Die bes­te schlech­te Staats­form

De­mo­kra­tie ist um­ständ­lich, stim­mungs­an­fäl­lig, kor­rup­ti­ons­ge­fähr­det. Ih­re Ver­ach­tung hat in Eu­ro­pa lan­ge Tra­di­ti­on.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON FRANK VOLL­MER

Mehr als zwei Drit­tel sei­nes gut neun­zig­jäh­ri­gen Le­bens war Wins­ton Chur­chill Un­ter­haus­ab­ge­ord­ne­ter. Er be­klei­de­te elf ver­schie­de­ne Re­gie­rungs­äm­ter, drei je zwei­mal. Und das al­les im Mut­ter­land des Par­la­men­ta­ris­mus: Groß­bri­tan­ni­en. Der Mann muss von De­mo­kra­tie et­was ver­stan­den ha­ben. 1947 sag­te die­ser Chur­chill den Satz: „Man hat ge­sagt, die De­mo­kra­tie sei die schlech­tes­te Re­gie­rungs­form – ab­ge­se­hen von all den an­de­ren, die dann und wann aus­pro­biert wor­den sind.“

Den ers­ten Teil, oh­ne die fol­gen­de Auf­he­bung, hät­ten in Eu­ro­pa in den ver­gan­ge­nen 2500 Jah­ren vie­le un­ter­schrie­ben. De­mo­kra­tie galt lan­ge als an­rü­chig, ver­ab­scheu­ungs­wür- dig, und zwar von An­be­ginn der po­li­ti­schen Phi­lo­so­phie. Für Pla­ton ist die De­mo­kra­tie die zweit­schlech­tes­te Staats­form, lie­der­lich und zü­gel­los, bes­ser nur als die Ty­ran­nei. Aris­to­te­les sor­tiert die rei­ne De­mo­kra­tie un­ter die ent­ar­te­ten, dem Ei­gen­nutz die­nen­den Staats­for­men – wenn al­le Frei­en re­gie­ren, sei das Will­kür.

Die an­ti­ke Skep­sis wirkt lan­ge nach. Dass de­mo­kra­ti­sche Ele­men­te al­len­falls in ei­ner aris­to­kra­tischmon­ar­chi­schen Misch­ver­fas­sung ver­tret­bar sei­en, schreibt noch 1513 Nic­colò Ma­chia­vel­li. In der ka­tho­li­schen Kir­che ist kurz zu­vor der An­spruch der Kon­zi­li­en auf die höchs­te Lehr­ge­walt am ab­so­lu­ten Macht­wil­len der Päps­te ge­schei­tert.

Das de­mo­kra­ti­sche Fun­da­ment der eu­ro­päi­schen Mo­der­ne wird nicht am Mit­tel­meer ge­legt, son- dern an Them­se und Sei­ne. In En­g­land wächst ab dem 13. Jahr­hun­dert ein Par­la­ment her­an; die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on be­weist, wie un­wi­der­steh­lich die auf­klä­re­ri­sche Al­li­anz aus Volks­sou­ve­rä­ni­tät und Na­tio­na­lis­mus ist. Der Sieg der de­mo­kra­ti­schen Staa­ten im Ers­ten Welt­krieg schließ­lich führt die De­mo­kra­tie in ih­re tiefs­te Kri­se: Die Nach­kriegs­ord­nung ist zwar frei von den al­ten re­ak­tio­nä­ren Mon­ar­chi­en, aber in wei­ten Tei­len chao­tisch.

In die­sem Kli­ma ge­deiht De­mo­kra­tie­ver­ach­tung präch­tig. „Selbst­be­stim­mungs­recht des Vol­kes ist ei­ne höf­li­che Re­dens­art; tat­säch­lich hat mit je­dem all­ge­mei­nen Wahl­recht sehr bald der ur­sprüng­li­che Sinn des Wäh­lens auf­ge­hört“, schreibt 1922 Os­wald Speng­ler im „Un­ter­gang des Abend­lan­des“. Die Wei­ma­rer Re­pu­blik, ent­stan­den „an der Schwel­le der ab­stei­gen­den De­mo­kra­tie“, sei ei­ne „Dik­ta­tur der Par­tei­ma­schi­nen“– das hät­ten auch die Na­zis so sa­gen kön­nen. Für Jo­seph Go­eb­bels ist De­mo­kra­tie ei­ne „ge­tarn­te Plu­to­kra­tie“, al­so (jü­disch be­ein­fluss­te) Geld­herr­schaft. Seit 1945 erst, nach dem Ho­lo­caust, wol­len al­le De­mo­kra­ten sein – auch die Kom­mu­nis­ten, die kei­ne sind, aber ih­re Staa­ten de­mo­kra­tisch nen­nen und den ab­sur­den Be­griff der Volks­de­mo­kra­tie er­fin­den.

Chur­chills Satz trifft aber noch in ei­nem tie­fe­ren Sinn zu. Um fest­zu­stel­len, dass die Staats­form De­mo­kra­tie ih­re Pro­ble­me hat, muss man kein Mon­ar­chist oder Neo­na­zi sein; Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler ge­nügt völ­lig. De­mo­kra­ti­en bil­den eher schwer­fäl­li­ge Re­gie­rungs­sys­te­me aus, die auf Kom­pro­mis­sen be­ru­hen und da­her wen­di­gen De­s­po­ten zu­min­dest kurz­fris­tig un­ter­le­gen sein kön­nen. Die Eu­ro­pä­er müs­sen für ei­ne Be­stä­ti­gung nur in die Ukrai­ne und auf die Krim schau­en.

Zugleich sind De­mo­kra­ti­en an­fäl­lig für kurz­fris­ti­ge Stim­mungs­wech­sel, eben weil al­le am po­li­ti­schen Pro­zess mit­wir­ken dür­fen. Deutsch­land hat ei­nen sol­chen Um­schwung mit all sei­nen Ver­wer­fun­gen ge­ra­de in der Flücht­lings­kri­se er­lebt.

De­mo­kra­ti­en sind an­fäl­lig für Lob­by­is­mus und Kor­rup­ti­on, weil die Auf­ga­ben der Ge­setz­ge­bung auf vie­le ver­teilt sind – ge­wähl­te Man­dats­trä­ger, die eben „Uni­ver­sal­di­let­tan­ten“sind, wie es Sig­mar Ga­b­ri­el ein­mal aus­drück­te. Man hat ihn für das Wort ver­spot­tet, aber es be­schreibt im Kern das We­sen ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie. Wir sind kein Tech­no­kra­ten­staat und kein Phi­lo­so­phen­kö­nig­tum.

Die De­mo­kra­tie hat auch das Pro­blem der Re­prä­sen­ta­ti­on nicht end­gül­tig ge­löst. Wie über­set­zen sich Wäh­ler­stim­men in Man­da­te? Seit ih­rer Ein­füh­rung sind die Sperr­klau­seln in der Bun­des­re­pu­blik um­strit­ten, die ei­ne Zer­split­te­rung der Par­la­men­te ver­hin­dern sol­len. We­der Ver­hält­nis- noch Mehr­heits­wahl bil­den das Wah­l­er­geb­nis per­fekt ab; die Ver­zer­run­gen sind teils mas­siv. In den USA ist ge­ra­de ein Mann zum Prä­si­den­ten ge­wählt wor­den, der 2,5 Mil­lio­nen Stim­men we­ni­ger er­hal­ten hat als sei­ne Kon­kur­ren­tin.

De­mo­kra­tie ist ei­ne fürch­ter­lich an­stren­gen­de, kom­pli­zier­te, um­ständ­li­che, an­fäl­li­ge Staats­form. Nie­mals gab es ei­ne bes­se­re.

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