un­ter Fan­fa­ren­klän­gen wie­der un­ters Volk zu brin­gen, war Fran­cis Fu­ku­yama. Über­wäl­tigt vom voll­stän­di­gen Kol­laps des So­zia­lis­mus in der So­wjet­uni­on und den Staa­ten des War­schau­er Pakts, be­ju­bel­te der ame­ri­ka­ni­sche Po­li­to­lo­ge vor rund ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert das „En­de der Ge­schich­te“: Aus dem Krieg der Ideo­lo­gi­en sei­en li­be­ra­le De­mo­kra­tie und Markt­wirt­schaft ful­mi­nant als Sie­ger her­vor­ge­gan­gen – letzt­gül­tig und für­der­hin un­an­greif­bar.

Aber die Ge­schich­te war, wie wir heu­te wis­sen, kei­nes­wegs zu En­de, und der Zwei­fel, sie könn­te wo­mög­lich ein bö­ses En­de neh­men, al­len­falls für kur­ze Zeit ver­flo­gen: Mit den schö­nen Bil­dern der auf der Ber­li­ner Mau­er tan­zen­den Men­schen schloss ein an­sons­ten schreck­li­ches 20. Jahr­hun­dert schein­bar ver­söhn­lich. Doch das 21. be­gann mit ei­nem gro­ßen Knall, der bis heu­te nach­hallt und der de­mo­kra­ti­sche Stan­dards auf der gan­zen Welt in ei­nem Ma­ße er­schüt­tert hat, wie wir es noch im­mer nicht ganz be­grif­fen ha­ben.

Seit­her ist es Schlag auf Schlag ge­gan­gen: Glo­ba­li­sie­rung, Ban­ken­kri­se, Fi­nanz­kri­se, Flücht­lings­kri­se. Der de­mo­kra­ti­sche Auf­bruch im Ara­bi­schen Früh­ling – nie­der­ge­knüp­pelt, nie­der­ge­bombt. Blu­ti­ger Ter­ror in west­eu­ro­päi­schen Me­tro­po­len, An­schlä­ge auf ein Le­ben, wie es nur in of­fe­nen, de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaf­ten pul­siert. In die­sen Wir­ren ging Fu­ku­ya­mas Ver­hei­ßung ver­lo­ren, das Ge­fühl des Tri­um­phes ver­flog, der Glau­be in In­sti­tu­tio­nen ero­dier­te, die Angst kehr­te zu­rück in die Her­zen. Und die Wut.

De­mo­kra­tie un­ter Druck: We­ni­ger als ein Fünf­tel der We­st­eu­ro­pä­er traut ak­tu­ell noch po­li­ti­schen Par­tei­en, nur et­wa ein Drit­tel sei­nen Par­la­men­ten und Re­gie­run­gen. In Po­len setzt sich die Re­gie­rung über das Ver­fas­sungs­ge­richt hin­weg, nicht weit da­von ent­fernt voll­zieht sich die Pu­ti­ni­sie­rung Un­garns, und in der Tür­kei wird die kur­ze Ge­schich­te von De­mo­kra­tie und Rechts­staat in atem­be­rau­ben­dem Tem­po zu­rück­ge­dreht.

Selbst in De­mo­kra­ti­en wie Aus­tra­li­en, Groß­bri­tan­ni­en, den Nie­der­lan­den, Schwe­den oder den USA geht die Zahl de­rer dra­ma­tisch zu­rück, die sa­gen, in ei­ner De­mo­kra­tie zu le­ben, sei für sie un­er­läss­lich. Un­ter den in den 1980er Jah­ren Ge­bo­re­nen fin­det das nur noch je­der Vier­te, wie ei­ne neue Har­vard-Stu­die be­legt. Bei den Äl­te­ren ist der An­teil deut­lich hö­her: Mehr als die Hälf­te nennt De­mo­kra­tie es­sen­zi­ell. In­des glaubt in­zwi­schen ei­ner von sechs US-Ame­ri­ka­nern, dass ein Mi­li­tär­re­gime sei­ne Sa­che gut ma­chen wür­de. 1995 war nur ei­ner von 16 die­ser Auf­fas­sung. Be­son­ders krass: Mehr als ein Vier­tel der jün­ge­ren US-Bür­ger fin­det freie Wah­len nicht mehr wich­tig.

Dass sich Bür­ger in wach­sen­der Zahl nicht mehr ernst ge­nom­men füh­len von Po­li­ti­kern und Wirt­schafts­bos­sen, ist ernst zu neh­men. Schon zwei gro­ße Ko­ali­tio­nen im noch jun­gen Jahr­hun­dert ver­stär­ken auch hier­zu­lan­de das Miss­trau­en, Po­li­tik wer­de in Hin­ter­zim­mern aus­ge­kun­gelt und vor­bei an den Leu­ten ge­macht. Nach­denk­li­cher stimmt die Be­ob­ach­tung, dass sich die eta­blier­ten Par­tei­en bis­her als un­fä­hig er­wie­sen ha­ben, auf den größ­ten Ver­trau­ens­ver­lust ih­rer Wäh­ler seit En­de des Zwei­ten Welt­kriegs zu re­agie­ren. Da­bei ver­wei­sen For­scher seit Jah­ren auf ei­ne Spal­tung der Ge­sell­schaft, die nicht mehr ent­lang des klas­si­schen Links­rechts-Sche­mas, son­dern zwi­schen oben und un­ten ver­läuft. Und wo im­mer sich sol­che Lü­cken auf­tun, dau­ert es nicht lan­ge, bis Po­pu­lis­ten freu­dig hin­ein­sto­ßen. Po­pu­lis­mus kennt vie­le Au­s­prä­gun­gen, folgt aber stets ei­ner Grund­the­se: Das po­li­ti­sche Esta­blish­ment re­prä­sen­tie­re nicht das Volk – auch wenn es vom Volk in frei­er, glei­cher und ge­hei­mer Wahl be­stimmt wur­de. Da­mit zielt die po­pu­lis­ti­sche Grund­the­se auf das Herz der De­mo­kra­tie: Sie zieht die Le­gi­ti­ma­ti­on von Herr­schaft und ih­re Re­prä­sen­tan­ten in Zwei­fel. Dass es so weit ge­kom­men ist, liegt nicht al­lein an den gro­ßen Ver­ein­fa­chern.

Ent­spre­chend lo­cker setzt sich der Po­pu­lis­mus über Re­geln des de­mo­kra­ti­schen Stils hin­weg, die jahr­zehn­te­lang die po­li­ti­sche De­bat­ten­kul­tur ge­prägt ha­ben. Will­kom­men im post­fak­ti­schen Zeit­al­ter, das im Eng­li­schen „post-truth-era“heißt und nicht zu­fäl­lig kürz­lich vom Ver­lag der ehr­wür­di­gen „Ox­ford Dic­tio- na­ries“zum in­ter­na­tio­na­len Wort des Jah­res 2016 ge­wählt wur­de!

Das Ad­jek­tiv post­fak­tisch be­schreibt ein Phä­no­men, das auf der gan­zen Welt auf­poppt: Über­zeu­gun­gen wer­den we­ni­ger von ob­jek­ti­ven Tat­sa­chen be­ein­flusst, son­dern zu­neh­mend durch das Her­vor­ru­fen von Ge­füh­len. „An­ge­trie­ben von dem Auf­stieg der so­zia­len Me­di­en als Nach­rich­ten­quel­le und ei­nem wach­sen­den Miss­trau­en ge­gen­über Fak­ten, die vom Esta­blish­ment an­ge­bo­ten wer­den“, ha­be das Kon­zept des Post­fak­ti­schen an Bo­den ge­won­nen, so Ox­ford-Dic­tio­na­ries-Chef Cas­per Gra­th­wohl.

Wenn Fak­ten nicht mehr im Mit­tel­punkt ste­hen, wenn un­ver­hoh­len ge­lo­gen wer­den darf, wenn zum ent­schei­den­den Kri­te­ri­um für po­li­ti­sche Er­klä­rungs­mo­del­le wird, dass sie in der emo­tio­na­len Welt von Wäh­lern funk­tio­nie­ren und nicht in der wirk­li­chen, wenn Rück­sichts­lo­sig­keit zum neu­en Spa­ßfak­tor wird, dann muss der Ver­druss im Land groß sein. Dann könn­te man als De- mo­krat an­fan­gen, sich Sor­gen zu ma­chen. Es sei denn, man hat Ner­ven wie Ja­mes Bucha­n­an (1791– 1868), de­mo­kra­ti­scher Po­li­ti­ker und 15. Prä­si­dent der USA, der ein­mal kno­chen­tro­cken be­merk­te: „Ich lie­be den Lärm der De­mo­kra­tie.“Es ist wahr: De­mo­kra­tie muss auch das aus­hal­ten kön­nen.

„Ich lie­be den Lärm der De­mo­kra­tie“

Ja­mes Bucha­n­an De­mo­kra­ti­scher Po­li­ti­ker und 15. Prä­si­dent der USA

Wie auch im­mer: Nach Fran­cis Fu­ku­ya­mas The­se vom En­de der Ge­schich­te hat es nicht ein­mal ei­nen Wim­pern­schlag der Ge­schich­te ge­dau­ert, bis sich neue Un­über­sicht­lich­keit breit­mach­te. Ge­ra­de pas­siert nicht we­ni­ger, als dass wahr­heits­un­ab­hän­gi­ge und tat­sa­chen­ent­kop­pel­te Po­li­tik sa­lon­fä­hig wird. Es reicht aus, „die da oben“ laut­stark der Lü­ge zu zei­hen, um als je­mand zu er­schei­nen, der im Be­sitz der voll­stän­di­gen Wahr­heit ist. Ge­gen­kon­zept? Null, nicht nö­tig. Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik? Ger­ne – wird heu­te selbst von je­nen be­klatscht, die das Pa­ra­dies der Werk­tä­ti­gen noch aus ei­ge­ner An­schau­ung ken­nen. Pu­tins Neo-Za­ris­mus? Der Mann weiß je­den­falls, wo er steht!

„Ein zen­tra­les Pro­blem des po­li­ti­schen Le­bens heu­te ist das Feh­len ei­ner kla­ren Wer­t­ori­en­tie­rung der po­li­ti­schen Eli­te, die sie an die Le­bens­wirk­lich­keit ih­rer Bür­ger bin­den könn­te“, schrei­ben die Au­to­ren des De­mo­kra­tie-In­de­xes vom bri­ti­schen Ma­ga­zin „Eco­no­mist“. „Im frü­hen 20. Jahr­hun­dert kann­ten die füh­ren­den Po­li­ti­ker die Wer­te, für die ih­re Na­tio­nen stan­den. Heu­te sind sie un­fä­hig, das aus­zu­spre­chen, was in ih­ren Ge­sell­schaf­ten hoch­ge­hal­ten wird.“

Im­mer­hin: De­mo­kra­tie bleibt ein Gü­te­sie­gel, das kei­ner mis­sen möch­te. Er­staun­li­cher­wei­se be­haup­ten na­he­zu al­le Staa­ten der Welt von sich, De­mo­kra­ti­en zu sein. Auch Nord­ko­rea, das auf je­der Wie­steht-es-um-die-De­mo­kra­tie-Lis­te den letz­ten Platz be­legt. In Wahr­heit lebt nur knapp die Hälf­te der Mensch­heit in mehr oder we­ni­ger gut funk­tio­nie­ren­den de­mo­kra­ti­schen Staa­ten, und ob­wohl sich de­ren Zahl in den ver­gan­ge­nen vier Jahr­zehn­ten auf 116 bei­na­he vervierfacht hat, sind die Fein­de der De­mo­kra­tie kei­nes­wegs we­ni­ger ge­wor­den – nur ih­re Ver­su­che raffinierter, Frei­heit aus­zu­höh­len.

Un­se­re Ge­schich­te ist auch ei­ne der Irr­tü­mer. Ei­nem der größ­ten sind viel­leicht schon die frei­en grie­chi­schen Män­ner auf­ge­ses­sen, die sich einst auf dem Markt­platz ih­res Stadt­staa­tes, der Po­lis, ver­sam­mel­ten, um über al­le Din­ge zu ent­schei­den, die ih­re Ge­mein­schaft be­tra­fen. Viel­leicht war da­mals, vor 2500 Jah­ren, „Heu­re­ka“zu hö­ren: Hur­ra, ich hab’s ge­fun­den, das ist das En­de der Ge­schich­te. Aber die Ge­schich­te zeigt, dass es nichts Ge­fähr­li­che­res gibt, als sich dar­auf aus­zu­ru­hen.

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