Lit­faß­säu­len im Schnee

Win­ter­sport­ler ha­ben ei­ni­ges zu tra­gen, um ih­re Spon­so­ren in die Ka­me­ras zu hal­ten. Zum Vor­bild für an­de­re Sport­ar­ten tau­gen Bi­ath­le­ten und Co. da­her auch eher nicht.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rem Au­tor: ko­lum­ne@rhei­ni­sche-post.de

Ma­ren Ham­mer­schmidt hat­te an al­les ge­dacht. Hof­fent­lich. Aus ih­rer Sicht. Als der ARD-Kol­le­ge zum In­ter­view an­setz­te, war al­les da, was die TV-Ka­me­ra an und bei der deut­schen Bi­ath­le­tin an die­sem Abend in Östersund er­fas­sen soll­te. Der Sport­an­zug mit den vie­len klei­nen Wer­be­flä­chen. Die Skier. Die Stö­cke. Das ein­ge­pack­te Ge­wehr auf der Schul­ter. Die Müt­ze. Die Bauch­ta­sche. Die Son­nen­bril­le (wich­tig im Dun­keln) auf der Müt­ze. Die Kopf­hö­rer um den Hals. Al­les da. Al­les ge­spons­ort. Al­les im Bild.

Man hat sich als Zu­schau­er über die Jah­re of­fen­bar so sehr dar­an ge­wöhnt, die er­folg­rei­chen deut­schen Win­ter­sport­ler als wan­deln­de Lit- faß­säu­len beim In­ter­view und bei der Sie­ger­eh­rung zu er­le­ben, dass die­sen Bil­dern ih­re Skur­ri­li­tät in­zwi­schen fast schon ab­geht. Na­tür­lich le­ben die­se Sport­ler zu wei­ten Tei­len von ih­ren Geld­ge­bern aus der Wirt­schaft, und die­se ver­lan­gen nun ein­mal als Ge­gen­leis­tung für ihr En­ga­ge­ment TV-Prä­senz. Aber die men­ta­le Leis­tung der Sport­ler, Mi­nu­ten nach ei­nem 15- oder 20-Ki­lo­me­ter-Ren­nen an al­le ge­for­der­ten Be­stand­tei­le des Lit­faß­säu­len-Ko­s­tüms zu den­ken, muss ei­nem fast noch grö­ße­ren Re­spekt ab­nö­ti­gen als die rein sport­li­che Leis­tung.

Doch tau­gen Bi­ath­le­ten, Lang­läu­fer, Ski­sprin­ger und Ab­fah­rer da­mit wirk­lich zum Vor­bild für an­de­re Sport­ar­ten? Wür­den wir da ge­nau­so un­re­flek­tiert zu­schau­en, wenn Ath­le­ten ih­re mit Wer­bung zu­ge­pflas­ter­ten Sport­ge­rä­te in die Ka­me­ra hiel­ten? Wä­ren wir nicht ir­ri­tiert, wenn je­der Fuß­bal­ler plötz­lich sei­ne Schu­he ge­bun­den um den Hals hän­gen hät­te, wenn er sich nach Ab­pfiff den Me­di­en­ver­tre­tern stellt? Wür­de es nicht doch ko­misch an­mu­ten, wenn Rei­ter im­mer ih­ren Sat­tel mit ins TV-Stu­dio näh­men? Wenn Fech­ter im­mer in der lin­ken Hand das Mi­kro und in der rech­ten De­gen, Sä­bel oder Flo­rett hiel­ten? Und wer wür­de es gu­ten Ge­wis­sens ei­nem Ge­wicht­he­ber zu­mu­ten wol­len, mit sei­nem in die Hö­he ge­stemm­ten Welt­re­kord­ge­wicht die Fra­ge be­ant­wor­ten zu müs­sen: „Kön­nen Sie noch mal ein biss­chen aus­führ­li­cher schil­dern, wie sich der Wett­kampf für Sie so an­ge­fühlt hat?“Ein solch ar­mer Kerl wä­re in die­sen Fall ja bes­ser Mit­glied ei­nes Vie­rer­bobs ge­wor­den. Der ist zwar auch schwer, aber da könn­ten im­mer drei hal­ten, und ei­ner re­det.

Aber viel­leicht ist so viel Zy­nis­mus an die­ser Stel­le auch un­an­ge­bracht. Viel­leicht soll­ten wir als Jour­na­lis­ten am En­de froh sein, dass wir es im­mer noch sind, die die men­sch­li­chen Wer­be­ban­den nach ih­rem Wett­kampf be­fra­gen dür­fen. Sonst kom­men am En­de die Spon­so­ren noch auf die Idee, sie mach­ten auch die In­ter­views gleich selbst.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.