Der Pre­di­ger

Chris­ti­an Streich nutzt die wö­chent­li­chen Pres­se­kon­fe­ren­zen als Bun­des­li­ga­trai­ner des SC Frei­burg, um sei­ne Mei­nung zu ge­sell­schaft­lich re­le­van­ten The­men kund­zu­tun. Heu­te gas­tiert er mit den Ba­de­nern bei Bay­er Le­ver­ku­sen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON STE­FAN KLÜT­TER­MANN

DÜS­SEL­DORF/FREI­BURG Vie­le Pres­se­kon­fe­ren­zen im Vor­feld ei­nes Bun­des­li­ga­spiels sind ri­tua­li­sier­te Aus­drucks­form des Nichts­sa­gens. Jour­na­lis­ten ver­su­chen, dem Trai­ner Wort­ge­wal­ti­ges zu ent­lo­cken, der Trai­ner ver­sucht, nicht zu viel preis­zu­ge­ben, was die an­ste­hen­de Par­tie be­trifft. Als Quint­es­senz der Ver­an­stal­tung steht dann oft: Der Geg­ner steht de­fen­siv sehr kompakt und schal­tet schnell um, ob Spie­ler XY am Wo­che­n­en­de spie­len kann, ent­schei­det sich kurz­fris­tig, und Sta­tis­ti­ken sind nur et­was für die Me­di­en. In Frei­burg sieht die Welt der Pres­se­kon­fe­ren­zen ganz an­ders aus. Denn in Frei­burg ar­bei­tet Chris­ti­an Streich. Und er ist der Pre­di­ger un­ter den Bun­des­li­ga­trai­nern.

Wo Amts­kol­le­gen an­ders­wo in der Re­pu­blik froh sind, den Pflicht­ter­min hin­ter sich ge­bracht zu ha­ben, re­det sich der 51-Jäh­ri­ge re­gel­mä­ßig in Ra­ge. Nicht so sehr in Be­zug auf das nächs­te Spiel, viel öf­ter zu The­men, die ab­seits des Ra­sens ge­ra­de auf der ge­sell­schaft­li­chen Agen­da ste­hen. Streich, mit fast fünf Jah­ren Amts­zeit di­enst­äl­tes­ter Erst­li­ga­trai­ner, tut dies in so ver­läss­li­cher Re­gel­mä­ßig­keit, dass die „Ba­di­sche Zei­tung“mal das Vi­deo­for­mat „Streich der Wo­che“ins Le­ben rief. Weil die Frei­bur­ger Jour­na­lis­ten na­tür­lich längst wis­sen, wie sie den frü­he­ren Lehr­amts­stu­den­ten (Ger­ma­nis­tik, Ge­schich­te, Sport) kit­zeln müs­sen, da­mit er los­legt, ist auch kein En­de der Pre­dig­ten in Sicht.

In der Vor­wo­che hat­te Streich es auf die so­zia­len Me­di­en ab­ge­se­hen. „Goog­le und Face­book ma­chen Mei­nung, das sind mit die mäch­tigs­ten Leu­te auf der Welt“, re­fe­rier­te Streich. Er hof­fe, dass sei­ne Spie­ler wis­sen, wel­che Be­deu­tung die­se Art von In­for­ma­ti­ons­quel­len hät­te und for­der­te dann, ein­mal in Fahrt, der Um­gang mit Face­book, Twit­ter und Co. „müss­te Schul­fach sein, von der Grund­schu­le an­ge­fan­gen“, denn „ich wür­de ger­ne wei­ter­hin in ei­ner De­mo­kra­tie le­ben, wenn das mög­lich ist“.

An an­de­rer Stel­le rief Streich sei­ne Spie­ler auch schon mal öf­fent­lich auf, in je­dem Fall wäh­len zu ge­hen, um „mög­lichst vie­le Stim­men ab­zu­ge­ben für de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en und ge­gen die­se un­säg­li­che frem­den­feind­li­che und gäs­te­feind­li­che Po­li­tik ei­ni­ger Par­tei­en“. Denn die Flücht­lings­de­bat­te treibt Streich wie Mil­lio­nen Bun­des­bür­ger um. Doch weil er im Ge­gen­satz zu Mil­lio­nen Bun­des­bür­gern eben die me- dia­le Büh­ne der Fuß­ball-Bun­des­li­ga be­sitzt, mach­te sei­ne Mei­nung zum The­ma hin­ter­her die Run­de – nicht zu­letzt sei­ne For­de­rung, Flücht­lin­ge schnell in Ar­beit zu brin­gen. „Hät­te man mich mit 30 Jah­ren nicht ar­bei­ten las­sen, son­dern in ei­nem Haus mit an­de­ren Men­schen ein­ge­sperrt über ei­ne län­ge­re Zeit, wüss­te ich nicht, was ich ge­macht hät­te. Auf je­den Fall wä­re der Ag­gres­si­ons­pe­gel ge­stie­gen. Und ich hät­te mich ge­schämt, weil ich mei­nen Kin­dern kei­ne klei­nen Rol­ler oder ir­gend­was be­sor­gen hät­te kön­nen“, sag­te Streich da­mals.

Aber Streich denkt auch an sei­ne Kol­le­gen. An Ro­ger Schmidt vom heu­ti­gen Geg­ner Bay­er Le­ver­ku­sen (15.30 Uhr), zum Bei­spiel. Als be­sag­ter Schmidt un­längst nach sei­ner von TV-Ka­me­ras ein­ge­fan­ge­nen und da­nach ge­ahn­de­ten Ent­glei­sung am Spiel­feld­rand er­neut kri­ti­siert wur­de, sprang ihm Streich me­di­al zur Seite. Schmidt wer­de „wie ei­ne Sau durchs Dorf ge­trie­ben. Das ist Wahn­sinn. Wir Trai­ner wer­den vor­ge­führt, in ei­ner Si­tua­ti­on, in der wir un­ter to­ta­ler An­span­nung sind“, pol­ter­te Streich – selbst nicht ge­ra­de ein tie­fen­ent­spann­ter Ver­tre­ter in der Coa­ching Zo­ne.

Im Vor­feld des heu­ti­gen Spiels woll­te sich Streich gar nicht viel mit Bay­er Le­ver­ku­sen be­schäf­ti­gen, sag­te er. Wich­ti­ger sei ihm, „mit wel­cher Hal­tung wir spie­len“. Ein biss­chen Pre­digt ist eben je­de Wo­che in Frei­burg.

FOTO: IMA­GO

Hat ei­ne Mei­nung zu vie­len The­men: Chris­ti­an Streich.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.